Magnetfelder gegen Parkinson

10. Februar 2006
Teilen

Eine neuartige Behandlungsmethode verspricht Erfolg bei der Behandlung von neuronalen Erkrankungen wie Parkinson, Depressionen oder Tinnitus - und könnte Schlaganfallpatienten zur besseren Rehabilitation verhelfen.

Die Bilder kommen in 3D und Farbe, ein grelles Gelb zeigt an, dass ein Hirnbereich des Parkinson-Patienten noch nicht stimuliert ist. Wenige Handgriffe des Neurologen reichen aus, um die Magnetspule der TMS-Anlage computergestützt millimetergenau zu positionieren – anschließend finden die therapeutischen, elektromagnetischen Wellen ihren Weg zum Ziel.

Was wie die Szene eines Science-Fiction Filmes aussieht, ist dank eines innovativen Navigationssystems Medizintechnik-Realität: Erstmals lassen sich bei der so genannten transkraniellen Magnetstimulation (TMS) die eingesetzten Magnetfelder in Echtzeit und je nach response des betroffenen Hirnareals von außen steuern. Der Clou: der TMS-Navigator ermöglicht die exakte Spulenpositionierung in Abhängigkeit der erzielten Hirnaktivität während der Behandlung. Das therapeutische Magnetfeld nach Maß rückt damit in greifbare Nähe.

Seit rund 20 Jahren ist die transkranielle Magnetstimulation im Einsatz. Des Prinzip: Ein von außen angelegtes, pulsierendes Magnetfeld setzt in den betroffenen Hirnbereichen Induktionsströme frei, die die eigentliche Stimulation ausmachen. Dabei generiert eine Magnetspule das "therapeutische" Magnetfeld und ist somit entscheidend für die Stärke und Dauer der erzielten Effekte. Die Navigation der elektromagnetischen Felder innerhalb des Gehirns der Patienten war bisher nur statisch möglich – die Neurologen konnten also nicht in Echtzeit direkt auf die von ihnen erzielten Effekte einwirken.

Ausweg: Tracking in 3D

Das jetzt von Wissenschaftlern des TMS-Labors am Universitätsklinikum Aachen in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut FIT und dessen spin off Localite GmbH entwickelte Navigationssystem TMS-Navigator ermöglicht die exakte Ausrichtung des stimulierenden Magnetfeldes. Der Clou: der Navigator erfasst die aktuelle Position der TMS-Spule durch ein optisches Tracking-System.

Dazu hat das Fraunhofer-Institut FIT für den TMS-Navigator eine Visualisierungssoftware erstellt, die funktionelle Bereiche des Gehirns wie Seh- oder Sprachzentrum ebenso wie anatomische Strukturen dreidimensional aufzeigt. Die Visualisierung erfolgt auf Basis von Kernspintomographie-Aufnahmen und hebt dabei – je nach der aktuellen Spulenposition – die stimulierten Gehirnareale farblich hervor. Auf Grund dieser Informationen erkennt der behandelnde Neurologe, welche Bereiche noch stimuliert werden müssen, und kann die elektromagnetischen Felder durch eine neue Positionierung der TMS-Spule dorthin lenken.

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten scheinen programmiert

"Die Navigation schließt eine Lücke in der wissenschaftlichen Auswertung: Erst wenn man genau weiß, wo die Magnetspule positioniert wird, können präzise Analysen durchgeführt werden. Erkenntnisgewinn über neue therapeutische Denkansätze werden so erst möglich!" erklärt dazu Martin Bublat, Geschäftsführer bei LOCALITE, die Vorzüge des Navigators, der mittlerweile an zwei deutschen Universitätskliniken im Einsatz ist und auch an die Klinik und Poliklinik für Neurologie in Bern verkauft wurde.

Tatsächlich dürften gleich mehrere neurologische Therapien von der TMS-Navigation profitieren, darunter die Behandlung von Parkinson oder Depressionen. So sehen Psychiater der Bonner Universitätsklinik in der Transkraniellen Magnetstimulation (TMS) eine mögliche Alternative zur unbeliebten Elektrokrampf-Therapie (EKT). In einer Vergleichsstudie war die Wirkung beider Therapien gleich, die Nebenwirkungen der TMS auf das Gedächtnis könnten dagegen geringer sein, schreiben sie im British Journal of Psychiatry (2005; 186: 410-416).

Lerntraining für Schlaganfallpatienten?

Dass von außen applizierte magnetische Impulse den Tastsinn verbessern, fanden unlängst Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum in Kooperation mit Mediziner an der Neurologischen Universitätsklinik, BG-Kliniken Bergmannsheil, heraus. So ließ sich die Tastempfindlichkeit des Zeigefingers erhöhen, berichteten die Forscher um den Neuroinformatiker Hubert Dinse im Fachmagazin "PLoS Biology" (2005; 11, e362. Tegenthoff M, Ragert P, Pleger B, Schwenkreis P, Förster AF, Nicolas V, Dinse HR. Improvement of Tactile Discrimination Performance and Enlargement of Cortical Somatosensory Maps after 5 Hz rTMS. PLoS Biology). Die Bochumer Forscher konzentrierten sich dabei auf die Hirnregion, die den Tastsinn des rechten Zeigefingers repräsentiert. Ab einer bestimmten Stärke der Magnetpulse fühlten die Probanden dort ein leichtes Kribbeln. Das Ergebnis: Nach einer Anwendung der rTMS (repetitive TMS) von zwei mal neun Minuten verbesserte sich die räumliche taktile Auflösungsfähigkeit des Fingers, die Zweipunktunterscheidungsschwelle wurde kleiner. Die Verbesserung des Tastsinns war vergleichbar mit der nach längerem Training. Sie war trotz der kurzen Zeit der rTMS von zwei mal neun Minuten über etwa zwei Stunden nachweisbar, danach ging sie auf die ursprünglichen Werte zurück. "Man kann also durch die jeweilige Gehirnaktivität die lernbedingte Verbesserung des Tastsinns vorhersagen", erklärte Martin Tegenthoff, Professor an der Neurologischen Universitätsklinik, Berufsgenossenschaftliche Kliniken Bergmannsheil, das Novum. Mögliche Einsatzgebiete einer derartigen Lerntechnik seien vor allem neurorehabilitative Verfahren bei Patienten mit schweren Hirnverletzungen oder Schlaganfällen.

3 Wertungen (3.33 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

Copyright © 2016 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: