Pillen im Namen der Rose

31. Januar 2006
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Trotz eines voraussichtlich negativen Gerichtsurteils im Verfahren um die Medikamentenabgabe in der Drogeriekette "dm" bleiben die Versandapotheken im deutschsprachigen Raum auf Supermarktkurs. Die auch in Deutschland erfolgreiche Apotheke "Zur Rose" mietet sich jetzt bei einer Schweizer Einzelhandelskette ein.

Bei dm wird’s wohl erstmal keine Pillen geben

In Deutschland brachte die Drogeriekette dm das Thema zum ersten Mal im Jahr 2004 aufs Tablett. In acht Testfilialen im Rheinland konnten die Kunden eine Zeitlang rezeptpflichtige und rezeptfreie Arzneimittel bestellen. Die Drogerie leitete das Bestellformular weiter an die Europa-Apotheke im niederländischen Venlo. Die stellte ein entsprechendes Paket zusammen, das der Kunde zwei bis drei Tage später in der entsprechenden "dm"-Filiale abholen konnte. In einem Eil-Beschluss untersagte das Düsseldorfer Verwaltungsgericht damals diese Aktion, eine Auffassung, die in der Folge auch vom Oberlandesgericht bestätigt wurde. Das Urteil im Hauptverfahren fällt in diesen Tagen, genau gesagt am 15. Februar. Das Argument der Drogisten ist im Wesentlichen, dass es keinen Unterschied mache, ob ein Kunde seine Medikamente, wie beim normalen Versandhandel, zugeschickt bekommt beziehungsweise bei der Post abholt, oder ob er das in der Filiale eines Drogeriemarkts tut. "Wo ist der Unterschied zwischen einer Poststelle und einer Drogerie bei der Ausgabe von Sendungen mit Medikamenten?", fragen die "dm"-Anwälte. Der Vorsitzende Richter Andreas Hake verweist demgegenüber darauf, dass ja auch die Bestellung in der Drogerie erfolgt. Einen Kontakt zwischen Kunde und Apotheker gibt es also an keiner Stelle. "Das als Versandhandel zu betrachten, fällt uns schwer", so Hake, der damit der organisierten Apothekerschaft aus der Seele spricht.

Versandapotheken drängen weiter in die Supermärkte

Wenn das Gerichtsurteil in zwei Wochen so ausfällt, wie es allgemein erwartet wird: Ist das Thema Arzneimittelabgabe in Supermärkten beziehungsweise Drogerien damit endgültig vom Tisch? Eher nicht. Dafür sorgen schon die im Moment vor Kraft strotzenden Versandapotheken, die diesen Vertriebsweg noch längst nicht aufgegeben haben. Ein sehr aktuelles Beispiel ist die Versandapotheke Zur Rose, einer der expansivsten Anbieter in diesem Marktsegment. Die "Zur Rose Pharma GmbH" hat ihren Sitz in Halle an der Saale. Der Online-Shop wurde erst Anfang 2005 ins Netz gestellt. Weil es das Gesetz so will, wurde nur wenige Wochen vorher die stationäre Apotheke "Zur Rose" eröffnet, ebenfalls in Halle. Innerhalb nur eines Jahres hat "Zur Rose" in Deutschland über 50.000 Kunden gewonnen und einen Umsatz im zweistelligen Millionenbereich gemacht. Das Unternehmen beschäftigt schon jetzt 45 Mitarbeiter. Es gibt Kooperationen mit sieben Krankenkassen, darunter die DAK, außerdem mit AOL Deutschland, wodurch weiter sechs Millionen potenzielle Kunden angesprochen werden können.

Die "Zur Rose Pharma GmbH" ist Teil einer interessanterweise Ärzten gehörenden Unternehmensgruppe, deren Muttergesellschaft seit über zehn Jahren in Frauenfeld in der Schweiz zuhause ist. In der Schweiz nun hat "Zur Rose" jetzt einen an das "dm"-Konzept erinnernden Coup gelandet, der die Eidgenossen völlig aus der Fassung gebracht hat. Seit Kurzem können Kunden in einer Filiale der Einzelhandelskette Migros im Kanton Aargau ihre Arztrezepte abgeben. "Zur Rose" beliefert die Rezepte, und zwei Tage später werden die Medikamente vom Kunden abgeholt. Erfahrungen mit diesem Vertriebsweg sollen bis Mitte des Jahres gesammelt werden. Danach will Migros entscheiden, ob weitere Filialen mit ins Boot kommen oder nicht. Die Gesundheitsbehörde von Aargau war zunächst einigermaßen perplex und hat erst einmal eine Untersuchung eingeleitet. Die wurde innerhalb weniger Tage abgeschlossen. Und siehe da: Die Schweizer kommen zu einem anderen Ergebnis als die Deutschen. Interessant ist die Begründung, die stark an die Argumentation der "dm"-Anwälte erinnert:

"Im bislang bereits praktizierten Versandmodell liefert die Post die bestellten Arzneimittel nach Hause. Im vorliegenden Modell fungiert die Migros als Briefkasten und Paketabgabestelle, der Transport erfolgt durch die Apotheke zur Rose. Nach Auffassung des Departementes Gesundheit und Soziales unterscheiden sich die neue Logistiklösung und die Zustellung über die Post in der rechtlichen Beurteilung nicht."

Zurück auf Los also? Deutsche Versandapotheker jedenfalls dürften die Erfahrungen, die jetzt in der Schweiz gesammelt werden, mit Interesse verfolgen. Vielleicht entwickeln sich mittelfristig ja auch ganz andere Lösungen, etwa wenn das Fremdbesitzverbot fallen sollte. Ähnlich wie in England die Drogeriekette Boots könnten dann auch deutsche Drogerieketten eigene Apothekenketten unterhalten. Das allerdings ist bisher Spekulation. Die Deutschen sind übrigens nicht davon überzeugt, dass es Medikamente unbedingt in Drogerien geben muss. Eine aktuelle Umfrage des Nachrichtensenders ntv zumindest zeigt eine rund 80prozentige Ablehnung…

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