Dicke Luft wegen Praxis-Software

7. Februar 2006
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Flankiert von Medienberichten über bestechliche Ärzte will die Politik jetzt den Einfluss der Generikaindustrie auf die Arzt-EDV-Systeme zurückdrängen. Die organisierte Kassenärzteschaft windet sich, weil sie die eigene Basis im Nacken hat. Es drohen Einsparungen auf dem Rücken der Ärzte.

Das Thema Arzneimittel-Programme in der Praxis-Software von Ärzten ist wie ein Moorbrand. Die meiste Zeit lodert es im Verborgenen. Nach Phasen der Ruhe treten die Flammen dann verlässlich wieder an die Oberfläche. Und jedes Mal, wenn sie das tun, wird der Brand ein wenig schlimmer. Jetzt ist es wieder so weit.

Praxis-EDV-Hersteller wehren sich gegen Rufmord

Die Sache ist Insidern längst bekannt. Große Generikahersteller und Re-Importeure kaufen sich in Praxis-EDV-Systeme ein. Sie überweisen dem jeweiligen EDV-Hersteller Geld für jeden Arzt, der in seiner Praxis-EDV ein Arzneimittelverordnungsprogramm nutzt, welches den an dem Deal beteiligten Firmen für Werbung offen steht. Dadurch wird die IT-Ausstattung für den Arzt dramatisch billiger, weil der EDV-Hersteller seine Tantiemen von anderer Seite bekommt. Problematisch wird das Ganze dadurch, dass es nicht bei Bannerwerbung bleibt. Stattdessen wird auf vielfältige Weise Einfluss auf die Präsentation der Arzneimittellisten oder auf die Navigation genommen. Das alles hat das Ziel, die Mausklicks des unter Zeitdruck arbeitenden Arztes in Richtung der Produkte der jeweils beteiligten Firmen zu lenken. Mitunter gibt es Beschwerden über einzelne Features, die zu offensichtlich manipulativ sind. Die werden dann mit dem nächsten Quartalsupdate ausgetauscht.
In dem derzeit als Entwurf kursierenden Arzneiversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz macht sich die Bundesregierung jetzt die These zu eigen, dass durch diese Praxis den Sozialkassen jährlich Millionenbeträge abhanden kämen, weil von den Ärzten eben nicht konsequent die billigsten Generika ausgewählt würden. Die Politik will deswegen erreichen, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung die Arzneimittelprogramme zertifiziert. Das Ganze wird orchestriert von Medienberichten über Bestechungen, bei denen Ärzte, die viele Produkte einer bestimmten Firma verordnen, dafür von dieser Firma Geld erhalten. Diese Fälle sind zwar selten und haben mit der Praxis-EDV nur insofern zu tun, als mit dieser die nötigen Statistiken erstellt werden können. Trotzdem sieht es mittlerweile in der Öffentlichkeit so aus, als sei das Thema Praxis-EDV ein Schmierenthema. Auch die EDV-Hersteller merken das und distanzieren sich bei jeder Gelegenheit von den Betrügereien, für die sie in der Tat nichts können.

Freiwillige Selbstverpflichtung soll Geldbeutel der Ärzte schonen

Was ist nun von dem im Gesetzesentwurf enthaltenen Vorschlag zu halten, die Arzneimittelprogramme den Kassenärzten zur obligaten Zertifizierung vorzulegen? In einer Stellungnahme der KBV spürt man deutlich, wie sich die Körperschaft windet. Der Entwicklungsansatz, so die gewählte Formulierung, werde “grundsätzlich nicht abgelehnt”. So wie vorgesehen sei die Sache aber nicht umsetzbar. Es folgen mehrere Gründe, darunter der auch von den EDV-Herstellern ins Feld geführte hohe bürokratische Aufwand, den eine dann unter Umständen quartalsweise nötige Zertifizierung bedeuten würde. Nun ist die KBV sonst eher als zertifizierungsfreudig bekannt, sodass das nicht der zentrale Punkt sein kann.
Entscheidender sind viel mehr das Geld und die Sorge um eine noch weiter anwachsende Unruhe an der ärztlichen Basis. Wird der Einfluss der Pharmaunternehmen auf die EDV per Gesetz zurückgedrängt, dann wird wohl weniger Geld von der Pharmaindustrie an die EDV-Hersteller fließen. Es bedarf nicht viel Fantasie um zu sehen, dass der Schwarze Peter letztlich bei den Vertragsärzten in Form von höheren Lizenzgebühren hängen bleibt. Mit anderen Worten: Die Sozialkassen werden entlastet. Die Ärzte zahlen drauf. Verständlicherweise fällt es den Ärztefunktionären in der aktuellen gesundheitspolitisch aufgeheizten Lage schwer, diesen Kuhhandel ihren Mitgliedern, die sich, zu Recht oder Unrecht, ohnehin als Melkkühe der Nation sehen, als angemessen zu verkaufen. In der Schublade liegt deswegen eine deutlich abgemilderte Version, bei der sich Ärzte und EDV-Firmen einer freiwilligen Selbstverpflichtung unterziehen sollen, die grobe Auswüchse bei den Arzneimittelprogrammen verhindern soll. Ob diese Idee ihren Weg in die endgültige Version des Gesetzes findet, bleibt abzuwarten. Dass sie in der Praxis funktioniert, scheint zweifelhaft. Die denkbare Alternative, durch die Kostenträger subventionierte, unabhängige Arzneimittelprogramme, wurde bisher noch nicht diskutiert.

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