Harninkontinenz: Warten auf den Klempner

3. September 2012
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Für Menschen mit Harninkontinenz ist ein normaler Alltag meist schwer zu bewältigen. Jedoch gibt es zahlreiche gynäkologische als auch urologische Therapiemöglichkeiten, die eine Verbesserung der Kontinenzfunktion ermöglichen.

Von Harninkontinenz sind in jüngeren Jahren hauptsächlich Frauen betroffen. Allerdings kennen Senioren beiderlei Geschlechts das Tabuthema – im Alter von 80 und mehr leiden drei von zehn Menschen daran. Sie empfinden eine Inkontinenz als extrem belastend und kommen nicht selten bereits mit schwerwiegenden Funktionsstörungen zum Arzt.

Gut verschlossen

Im gesunden Zustand melden Dehnungsrezeptoren dem Gehirn, wie voll unsere Blase ist. Um unwillkürlichen Harnabgang zu verhindern, entspannen sympathische Nerven den Detrusormuskel und kontrahieren den inneren Schließmuskel. Bei der Miktion kehrt sich dies um: Parasympathische Nerven kontrahieren den Detrusor und entspannen den Schließmuskel. Je nach Krankheitsbild signalisiert die Blase zu früh, dass eine Toilette aufgesucht werden sollte, oder es kommt zum ungewollten Urinabgang.

Lästige Gewohnheiten

Zur gründlichen Anamnese sollten Patienten ein Miktionstagebuch ausfüllen. Dazu gehören auch Trinkgewohnheiten: Wie eine US-amerikanische Arbeit mit 4.000 Patienten gezeigt hat, treten Inkontinenzen beim Konsum von mehr als 204 Milligramm Coffein pro Tag signifikant häufiger auf als in der Vergleichsgruppe. Urologen raten deshalb, harntreibende Getränke wie Kaffee, Tee und Alkohol zu meiden – die Trinkmenge von mindestens zwei Litern pro Tag sollten Inkontinenzpatienten jedoch nicht verringern. Häufig führen auch bakterielle oder virale Infekte zu der Symptomatik. Ein Blick auf die Arzneimittel lohnt ebenfalls: ACE-Hemmer können Auslöser einer Belastungsinkontinenz sein, während bei manchen Antidepressiva oder Kalziumkanalblockern mit Harnverhalt zu rechnen ist. Nach weiteren Untersuchungen inklusive Bildgebung und Urodynamik steht in der Regel eine Diagnose fest. Besonders häufig treten Belastungs- und Dranginkontinenzen auf, inklusive diverser Mischformen.

Wenn die Blase drängt

Patienten beschreiben eine Dranginkontinenz (überaktive Blase) als plötzlichen, extremen Harndrang. Hier gibt die Blasenwand falschen Alarm – eigentlich wäre noch genug Platz, um weiteren Urin zu speichern. Hinter den Symptomen können sich andere Grunderkrankungen verbergen, etwa eine Prostatahyperplasie oder eine Harnröhrenstriktur. Blasensteine oder Tumoren der Blasenwand sollten ebenfalls in Betracht gezogen werden. Sind Signale zur Steuerung des Musculus detrusor außer Kontrolle, kommen neuronale Erkrankungen ebenfalls in Frage. Scheiden derartige Verdachtsmomente aber aus, rückt die Harnblase selbst in den Fokus.

Nerven unter Kontrolle

Im gesunden Körper steuert Acetylcholin den Musculus detrusor – ein therapeutischer Ansatzpunkt: Anticholinergika schwächen seine Kontraktion. Entsprechende Rezeptoren kommen jedoch nicht nur in der Blase vor. Bei älteren, weniger selektiven Pharmaka wie Oxybutynin oder Propiverin sind Nebenwirkungen deshalb nicht auszuschließen. Moderne Arzneistoffe wie Darifenacin oder Solifenacin binden am M3-Muskarinrezeptor des Musculus detrusor mit höherer Affinität als beispielsweise an M1- oder M2-Rezeptoren anderer Organsysteme. Zentrale oder kardiale Effekte treten hierbei kaum mehr auf. Und mit dem neuen β3-Rezeptoragonisten Mirabegron gehen Forscher in eine ähnliche Richtung: Aufgrund seiner Selektivität entspannt der Wirkstoff nur Muskeln in der Harnblase, während unerwünschte Wirkungen unter dem Placebo-Niveau liegen. In den USA ist die Substanz bereits zugelassen. Sollte eine Pharmakotherapie aufgrund bestehender Vorerkrankungen nicht möglich sein, bleibt als Option das Botulinumtoxin A. In den Detrusor injiziert, sinkt dessen Kontraktionskraft für bis zu neun Monate. Patienten berichten von einem geringeren Harndrang, und die Miktionsmenge erhöht sich. Zu hohe Dosen können allerdings eine Entleerungsstörung auslösen.

Blase schwer belastet

Im Gegensatz zur Dranginkontinenz verlieren Patienten mit Belastungsinkontinenz (Stressinkontinenz) Urin ungewollt beim Sport, beim Heben schwererer Lasten, aber auch beim Lachen, Niesen oder Husten. Dahinter steckt meist eine Beckenbodenschwäche, von der Frauen nach Schwangerschaft und Geburt oder in der Menopause betroffen sind. Gynäkologen und Urologen versuchen, durch Gymnastik den Beckenboden zu stabilisieren. Bei einer Erschlaffung der Muskulatur helfen elektrische Stimulationen sowie Biofeedback-Methoden. Und Pessare beziehungsweise Vaginalkonen bringen Organe, die durch einen Prolaps nach unten gerutscht sind, wieder in ihre ursprüngliche Position. Viele Frauen profitieren auch von einer Gewichtsreduktion, wie eine Studie mit 335 Patientinnen gezeigt hat. Nachdem Betroffene um 5,5 bis 8,0 Prozent abgespeckt hatten, verringerten sich ihre Inkontinenzphasen deutlich.

Griff in die pharmazeutische Schatzkiste

Führen diese Strategien nicht zum Ziel, gibt es auch hier pharmazeutische Hilfen wie Duloxetin. Dieser selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI), ursprünglich als Antidepressivum entwickelt, erhöht den Tonus des Harnröhrenschließmuskels. Duloxetin ist nur bei Frauen mit mittelschwerer bis schwerer Belastungsinkontinenz zugelassen, kommt jedoch off label bei Männern nach einer Prostatektomie zum Einsatz. Aber auch den Herren hilft ein gezieltes Beckenbodentraining.

Skalpell: eher selten

Fruchten diese Maßnahmen nicht, bleibt als letzter Ausweg, einen hydraulisch steuerbaren Blasenschließmuskel zu implantieren. Die Pumpe selbst, sie befindet sich bei Männern im Hoden, gibt auf Knopfdruck eine Manschette frei, und der Urin kann abfließen. Mit diesem System werden bis zu 96 Prozent aller Patienten ausreichend kontinent, um wieder aktiv am Berufsleben und an Freizeitaktivitäten teilzunehmen. Bei Frauen hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr das Tension free Vaginal Tape (TVT) durchgesetzt: Chirurgen legen ein Kunststoffband spannungsfrei unter die Harnröhre, um Defekte am Bindegewebe und an Bändern zu kompensieren. Operationen wie die Kolposuspension zur Anhebung des Blasenhalses sind angesichts zahlreicher Alternativen heute selten geworden. Auch gelten Injektionen mit Biomaterialien wie Hyaluronsäure oder Kollagen nicht als erstes Mittel der Wahl, das Verfahren zeigt in Studien keine guten Langzeitresultate.

84 Wertungen (4.38 ø)
Medizin

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10 Kommentare:

Psychologin

Ich habe mir eben das Video und die Infos auf der Webseite mit den Beckenboden-Trainings-Konen angeschaut. Ich finde das so simpel und überzeugend, dass ich das auf jeden Fall meinen Klientinnen und auch Freundinnen empfehlen werde (und es auch selbst ausprobieren werde). Ich selbst biete Biofeedback-Training an, das natürlich bei Harninkontinenz sehr gut eingesetzt werden kann und das im Grund auf dem gleichen Prinzip wie diese Konen beruht, nämlich die Muskeln durch das Training zu kräfigen. Doch der Einsatz der Konen ist für Frauen, die das Problem in Eigeninitiative anpacken möchten, eigentlich die ideale Lösung.

#10 |
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Seit wann beschäftigt sich der Klempner mit der Harnblase?? Ich kenne ds anders.

#9 |
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An alle die aktiv selber etwas tun möchten kann ich nur die CANTIENICA-Methode empfehlen, die ich selber gerade erlerne. Vereinfacht gesprochen ist es ein Training der Tiefenmuskulatur und dadurch wirkt es auf den ganzen Körper, bei Männern wie bei Frauen. Das Buch “Tigerfeeling” erklärt die Methode und inzwischen gibt es in vielen Städten Trainer und Kurse. Viel Spaß beim Ausprobieren. Es ist sensationell und verschafft ein völlig neues Körpergefühl. Ich kann es nur ALLEN empfehlen.

#8 |
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Michael Spars
Michael Spars

Der Artikel mag eine gute Absicht haben, aber die Überschrift ist peinlich und freut besonders die Menschen, die unter dem Thema leiden!

#7 |
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Dr. med. Monika Frank-Auth
Dr. med. Monika Frank-Auth

Das tenseless vaginal tape (TVT) ist für die ehemals Betroffenen ein Segen! Da es ohne Vollnarkose eingesetzt wird, verstehe ich NICHT, warum es bei Älteren nicht mehr verbreitet ist.
Die erste Miktion nach der OP kann verzögert sein, ist aber schon mit Akupunktur wieder in Gang zu bekommen. Seit ca. 15 Jahren gibt es diese OP!
Somit finde ich es schade, dass in dem Artikel diese Lösung nur spät und nur in 1 Satz erwähnt wird…

#6 |
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Als klinisch tätiger Urologe weiß ich aus den Erfahrungen aus dem Kontinenzzentrum unserer urologischen Klinik, wie lange es oft dauert und welche Odysee viele hinter sich haben, bis bei den betroffenen Patientinnen und Patienten eine suffiziente Therapie eingeleitet wird. Das liegt zum einen an dem nach wie vor tabuisierten Thema “Inkontinenz”, z. T aber auch an der mangelnden Information im hausärztlichen Bereich.
Harninkontinenz ist nicht einfach eine Alterserscheinung, die man so hinnehmen muss. Eine korrekte Diagnostik und die notwendige Erfahrung auf diesem Gebiet vorausgesetzt, kann man sehr viele Betroffenen suffizient therapieren. Dazu steht ein breites Spektrum konservativer und operativer maßnahmen zur Verfügung.
Aus diesem Grund führen wir viele Informationsveranstaltungen durch, damit inkontinente Menschen sich trauen, ihr Leiden zu thematisieren. Sonst geht es vielen so wie Frau Orth, man zieht sich im aktiven Alter aus dem aktiven Leben zurück. Das muss definitiv nicht sein. In diesem Zusammenhang sei der Hinweis auf die Deutsche Kontinenzgesellschaft erlaubt, auf deren Website zahlreiche Zentren zu finden sind, die weiter helfen können.

#5 |
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Gabriele Orth
Gabriele Orth

Ich bin selbst betroffen, und ich bin erst 55. Ich fühle mich unsicher und ziehe mich immer mehr aus dem aktiven Lebeb zurück.

#4 |
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Dipl- Ing Bernd Hallinger
Dipl- Ing Bernd Hallinger

Eine sehr wirksame Methode des Beckenboden tranings ist die Transpelvine Magnetfeld Stimmulation. Ähnlich der Elektrotherapie, aber ohne dass Elektroden eingeführt werden müssen.

#3 |
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PDL Heimleitung Regine Rausch
PDL Heimleitung Regine Rausch

Ich habe in meiner aktiven Zeit in der Pflege häufiger erlebt das die Kombination aus Blasen-und Toiletten Training kombinert mit Beckenbodengymnastik sehr erfolgversprechend ist.Es macht erst ein bischen mehr arbeit aber nach 6-8 Wochen zeigt sich der Erfolg.Nicht nur das die Pflegearbeit verringert wurde, nein auch das Selbstwertgefühl der betroffenen Bewohner steigt enorm.Danke für den Hinweis das zB Kaffee und Medikament die Inkontinez beeinflussen.

#2 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

“… im Alter von 80 und mehr leiden drei von zehn Menschen daran.” … Sehr geehrter Herr Dipl.-Chem. Michael van den Heuvel, Sie stapeln tief, glaube ich. Ihre Therapieansätze wünsche ich mir flächendeckend gestreut als alltäglich über mein Arbeitsgebiet.

#1 |
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