Des Ministeriums Zahlen und Fakten – Ist das Glas doch halb voll?

1. Februar 2006
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Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat in einer Pressemitteilung vom 17. Januar 2006 Stellung zu den Argumenten protestierender Ärzte bezogen. In einem 15 Seiten langen Dokument mit dem Titel "Zahlen und Fakten zur Situation der Ärzteschaft" werden die Argumente der Ärztevertreter zerlegt. Glaubt man dem BMG, geht es den Ärzten Deutschlands so gut, dass sie sich vor Freude geradezu kringeln müssten.

Das Gesundheitsministerium präsentiert Zahlen und Fakten zu Themen, die bei Protesten der Ärzteschaft im Vordergrund stehen, angeschnitten werden unter anderem:

  • Ansehen der Ärzte in der Bevölkerung

  • Einkommenssituation der Ärzte

  • Arbeitszeiten

  • Entwicklung der Arztzahlen und Ärztemangel

  • Ärztenachwuchs

  • Abwanderung deutscher Ärzte ins Ausland

Ansehen und Einkommen der Ärzte

Das Ansehen der Ärzte ist nach den Ergebnissen der Allensbacher Berufsprestige-Skala mit 71 % positiver Einschätzung, sehr hoch. Damit genieße die Ärzteschaft das "höchste Öffentlichkeitsprestige aller abgefragten Berufe.

Die Einkommenssituation der Ärzte stellt sich für das Ministerium sowohl im niedergelassenen, als auch im stationären Bereich sehr gut dar. Das Einkommen der Ärzte liege "deutlich über dem Durchschnittseinkommen von Arbeitnehmern und über dem Einkommen anderer Akademiker". Darüber hinaus habe das Einkommen der Ärzte "in den letzten Jahren zugenommen", sodass die Ärzte dabei mit der "Inflation Schritt halten" konnten. Im internationalen Vergleich seien Ärzte "im Mittelfeld" und "keineswegs am unteren Ende".

Nach den vom Gesundheitsministerium dargelegten Zahlen liegt der durchschnittliche Praxisüberschuss niedergelassener Ärzte im Westen bei etwa 85.000 Euro. Der durchschnittliche Bruttojahresverdienstes einer "ärztlichen Vollkraft" in deutschen Krankenhäusern liege bei 66.000 Euro. Gleichzeitig ist zu lesen, dass die Vorstände der Kassenärztlichen Vereinigung locker-flockige 260.000 Euro im Jahr erhalten.

Im internationalen Vergleich rangiert das durchschnittliche Jahreseinkommen der Ärzte nach der OECD unter anderem hinter den USA, Niederlanden und Großbritannien, jedoch noch vor Ländern wie beispielsweise Frankreich, Tschechien und Mexiko.

Arbeitszeiten und Nachwuchsmangel

Bei den Arbeitszeiten verkündet das Bundesgesundheitsministerium geradezu revolutionäre Zahlen aus einem DIW-Wochenbericht. Ärzte arbeiten demnach 46,1 Stunden in der Woche. Da fehlt nur noch der Hinweis, dass die Augenringe eines Arztes durch zu viel und nicht zu wenig Schlaf verursacht werden.

Die Zahlen der beschäftigten Ärzte zeigen nach Interpretation des Ministeriums einen Zuwachs um 22 % seit 1992. Dabei bestehe grundsätzlich ein gutes Verhältnis der Anzahl Arzt/Patient. Erwähnt werden auch regionale Unterschiede mit dem Hinweis, dass besonders im Osten Deutschlands die Arztzahlen deutlich niedriger sind.

Nachwuchssorgen bestünden auch nicht, da die Anzahl der Medizinstudierenden von 1999 bis heute einen leichten Aufwärtstrend aufweisen (von 80.609 auf 80.991). Der Tabelle ist jedoch auch zu entnehmen, dass es 1998 noch über 82.000 Medizinstudenten, im Jahr 1992 sogar noch über 93.000 Medizinstudenten gab. Das Verhältnis Bewerberzahl zu Studienplätzen hat sich seit 2002 fast verdoppelt, was für das Gesundheitsministerium ein Grund zur Freude zu sein scheint, während alle abgelehnten Bewerber in die Verzweiflung getrieben werden.

Einen großen Ärztemangel befürchtet das Bundesgesundheitsministerium mit dem Verweis auf die vielen unbesetzten Niederlassungsmöglichkeiten nicht. Die Abwanderung von Ärzten in nichtkurative Tätigkeiten und die Ursache für die Nichtbesetzung vieler Kassenarztsitze wird nicht angesprochen.

Eine Abwanderung deutscher Ärzte wird angesprochen, jedoch sind die aufgeführten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, wie im Text auch eingestanden, kein verlässlicher Indikator.

Haben die Ärzte gelogen?

Die Stellungnahmen des Gesundheitsministeriums lesen sich gut und erwecken den Anschein, dass die Ärzteproteste reiner Schabernack sind. Auffällig ist jedoch, dass alle angesprochenen Argumente der Ärzteschaft mit einer betörenden Leichtigkeit der Zahlen entkräftet werden. Das würde im Umkehrschluss auch heißen, dass die deutsche Medizin aus blühenden Landschaften mit miesepetrigen Bewohnern besteht.

Da ist es nur legitim zu fragen, warum die Ärzteschaft protestiert und alle laut schreien. Sind alle verblendet und nur das Gesundheitsministerium hat den Durchblick? Hat uns das Faktenpapier endlich die Augen geöffnet? Müssen sich die Ärzte jetzt für ihre Gier schämend in die Ecke stellen? Die Antwort liegt zwischen den Zeilen und den Zahlenreihen. Geradezu leichtsinnig werden Zahlen fraktioniert betrachtet, (Teil-)Aspekte ganz ausgelassen und nicht in Zahlen fassbare Fakten des Lebens komplett ignoriert.

Wie gerne würden da viele Assistenzärzte die Verfasser dieses Faktenpapiers zu ihrer persönlichen 46,1-Stundenwoche einladen. Bei vielen Ärzten müsste man für 46 Stunden in der Woche eigentlich nur zu den (überwiegend unbezahlten) Überstunden kommen. Wie gerne würde man als Arzt für wirkliche 10 Euro netto (Angabe im Faktenpapier) Arbeiten und nicht für 10 Euro brutto, wie es die Beispielrechnungen des Marburger Bundes offen legen.

Wie kann man die jüngst präsentierten Umfrageergebnisse des BVMD totschweigen? Warum werden die vielen ins Rentenalter schreitenden Ärzte im deutschen Gesundheitssystem in keinem Satz erwähnt? Wer kann leugnen, dass ein promovierter Mediziner in jedem nichtkurativen Tätigkeitsgebiet und in vielen anderen Ländern deutlich bessere Arbeitsbedingungen vorfindet als im Krankenhaus?

Fazit – Schlecht gebrüllt, Löwe

Die Frageliste zu den Mängeln und Schwächen des Papiers ließe sich wahrscheinlich bis ins Endlose fortsetzen. Festzuhalten bleibt, dass jedem minimal in Statistik bewanderten Menschen, bei der Lektüre des Faktenpapiers die Haare zu Berge stehen. Fakt ist, dass ein Ministerium mit derlei vorgekauten Pseudofakten nur den eigenen Drang nach Geltung befriedigen kann und den Vertretern der Ärzteverbände eine Steilvorlage für negative Kritik liefert. Wer sich über einseitige Berichterstattung und vermeintlich unberechtigte Ansprüche ärgert, sollte wenigstens selber ehrlich argumentieren um glaubwürdig zu bleiben. Da bleibt wenig Hoffnung, dass die geplante und angekündigte Reform der Vergütungsordnung eine Verbesserung bewirken wird.

Frei nach Bob Marley bleibt daher abschließend zu sagen:

You can fool some people sometimes,
But you can’t fool all the people all the time.
So now we see the light,
We gonna stand up for our rights!

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