Prima Klima – für Krankheitserreger

20. März 2006
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Die globale Klimaänderung hat massive epidemiologische Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen. Betroffen sind alle Nationen, weltweit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schlägt Alarm: bereits in knapp 90 Jahren könnten tausende Menschen in Folge der Erderwärmung sterben.

Zu diesem Schluss gelangen auch Forscher am National Centre for Epidemiology and Population Health der Australian National University mit ihren Kollegen aus Neuseeland in einer aktuellen Publikation – und bestätigen damit den von der WHO aufgezeigten Trend. Der im Fachblatt The Lancet veröffentlichten Analyse zufolge wird die Erwärmung der Erdatmosphäre bis zum Jahr 2090 zu massiven Hitzewellen in Europa und den USA führen. Damit verbunden rechnen die Mediziner mit einer deutlichen Zunahme der Todesfälle in den betroffenen Gebieten. Vor allem die steigende Lebenserwartung in den Ländern der westlichen Welt entpuppt sich in den Simulationen der Wissenschaftler als Nachteil für die Bevölkerung. Denn die extremen Temperaturschwankungen führen vermutlich zu noch mehr Schlaganfällen und Herz-Kreislauf-Kollapsen, als bei den über 65jährigen sonst üblich. So rechnete das Team um Anthony J. McMichael an der Neuseeländischen Wellington School of Medicine an Health Sciences aus, dass sich die Zahl der Hitze-bedingten Todesfälle auf dem australischen Kontinent bis 2050 mehr als verdoppeln wird. Besonders stark betroffen werden dabei Menschen in Großstädten sein, wo die Hitzewellen auf Grund der Bevölkerungsdichte den meisten Schaden anrichten können. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO gelangte unlängst zu ähnlichen Ergebnissen.

Innerhalb des Forschungsprojekts "Klimaveränderungen und Anpassungsstrategien zum Schutz der menschlichen Gesundheit" (cCASHh) hatte die Organisation die Auswirkungen des Klimawandels während des Zeitraums von 2001-2004 untersucht. Die Ergebnisse überraschten die Fachwelt. "So ist davon auszugehen, dass sich die jährliche Zahl der hitzebedingten Sterbefälle im Vereinigten Königreich von 800 im Zeitraum 1976-1996 auf 3300 im Jahr 2050 und in Portugal von ca. 600 im Zeitraum 1980-1998 auf 1500 im Jahr 2020 erhöhen wird", heißt es dazu in einem von Regionalbüro Europa publizierten Factsheet der WHO.

Vormarsch der Pathogene

Tatsächlich wirken sich neben den steigenden Temperaturen auch Veränderungen der Niederschlagsverteilung, etwa Dürren und starke Regenfälle, auf die menschliche Gesundheit aus. So erlebte Europa im Jahr 2003 die schlimmste Hitzewelle seit Menschengedenken. Im Jahr zuvor waren bei 15 größeren Überschwemmungsereignissen 250 Menschen ums Leben gekommen, 1 Mio. Menschen waren betroffen. Doch eine Katastrophe kommt selten allein – der klimatische Wandel verhilft vielen Krankheitserregern zum unverhofften Siegeszug. Die Zahl der Salmonellose-Fälle etwa erhöht sich ab Umgebungstemperaturen von über 5°C für jeden Grad Celsius Temperaturanstieg um fünf bis zehn Prozent. "In England, den Niederlanden, Polen, der Schweiz, Spanien und der Tschechischen Republik wirkte sich die Temperatur in ca. 35 Prozent der Salmonellose-Fälle auf die Übertragungswahrscheinlichkeit aus", resümiert daher die WHO. Auch die Lyme-Krankheit und die durch Zecken übertragene Hirnhautentzündung profitieren von der globalen Erwärmung. Mittlerweile treten sie in geographischen Breiten (Schweden) und Höhen (Tschechische Republik) auf, in denen sie bisher nicht verbreitet waren. Darüber hinaus hat sich die Pollensaison in den letzten 30 Jahren um durchschnittlich 10-11 Tage verlängert – für Allergiker und Asthmatiker alles andere als rosige Aussichten.

Auch die Leishmaniose, eine parasitäre Erkrankung, die normalerweise durch Stiche von infizierten Sandmückenweibchen vorwiegend im Mittelmeerraum vorkommt, könnte bald zum Problem des Nordens werden. Bislang tauchte die Erkrankung südlich des 45. Breitengrads und unterhalb von 800 m Höhe auf – erste Fälle in Deutschland und damit in Höhe des 49. Breitengrads lassen Mediziner befürchten, dass die Erreger der Erwärmung folgen. Inzwischen sind auch in Nordkroatien, Norditalien und in der Schweiz neue endemische Gebiete entdeckt worden. Aus Sicht der WHO sind viele Länder noch ungenügend auf die anstehenden Veränderungen vorbereitet: "Der Klimawandel betrifft alle Länder unabhängig von ihrem sozioökonomischen Entwicklungsstand". Die jetzt im Lancet vorgestellte Arbeit bestätigt die Aussagen der WHO – und legt in Sachen düstere Prognosen nach.

Denn neben dem klimabedingten Vormarsch der Erreger könnten in Zukunft meteorologische Ereignisse zu dramatischen Folgen für die gobale Gesundheitsversorgung führen. Die ersten Anzeichen machen sich bereits bemerkbar. So zählten die Forscher von 1992 bis 2001 insgesamt 2257 klimatisch bedingte Extremereignisse wie Dürren, Überschwemmungen oder Hitzewellen. Allein den weltweiten Fluten fielen in dieser Zeitspanne mehr als 100.000 Menschen zum Opfer. Damit nicht genug. Gesundheitliche Schäden infolge der einsetzenden Mangelernährung oder von Folgeerkrankungen trug rund ein Fünftel der Weltbevölkerung davon – mehr als 1,2 Milliarden Menschen.

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