Wo Apotheker zum Patienten hüpfen

22. Februar 2006
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Aus Australien hat das deutsche Gesundheitswesen bekanntlich sein DRG-System importiert. Jetzt macht eine australische Apothekeninnovation Schlagzeilen. Beim Home Medication Review arbeiten Apotheker, Arzt und Patient Hand in Hand, um die Arzneimittelversorgung besser und sicherer zu machen.

Die grundsätzlichen Probleme, vor denen die Gesundheitssysteme stehen, sind überall auf der Welt ähnlich. Die Bevölkerung wird älter. Die medizinische Versorgung wird immer differenzierter. Chronische Krankheiten rücken in den Vordergrund. Für die Arzneimittelversorgung heißt das, dass die Zahl derer, die sehr viele verschiedene Medikamente bekommen, zunimmt. Und damit wiederum steigt die Zahl der Probleme, denn es wird immer Menschen geben, die mit ihrem Therapieregime überfordert sind, zumindest dann, wenn sie keine Hilfe bekommen.

Wenn der Apotheker zweimal klingelt

Wie eine solche Hilfestellung aussehen kann, macht seit einiger Zeit das australische Gesundheitssystem vor. Eine intensive, individuelle Beratung von Problempatienten wird Versicherten dort mit wachsendem Erfolg unter dem Schlagwort Home Medication Review angeboten. Aus Australien hat Deutschland bekanntlich schon das DRG-System der Klinikfinanzierung importiert. Doch auch für Apotheker lohnt der Blick ans andere Ende der Welt. Details des Home Medication Review-Systems waren jetzt das Thema eines Symposiums der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Es handelt sich um ein Projekt, bei dem Apotheker und niedergelassene Ärzte der Primärversorgung eng kooperieren, um eine optimale Arzneimittelversorgung bei Problempatienten zu gewährleisten.

Wie Lance Emerson von der Pharmacy Guild of Australia mitteilte, richtet sich das HMR-Programm in erster Linie an Patienten, die mehr als fünf Medikamente oder mehr als zwölf Tagesdosierungen bekommen. Auch bei umfangreicheren Veränderungen im gewohnten Medikationsschema, bei einer Behandlung mit Medikamenten, die eine geringe therapeutische Breite haben oder bei nicht optimalem Ansprechen auf eine Therapie kommt ein HMR in Frage. “Letztlich geht es um jene Patienten, bei denen der Arzt den Eindruck hat, dass eine professionelle Hilfe klinisch Sinn machen könnte”, so Emerson. Diese Patienten werden dann zunächst vom Arzt über das HMR-System aufgeklärt. Der Arzt schickt die Patienten dann zu einem Apotheker, der eine HMR-Zulassung hat. Der Apotheker besucht den Patienten zuhause, lässt sich alle Tabletten zeigen und erhebt eine Art Kurzanamnese, in der auch individuelle Probleme bei der Einnahme von Arzneimitteln zur Sprache kommen. Die gesammelten Informationen erhält schließlich der Arzt, der den Medikationsplan in Absprache mit dem Apotheker modifiziert, um dem Patienten die Einnahme so komfortabel wie möglich zu machen.

Was die Apotheker mehr verdienen, fließt durch Ersparnisse zurück

Das Programm werde sowohl von den Apothekern wie auch von den Ärzten sehr positiv aufgenommen, so Emerson. Nach einer Anlaufphase würde der im Jahr 2001 eingeführte HMR mittlerweile etwa 2000 mal im Monat eingesetzt, Tendenz steigend. Fast 95 Prozent der 4900 australischen Apotheken und 20 Prozent der niedergelassenen Allgemeinmediziner hätten eine HMR-Zulassung. Nur 10 bis 20 Prozent der Apotheken allerdings greifen regelmäßig auf dieses Instrument zurück, sodass die Australier jetzt sogar Berater einsetzen, um die Quote weiter zu erhöhen. Eines der Probleme ist, wie üblich, das Geld. Die Ärzte seien mit den umgerechnet etwa 80 Euro, die sie zusätzlich zum normalen Konsultationssatz erhalten, zufrieden. Den Apothekern aber, die dank Hausbesuch deutlich mehr Arbeit haben als die Ärzte, sind die 87 Euro, die sie zuzüglich Anreise bekommen, eher zu wenig.
Medizinisch und ökonomisch scheint das Programm das zu tun, was es soll, wie Professor Charlie Benrimoj vom College of Health Sciences der Universität Sydney berichtete. In einer Studie konnten die Wissenschaftler zeigen, dass sich bei den Patienten, die das HMR-Programm durchlaufen haben, die arzneimittelbedingten Kosten im Mittel um neun Prozent absenken lassen. Damit würden die Kosten, die durch den HMR entstehen, überkompensiert. Medizinisch betrachtet handelt es sich bei den als Folge des HMR vorgenommenen Änderungen im Therapieregime in einem Viertel der Fälle um eine Veränderung der Medikamente. Bei einem weiteren Fünftel der Patienten werden Dosierungen angepasst. Auch diagnostische Verfahren zur Abklärung von Wirksamkeit oder Verträglichkeit können die Folge eines HMR sein.

Känguruh-Methoden jetzt auch in Sachsen?

Dass das HMR-Prinzip ausschließlich in Australien und nirgends sonst funktioniert, ist nicht anzunehmen. Tatsächlich denkt auch die deutsche Apothekerschaft über eine Art HMR-System nach. Professor Martin Schulz vom Zentrum für Arzneimittelinformation und pharmazeutische Praxis (ZAPP) in Berlin hat von Plänen über ein entsprechendes Pilotprojekt in Sachsen berichtet, bei denen außer Apothekern auch die Kassenärzte eingebunden werden sollen. Detaillierte Informationen über das Wann und Wo wurden DocCheck auf Nachfrage allerdings noch nicht mitgeteilt. Die Verhandlungen liefen noch, so eine Sprecherin des ZAPP.

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