Die Asche fällt nicht weit vom Stamm

15. Februar 2006
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Wer die richtigen Gene besitzt, hat es leichter, der Kippe adieu zu sagen. Denn das Gen, das den Abbau des Nikotins katalysiert, ist polymorph. Je nach Genotyp wird das Gift langsam oder schnell inaktiviert. Zwei aktuelle Studien aus Kanada und Japan gingen der Frage nach, welche konkreten Folgen die Abweichung vom Wildtyp-Gen hat.

Nur zehn bis zwanzig Sekunden dauert es nach dem Zug an der Zigarette. Dann hat der suchterzeugende Wirkstoff den Weg von der Lunge zum Gehirn zurückgelegt und stimuliert dort entsprechende Rezeptoren. Im “Belohnungszentrum” des Mittelhirns veranlasst Nikotin die Ausschüttung von Catecholamin und verschafft dem Raucher ein Glücksgefühl.

CYP2A6 wacht über den Nikotinspiegel

Innerhalb einer Viertelstunde hat sich die Hälfte des Tabakgifts im Körper verteilt, nach ein bis zwei Stunden sind 50 Prozent des aufgenommenen Nikotins schon wieder abgebaut. Nur der regelmäßige Griff zur Schachtel hält daher den Spiegel im Blut und Liquor hoch. Für die Entgiftung in der Leber sorgt ein Enzym der Cytochrom P450-Gruppe. Es wandelt das Nikotin in Cotinin um und katalysiert den weiteren Abbau dieses Zwischenprodukts zu 3-hydroxy-Cotinin. CYP2A6 haben die Wissenschaftler das Gen getauft, das für den Nikotinabbau verantwortlich ist, aber nicht bei jedem Menschen gleich aussieht.
Weit über 20 verschiedene Varianten sind inzwischen bekannt, in denen eine Änderung in der Basenabfolge der DNA die Funktionstüchtigkeit des Proteins beeinträchtigt. Alle bisher bekannten Abweichungen vom Normaltyp verzögern die Abbau des Nikotins, der Plasmaspiegel fällt langsamer als bei den meisten anderen Rauchern.

Langsamer Nikotinabbau – weniger Sucht

Rachel Tyndale von der Universität Toronto und ihre Kollegen untersuchten 394 langjährige Raucher (im Durchschnitt mehr als 30 Jahre nikotinabhängig), die ihrer Sucht mittels Nikotinersatztherapie mit Pflaster oder Nikotinspray ein Ende machen wollten. Auch wenn sich funktionelle CYP2A6-Varianten bei Angehörigen der kaukasischen Rasse nur in geringer Häufigkeit (CYP2A6*9 bei 7%, sonst 0-3%) finden, tut sich diese Minderheit leichter, rauchfrei zu werden. Entsprechend der Veröffentlichung in der Januar-Ausgabe von Molecular Psychiatry ist für sie die erste Zigarette nach dem Aufwachen für sie weit weniger wichtig (32% in den ersten fünf Minuten) als für den Raucher mit normalem Genotyp (49%). Die Ursache liegt im langsameren Nikotinabbau: In der Gruppe der “Pflasterträger” lagen die Nikotin-Plasmaspiegel eine Woche nach Beginn der Therapie deutlich höher als bei denjenigen, die das Nikotin aufgrund Ihrer Gene schnell abbauen. Sprayer kamen mit deutlich weniger Spraystößen auf annähernd gleiche Nikotinwerte.
Für asiatische Raucher sind diese Ergebnisse noch bedeutender als für Europäer. Denn die Genotypen mit eingeschränkter Enzymaktivität sind bei ihnen weiter verbreitet. Wie im European Respiratory Journal nachzulesen, fand das Team um Hidetoshi Nakamura bei 200 langjährigen Rauchern im Krankenhaus der städtischen Energieversorgers von Tokio nur bei 26 Prozent den in Europa vorherrschenden CYP2A6 *1-Typ. Diejenigen aus der Studiengruppe, deren Nikotinabbau aufgrund ihrer Gene am schlechtesten funktionierte, verbrauchten durchschnittlich im Tag eine Schachtel Zigaretten, während Raucher mit voll funktionsfähigem CYP2A6 auf das doppelte kamen.
Die Ergebnisse der beiden Gruppen bestätigen damit frühere Untersuchungen. Demnach sprechen die Gene ein entscheidendes Wort mit, ob der Abschied vom Rauchen glückt. So errechneten Wissenschaftler aus dem englischen Southampton schon vor einigen Jahren, dass der Besitz eines CYP2A6*2 Allels zu einer 1,75mal höheren Erfolgsquote beim Schlussmachen mit der Sucht führt.

Weniger Qualm mit dem entsprechenden Inhibitor

Sowohl für Anbieter von Therapien zur Raucherentwöhnung als auch für die Tabakindustrie sind die Ergebnisse bedeutend. Bei der Nikotinersatztherapie könnte man dem zukünftigen Ex-Raucher je nach Genotyp eine individuelle Nikotindosis anbieten.
Menschen mit einer CYP2A6-Variante benötigen weniger Zigaretten für das gleiche Genusserlebnis. Möglicherweise ließe sich auch für Raucher der Zigarettenkonsum stark einschränken, könnte man die Aktivität des Enzyms unterdrücken. Einen entsprechenden Inhibitor haben die Forscher schon im Auge: Den Psoriasis-Wirkstoff Methoxsalen.

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