Diabetes: Prävention zahlt sich aus

12. Dezember 2013
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Bewegung und gesunde Ernährung können jeden zweiten Typ-2-Diabetes verhindern oder verzögern. Ob aber flächendeckende Präventionsprogramme in einem vernünftigen Kosten-Nutzen-Verhältnis stehen, war bislang unklar und wurde nun von Forschern untersucht.

Eine US-Studie zeigt jetzt, dass Blutzucker-Tests beim Arzt und die Teilnahme an einem Diabetes-Präventionsprogramm ab einem Nüchternblutzucker von 105 mg/dl auf längere Sicht zu vertretbaren Kosten für das Gesundheitswesen angeboten werden könnten.

Körpergewicht um sieben Prozent senken

Eine US-Studie (Diabetes-Prevention-Programm) hat vor einem Jahrzehnt gezeigt, wie Diabetes-Prävention funktionieren kann. „Die Senkung des Körpergewichts um sieben Prozent durch eine fett- und kalorienarme Diät kombiniert mit 150 Minuten körperlicher Bewegung pro Woche – forciertes Gehen reicht hier schon aus – haben das Erkrankungsrisiko um 58 Prozent gesenkt“, erläutert Privatdozent Dr. med. Erhard Siegel, Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Die meisten Betroffenen schaffen dies allerdings nicht aus eigenem Antrieb. Sie benötigen eine Lebensstil-Intervention, die nicht zum Null-Tarif zu haben ist. Das Diabetes-Prevention-Programm, bei dem die Teilnehmer von Fall-Managern teilweise in Einzelgesprächen geschult wurden, kostete pro Person im ersten Jahr 1.800 US-Dollar und in den beiden Folgejahren jeweils die Hälfte.

QALY als „Währungseinheit“

Gesundheitsökonomen beschäftigen sich mit der Frage, ob solche Ausgaben vertretbar wären. In Studien stellen sie die Kosten von Gesundheitsmaßnahmen mit dem Nutzen in Beziehung, der in der Vermeidung der Erkrankung und ihrer Folgen besteht. Der Typ-2-Diabetes etwa führt zu Schäden an Nieren, Nerven, Augen und begünstigt Schlaganfälle und Herzinfarkte, die das Gesundheitswesen belasten. Forscher des renommierten US-Centers of Disease Control and Prevention haben jetzt in einer Studie untersucht, für welche Zielgruppe eine Diabetes-Prävention aus ökonomischer Sicht sinnvoll sein könnte. Die „Währungseinheit“ der Gesundheitsökonomen, mit der sie die Effizienz oder Kosten-Effektivität einer Arznei oder eines Programms bewerten, sind die Kosten für ein gewonnenes qualitätskorrigiertes Lebensjahr oder QALY („quality adjusted life year“). „Ein QALY entspricht einem Jahr in voller Gesundheit“, erläutert Professor Dr. Rolf Holle, Gesundheitsökonom am Helmholtz Zentrum München. „Kosten von 50.000 US-Dollar oder 30.000 Pfund pro gewonnenem QALY gelten international als vertretbare Obergrenze.“

Auf deutsche Verhältnisse übertragen

Doch wer soll in ein Präventionsprogramm aufgenommen werden, ab welchem Blutzuckerwert macht das ökonomisch Sinn? Ein Typ-2-Diabetes liegt bei einem Blutzuckerwert über 125 mg/dl vor, gemessen auf nüchternen Magen. In ihren Rechenmodellen kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass die Aufnahme in ein Präventionsprogramm ab einem Nüchtern-Blutzucker von 105 mg/dl als gesundheitsökonomisch vertretbar angesehen werden könnte – die US-Forscher errechneten für diesen Grenzwert Kosten in Höhe von 42.300 US-Dollar pro QALY. „Dieser Wert gilt als kosteneffektiv“, so Holle. „Aber man muss auch berücksichtigen, dass ein solches Programm in den ersten Jahren mit hohen Ausgaben verbunden ist, während sich Einsparungen erst später ergeben.“ Wer einen Nüchtern-Blutzucker von 105 mg/dl aufweist, hat ein erhöhtes Risiko, in den folgenden Jahren tatsächlich an Diabetes zu erkranken. In Deutschland steht derzeit nicht zur Diskussion, ob die Krankenkassen eine vorbeugende Lebensstil-Intervention anbieten. „Die Studie zeigt, dass sich Prävention in den USA auf längere Sicht rechnet“, so Erhard Siegel. „Es wäre nun interessant zu prüfen, ob dies auch auf deutsche Verhältnisse übertragen zutrifft.“

Originalpublikation:

Cost-Effectiveness of Alternative Thresholds of the Fasting Plasma Glucose Test to Identify the Target Population for Type 2 Diabetes Prevention in Adults Aged ≥45 Years
Xiaohui Zhuo et al.; Diabetes Care, doi: 10.2337/dc13-0497, 2013

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2 Kommentare:

Dr. med. U. Woestmann
Dr. med. U. Woestmann

Vor einiger Zeit las ich im deutschen Ärzteblatt einen Beitrag, der unter anderem die aktuelle Wirtschaftskrise in den USA und die dort hohe Inzidenz des Diabetes mellitus Typ 2 thematisierte.

Thematisch wurde in diesem Zusammenhang die kubanische Wirtschaftskrise von 1991-1996 analysiert.

Als 1991 die Petroleumlieferungen der kollabierten Sowjetunion an Kuba auf dem Schiffsweg plötzlich wegbrachen und das U.S.-Wirtschaftsembargo gegen Kuba weiter galt, stellte die kubanische Regierung der Bevölkerung mehr als 1 Million Fahrräder zur Verfügung.

Außerdem wurde jeder Bürger/jede Familie dazu ermutigt, ein kleines Stück Garten in ihrer Wohnumgebung zu bewirtschaften. In der Folge stieg(!) die Lebenserwartung der kubanischen Bevölkerung in dieser Zeit um zirka 8 Prozent, Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen nahmen ab — in einer volkswirtschaftlichen Lage, die von Ökonomen als ‚schwere Wirtschaftskrise’ bezeichnet wurde.

Referenzen:
1) http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/54005/Kuba-Wirtschaftskrise-senkte-Diabetes-Rate [ZITAT: “Da das Benzin für die Autos fehlte, ließ die Regierung mehr als eine Million Fahrräder verteilen und folgte damit, wenn auch unfreiwillig, einem Ratschlag von Diabetologen, die eine Reduktionsdiät nur für sinnvoll halten, wenn sie von einem Sportprogramm begleitet wird (da sonst die Gefahr besteht, dass Muskel- statt Fettmasse abgebaut wird).” ZITAT ENDE]
2) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23571838 [“Population-wide weight loss and regain in relation to diabetes burden and cardiovascular mortality in Cuba 1980-2010: repeated cross sectional surveys and ecological comparison of secular trends.” (BMJ. 2013 Apr 9, Franco M, Bilal U, Orduñez P, Benet M, Morejón A, Caballero B, Kennelly JF, Cooper RS)]
3) https://de.wikipedia.org/wiki/Sonderperiode_in_Kuba
4) http://www.theguardian.com/world/2013/apr/09/hard-times-heart-disease-diabetes-cuba
5) https://en.wikipedia.org/wiki/The_Power_of_Community:_How_Cuba_Survived_Peak_Oil

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Dr. med. Susanne Bihlmaier
Dr. med. Susanne Bihlmaier

Auf den ersten Blick mehr als überraschende, fast schon unglaubliche Erkenntnisse, weltweit recherchiert und akribisch zusammengetragen, fand ich in “Dr. Jakobs Weg des genussvollen Verzichts”. Wenig einladende Überschrift, doch dahinter verbergen sich funiderte Forschungsergebnisse, wonach z.B. ein Steak den Blutzucker nicht weniger beeinflusst als Pasta. Wer nach Industrie-unabhängigem, objektivem Wissen sucht, findet sie in der 2. Auflage des Kollegen Jakob.

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