Interkulturelle Kompetenz: Bist du medmenschlich?

5. September 2012
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Pflegepraktikum, Famulatur oder einfach nur Abenteuerurlaub - wer von uns war im Rahmen seines Medizinstudiums nicht schon auf Reisen. Dabei ist es nützlich, über bestimmte Fähigkeiten zu verfügen: Die Sprache ist von der "Interkulturellen Kompetenz".

Nie zuvor war es so wichtig, ein breites Verständnis für Multikulturalismus zu entwickeln, um ein harmonisches und produktives Zusammenleben und –arbeiten zu ermöglichen. Im Kontakt mit internationalen Kommilitonen, Dozenten, Patienten und Kollegen können wir diese interkulturellen Kompetenzen tagtäglich nutzen. Daher macht es Sinn und auch Spaß, sich bereits im Studium mit diesem Thema zu befassen.

Medizinischer „Melting Pot“ Deutschland

Deutschland gilt als eines der beliebtesten Gastländer für ausländische Studierende, wie der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) 2009 berichtete. Gemeinsam mit Großbritannien, Australien und den USA rangiert die Bundesrepublik an der Spitze der Studienländer für Ausländer. Und dabei geht es nicht um die Experimentierfreudigen, die für ein Semester, im Zuge des Erasmusprogrammes, die Universität besuchen, sondern um Vollzeitstudierende, die ihr Heimatland verlassen, um in Deutschland ein Studium in Angriff zu nehmen. „Bildungsausländer“ nennt man diese Kommilitonen aus anderen Ländern – ein schrecklich klingendes Wort, das aber eigentlich nur besagt, dass die Studienberechtigung außerhalb des jetzigen Studienlandes erworben wurde.

Laut der 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, entstanden in Zusammenarbeit mit Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) und Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), lag der Anteil derjenigen Medizinstudierenden in Deutschland, die über eine andere Staatsbürgerschaft verfügen, bei 7%.

Auch in den Kliniken präsentiert sich ein ähnliches Bild: In den letzten zehn Jahren hat die Zuwanderungsquote ausländischer Ärzte nach Deutschland um 70 % zugenommen – 2010 lag deren Anteil bei 5,7 %. Im diesem Spiegel-Artikel wird diese Entwicklung genauer beleuchtet. Hinzu kommt der Umgang mit zugewanderten Patienten: Laut einer Studie der Universität Nürnberg hat fast jeder dritte Patient den wir zukünftig behandeln einen Migrationshintergrund.

Reger Medizintourismus

Ein weiteres Thema stellt der immer populärer werdende Medizintourismus dar. In diesem Artikel wird beispielsweise erwähnt, dass 2007 rund 70.000 Patienten ausschließlich wegen medizinischer Behandlungen nach Deutschland gereist sind – gegenüber 2004 bedeutet das eine Steigerung von 138 %. Schon diese Zahlen belegen, dass heutzutage von Medizinstudenten und Ärzten mehr erwartet wird, als rein fachliches Know-how. Wichtig ist die Fähigkeit, sensibel und reflektiert mit Mitmenschen aus anderen Kulturkreisen umzugehen, um Herausforderungen unserer multikulturellen Welt gemeinsam erfolgreich meistern zu können.

Interkulturelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation

Das Stichwort heißt also “Interkulturelle Kompetenz”. Das bedeutet, kulturell geprägtes Handeln und Denken in Frage zu stellen und bereit zu sein, Stereotypen und Vorurteile zu überdenken und andere Arten der Wahrnehmung, Emotion, Kognition und Handlung einer fremden Kultur zuzulassen und zu berücksichtigen. Das ist nicht immer einfach, da viele Inhalte einer Kultur sehr tief verwurzelt und schwer zu “entlarven” sind.

Hühneraugen für den Augenarzt

Im interkulturellen Austausch kann es zu vielen Schwierigkeiten und Missverständnisse kommen, was stellvertretend folgende beiden Beispiele zeigen:

  • Sprachlich gibt es selbst für Einwanderer mit sehr guten Kenntnissen der deutschen Sprache immer wieder Probleme. Ein Assistenzarzt der Chirurgie fragte sich beispielsweise, warum ein Patient mit Hühneraugen zu ihm komme und nicht zum Augenarzt geschickt werde. Beispiele dieser Art ereignen sich sowohl auf Arzt- als auch Patientenseite häufig und auch im Studium ist es schwierig, komplexen Inhalten ohne ausreichende (Fach-)Sprachkenntnissen zu folgen.

  • Eine weitere große Quelle für Missverständnisse kann beispielsweise durch die „deutsche Direktheit“ entstehen, nämlich durch die abweichende Wahrnehmung von Kritik durch Dozenten, Kollegen oder Kommilitonen unterschiedlicher Kulturkreise: Eine Studentin fühlte sich von Ihren Mitstudenten ausgegrenzt und hintergangen, weil diese nach einer Präsentation einige Verbesserungsvorschläge geäußert hatten. Was ihre deutschen Kollegen als „konstruktive Kritik“ verstanden, war für sie eine Beleidigung und ein Verrat.

Ein interessanter wenn auch kritisch zu betrachtender Artikel aus der Zeit mit dem Titel „Nächstenliebe ganz nüchtern“ zeigt die Andersartigkeit von Mitleid, Empathie und Hilfsbereitschaft in unterschiedlichen Kulturen am Beispiel Deutschland und China. Der Text „MultiKulti Praxisalltag“ beleuchtet die Herausforderungen und Chancen mit ausländischen Patienten – vor allem islamischer Herkunft. Eines wird jedoch klar: sind wir offen für Neues und bereit nachzuhaken, zu beobachten und auch mal nachzufragen – Dinge also nicht totzuschweigen – kann eine gegenseitige Bereicherung stattfinden. Wir können voneinander lernen und Missverständnisse vermeiden. Doch woher kommen diese Verständigungsprobleme überhaupt und was gibt es für Lösungsstrategien?

Same but different?

Einen Vorteil haben wir Mediziner: Der menschliche Körper ist weltweit nach dem gleichen Prinzip aufgebaut, er hat ähnliche Wehwehchen und ähnliche Beschwerden. Fachlich müssen wir uns also im Studium oder der Arbeit mit Menschen aus anderen Kulturkreisen nicht das Rad neu erfinden. Wir können uns unterschiedliche Behandlungstechniken und Medikamente abschauen und dazulernen – alles funktioniert nach dem Prinzip des Modelllernens. Doch der Hund liegt an anderer Stelle begraben: Was uns das Leben schwer macht sind oft die kleinen, feinen und kaum sichtbaren kulturellen Unterschiede.

Nicht umsonst entwickelte Robert Kohl das sogenannte „Eisberg-Modell“ das besagt, dass der größte Teil der Eigenschaften, die einen Menschen in kultureller Hinsicht prägen unsichtbar und unter der Oberfläche liegt. Aber wie können wir diese erkennen und so Missverständnisse vermeiden? Dafür ist es wichtig und erforderlich, sich mit diesen kulturellen Diversitäten auseinanderzusetzen, darüber zu reflektieren und Handlungsstrategien zu entwickeln, um sich besser zu verstehen. Ein erster Schritt ist hier das Reflektieren der eigenen Kulturellen Hintergründe um dann in einem nächsten Schritt zu verstehen warum man selber in einer speziellen Situation in einer bestimmten Art und Weise handelt.

Kultursensibles Medizinisches Handeln in der Lehre

Aber woher bekomme ich diese Kenntnisse und Fertigkeiten – wenn die Tatsachen doch so ganz und gar unsichtbar und schwer verständlich scheinen? Viele Universitäten haben mittlerweile die Problematik und auch Chancen die sich aus der allgemeinen Internationalisierung ergeben erkannt und bieten Ihren heimischen und ausländischen Studenten dementsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten.

Eine ausführliche Liste über entsprechende Lehrveranstaltungen an medizinischen Fakultäten hat die Bundesarbeitsgruppe für Interkulturelle Kompetenz zusammengestellt. In dieser Arbeitsgruppe entstanden auch Lernziel Vorschläge für den Nationalen Kompetenzbasierten „Lernzielkatalog (NKLM) hinsichtlich Interkulturalität in der medizinischen Ausbildung“. Auch die AEM-Arbeitsgruppe „Interkulturalität in der medizinischen Praxis“ versucht das Themenfeld Interkulturalität stärker in die Medizinische Ausbildung zu implementieren.

Eine kreative Antwort gibt ein Team der LMU München, das Anfang 2011 das Projekt IMECU ins Leben rief. Ausgeschrieben liest sich IMECU als „International Medical Culture“ und ist ein Angebot an deutsche und ausländische Medizinstudenten an der LMU. Im Rahmen eines Seminars –und verschiedenen Projekten, haben es sich die Leiter zum Ziel gesetzt, eben diese kulturelle Vielfalt an der Universität zu unterstützen und den Studenten mit der Vermittlung interkultureller Kompetenz zur Seite zu stehen um so das Zusammenleben und die Integration beiderseits zu erleichtern.

Dabei soll der Dialog und interkulturelle Austausch internationaler Studierender gefördert werden, gemeinsam werden Lösungsansätze und Handlungsstrategien für häufige interkulturell bedingte Herausforderungen entwickelt. Das interaktive und praxisnahe Seminar bietet unter anderem die Möglichkeit, an Rollenspielen und Diskussionen teilzunehmen, sich als Arzt mit einem Dolmetscher zu versuchen und Fragen an ausländische Experten zu stellen. Blockveranstaltungen werden von professionellen Trainerinnen der Interkulturellen Beratungsstelle geleitet. Am Ende erhalten die Teilnehmer das Zertifikat „Culturally Competent Doctor“. Ein kürzlich erschienener Artikel „Cultural sensitivity – a prescription for medical students“ gibt einen tieferen Einblick in das Konzept.

Das Projekt IMECU bietet nicht nur Seminarteilnehmern die Möglichkeit, kulturell kompetenter zu werden. Mit verschiedenen Projekten möchte das Team Studierende auch zu mehr Initiative gegenüber ihren ausländischen Kommilitonen aufrufen. Und die Rechnung geht auf: Von Studenten bereits ins Leben gerufene Projekte befassen sich mit dem Tutoring internationaler Vollzeitstudenten der Medizin (IMECoach), ein Informations- und Diskussionsabend zum Thema Asylbewerber in Deutschland, Interviews zum Thema Unterstützung internationaler Studierender im Universitären Alltag, sowie Informationsveranstaltungen für internationale Medizinstudierende und Erstsemester.

Fragen, die ihr Euch im Rahmen der Internationalisierung Eurer eigenen Uni stellen könnt sind beispielsweise: Gibt es genügend informative, sprachlich verständliche und einfach zu akquirierende Infomaterialien (Internet, Flyer, Broschüren) mit deren Hilfe sich ausländische Studenten organisieren können? Werden Einführungsveranstaltungen zu akademischen und organisatorischen Fragen angeboten? Gibt es die Möglichkeit für internationale Studenten, Unterstützung im Umgang mit Behörden, Krankenkassen, Unterkunftsfragen etc. zu erhalten? Wird studienbegleitenden Deutschunterricht angeboten? Gibt es “Paten-, Coach-, StudyBuddy-, oder Tandemprogramme” mit deutschen Studierenden? Welche Möglichkeiten der sozialen Interaktion (Stammtische, Unternehmungen, e.t.c.) bietet Eure Uni für internationale Studierende? All das sind Ansatzpunkte, internationalen Studierenden das Leben ein wenig zu erleichtern.

Rassismus – nach wie vor ein Thema

Ein ernstes Thema, das aber kein Tabu darstellen darf dreht sich um Rassismus, Xenophobie und Diskriminierung, die viele ausländische Studierende und Kollegen leider nach wie vor am eigenen Leib erleben müssen. Deshalb hier der Aufruf an Euch: seid couragiert, setzt Euch ein und gebt Fremdenfeindlichkeit keine Chance. Wisst ihr nicht weiter, gibt es an den meisten Universitäten auch einen Antirassismusbeauftragten an den man sich wenden kann, sollte man fragwürdige Situationen beobachten.

Eine sehr sinnvolle und zugleich unterhaltsame Veranstaltung, die dem entgegenwirkt ist das jährlich stattfindende “Festival contre le racisme”. Die vom freien zusammenschluss von studentInnenschaften (fzs) und dem Bundesverband Ausländischer Studierender (BAS) ins Leben gerufene Kampagne unterstützt Universitäten deutschlandweit, Aktionswochen zu den Themen Rassismus, Diskriminierung, Ausländerfeindlichkeit, Flüchtlingspolitik im Rahmen von Vorträgen, Videovorstellungen, Fotoausstellungen, Workshops und Musikperformances zu organisieren um Studierenden eine Informations- und Diskussionsplattform zu bieten.

It’s in your hands

Vielleicht habt ihr Lust bekommen, an eurer Universität etwas zu initiieren, an einer Veranstaltung zum Thema teilzunehmen, Euch ausführlicher zu informieren oder auch einfach nur, Euch bei der nächsten Vorlesung bewusst neben Euren Kommilitonen aus XY zu setzen, der immer nur still in der letzten Reihe hockt weil er schüchtern ist und noch kein gutes Deutsch spricht. Was auch immer Eure Beitrag ist und so klein er auch scheinen mag, er zählt. In diesem Sinne schließe ich mit einem Kommentar eines IMECU-Kursteilnehmers: „In der Uni lerne ich vor allem Theorie, hier lerne ich mit Menschen umzugehen.“ Viel Spaß also auf Eurem ganz eigenen Weg zu interkulturell kompetenten Ärzten und Ärztinnen!

Links zum Thema:

Links für ausländische Studierende und Interessierte:

Links zur Interkulturellen Kompetenz in der Medizin:

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