Morbus Crohn ist nicht zu fassen.

10. März 2006
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Die Ileitis terminalis gibt therapeutisch nach wie vor viele Rätsel auf. Untersuchungen englischer Forscher stützen die These, dass es sich dabei nicht um eine Überreaktion, sondern um eine verminderte Immunabwehr handelt. Und sie geben Hinweise auf einen ungewöhnliche Therapieansatz.

Rund 150.000 Menschen in Deutschland leiden an Morbus Crohn, einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung. Besonders häufig im Alter zwischen 16 und 35 beginnen Krankheitsschübe mit Gewichtsverlust, Schmerzen im Unterbauch und manchmal auch Fieber. Untersucht man den Darm, so werden einzelne isolierte Abschnitte im Ileum und im Colon sichtbar, in denen die Schleimhaut stark geschädigt ist (“skip lesions”). Wie die Krankheit entsteht, darüber sind sich Experten uneins. Ein großer Teil favorisiert die These, dass es sich dabei um eine Autoimmunreaktion handelt. Viele Argumente sprechen jedoch auch für eine gestörte Antwort des Immunsystems auf eine Infektion mit Darmbakterien.
Anthony Segal und seine Kollegen vom Londoner University College Hospital gingen dieser Vermutung nach und veröffentlichten vor einigen Wochen im “Lancet” Ergebnisse, die ein neues Licht auf die Hintergründe der Krankheit werfen.

Schwache Mobilisierung

Auf eine Verletzung der Darmschleimhaut reagieren Crohn-Patienten deutlich schwächer und rekrutieren im Vergleich zu Kontrollen weit weniger Neutrophile Granulozyten. Die Wissenschaftler verglichen dabei jeweils zwei Rectalbiopsien ihrer Probanden, die sie im Abstand von sechs Stunden an der gleichen Stellen entnommen hatten. Auch Zellen mit Interleukin 8 (IL-8) auf ihrer Oberfläche kommen im Vergleich mit den Kontrollen in sehr viel geringerer Zahl im Bereich der Wunde vor. Dieses Zytokin ist ein effektiver Lockstoff für Granulozyten, den eigentlichen Bakterienkillern.
Die schwache Immunabwehr beschränkt sich nicht nur auf den Darm, sondern betrifft den ganzen Körper. Den Beweis führte Segal und sein Team durch die Bestimmung einer Immunantwort auf Verletzungen der Haut. Auf eine kleine, künstlich gesetzte Hautabschürfung wanderten bei den Patienten wesentlich weniger Neutrophile in die Wunde ein, als bei gesunden Studienteilnehmern, möglicherweise aufgrund des geringeren IL-8 Spiegels.
Dass Patienten mit Morbus Crohn auf eine Infektion mit Darmorganismen nur sehr träge reagieren, zeigten die Wissenschaftler, indem sie einen solchen Kontakt mit hitze-inaktivierten E.coli-Bakterien nachstellten. Subkutan injiziert, entwickelt sich rund um die Einstichstelle eine heftige Entzündung mit einer starken Schwellung, die nach etwa 48 Stunden wieder abgeklungen ist. Ganz anders dagegen bei Crohn-Patienten: Im Vergleich zu den Kontrollen erhöht sich der Blutfluss um den Infektionsherd nur geringfügig.

Einkapseln statt Vernichten

Für Anthony Segal und sein Team bestätigen die Ergebnisse ihrer Versuche die Theorie, dass es sich bei Morbus Crohn um eine zu schwache Immunantwort bei Verletzungen der Darmschleimhaut handelt. Statt die Endringlinge mit den Waffen der Neutrophilen zu eliminieren, versuchen Makrophagen, die unerwünschten Gäste einzukapseln. “Das”, so die Autoren, “führt zu Granulomen und chronischer Entzündung”. Die Ergebnisse stützen damit auch die “Hygienehypothese” von der Entstehung der Krankheit: In einer Umwelt, die arm an Keimen ist, hat das Immunsystem weniger Chancen, sich früh auf die Mikroben einzustellen und bei späterem Kontakt angemessen stark zu reagieren. Möglicherweise fördert unsere Sauberkeit damit die Ausbreitung der Krankheit.
Laut Segal befindet sich aber auch die derzeitige immunsuppressive Therapie dieser Patienten auf einem Irrweg. Sie “dämpft die vermutliche sekundäre Immunreaktion, aber verstärkt die zu Grunde liegende Immunschwäche”. Statt dessen schlägt er vor, IL-8 direkt auf die Läsionen aufzubringen, damit die herbeigerufenen Granulozyten das weitere Eindringen der Schädlinge verhindern. Bei seinen Experimenten mit injizierten E.coli-Bakterien setzte Segal einen Wirkstoff ein, der bei Patienten mit Morbus Crohn den Blutfluss zum Infektionsherd hin deutlich steigerte. Möglicherweise könnte er auch die Heilung von Wunden in der Darmwand unterstützen. Es handelt sich dabei um ein Mittel, das sonst ganz anderen Zwecken dient: Viagra (Sildenafil).

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