Haut aus der Spraydose

28. März 2006
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Eigenhaut-Verfahren aus der Spraydose könnten vielleicht mal die Hauttransplantation ablösen. Bei der in Australien entwickelten Methode werden aus frisch entnommenen Hautteilchen Basalzellen gewonnen, die zur Sprühlösung verarbeitet werden. Je nach Wundfläche erfolgt das im Labor oder stand by am OP-Tisch....

Zellenspray heilt klein- und großflächige Hautwunden

Der Name Dr. Fiona Wood wurde mit der Behandlung von Überlebenden des Bombenattentats auf Bali schlagartig bekannt. Ein großer Teil der Opfer war damals mit Hautverbrennungen bis zu 92 Prozent ins Royal Perth Hospital in West-Australien eingeliefert worden. In der Klinik gibt es eines der gößten Zentren für die Behandlung von Verbrennungen in Australien. Die Leitung hatte und hat Professor Dr. Fiona Wood. Die Australierin des Jahres 2005 gilt als äußerst engagierte und couragierte Ärztin in der Plastischen Chirurgie. Nebenbei arbeitet sie als Professorin der Biotechnologie an der University of Western Australia, ist gleichzeitig Direktorin der McComb Research Foundation und gehört zu den Gründern von Clinical Cell Culture (C3). Die private Company ist in medizinischen Kreisen bekannt für die weltweit führende Forschung und Entwicklung von Verfahren in der Verbrennungsbehandlung. Weit verbreitet ist die "Haut zum Sprühen", ein Verfahren, das seit vorigem Jahr auch in Deutschland beispielsweise für die Heilung kleiner, nicht so tiefgehender Brandwunden zugelassen ist. Und seit kurzem gibt es bei uns auch die ersten klinischen Erfahrungen mit Verfahren, die die Behandlung von großflächigen Verbrennungen zweiten und dritten Grades zulassen.

Patient überlebt Gasexplosion

Anfang Februar diesen Jahres wurde ein Unfallopfer, das bei einer Gasexplosion Verbrennungen zweiten und dritten Grades auf 73 Prozent der Hautoberfläche erlitt, in das Schwerbrandverletztenzentrum der BG Unfallklinik Ludwigshafen eingeliefert. Bei der Behandlung wurden erstmals zwei Methoden der australischen Firma C3 d.h. CellSpray® und CellSpray® XP, gleichzeitig eingesetzt. XP steht für Express und stellt die neueste Entwicklung in der Gewinnung körpereigener Hautzellen dar. In nur 48 Stunden nach Entnahme eines hauchdünnen Stück Spalthauts und wenigen Millilitern Eigenbluts entsteht unter Laborbedingungen das Zellspray. Das Verfahren eignet sich für großflächige Wunden bis zu 4,8 qcm laut Angaben des Herstellers. Mit CellSpray® können noch größere Hautflächen behandelt werden. Die Zellsuspension für Areale ab 4,8 qcm nimmt allerdings dann fünf Tage nach Biopsy in Anspruch. Aber auch das ist immer noch eine sensationell kurze Zeit im Vergleich zu herkömmlichen Verfahren, die drei Wochen und mehr benötigen. Das Unfallopfer aus Ludwigshafen hat den Eingriff mit den gewonnenen Hautzellen sehr gut angenommen. "Trotz dieser großflächigen Verbrennungen – ab 30 bis 40 Prozent sind sie akut lebensbedrohend – hat der Patient überlebt", so Dr. Markus Oehlbauer gegenüber DocCheck. Auf die Frage, ob das Verfahren als ausgereift bezeichnet werden kann, erhielt Doccheck die Antwort, dass er mit dem Ergebnis sehr zufrieden sei.

Narbenarme und schnelle Wundheilung

Bei Verbrennungen in diesen Größenordnungen spielt die Zeit eine immens wichtige Rolle. Wunden ab 30 bis 40 Prozent können, wie Oehlbauer bereits andeutete, lebensgefährlich sein. Hinzu kommt das Infektionsrisiko, das mit jedem Tag zunimmt. Mit CellSpray® kann diese Gefahr laut C3 ganz erheblich reduziert werden. Ein schöner und manchmal auch nützlicher Nebeneffekt ist, dass die Entwicklung von Narben durch eine schnelle Wundheilung – die aufgesprühten aktiven Einzelzellen vermehren sich in kürzester Zeit auf dem verletzten Gewebe – deutlich verringert werden kann. Langwierige Nachoperationen von harten und unbeweglichen Narbensträngen lassen sich deshalb in den meisten Fällen mit CellSpray® vermeiden. Unschöne, zurückbleibende Narbenspuren können dann immer noch mit ReCell® der Firma C3 relativ mühelos korrigiert werden.

Ansiedlung von Zellen im Biotechlabor

Die CellSpray® -Produkte ließen sich die Australier 2001 patentieren. In Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern wird das Verfahren erstmals seit September 2005 angeboten und angewendet. Die Gründe, weshalb die Markteinführung in Europa so lange dauerte, sind laut Dr. med. Ernst Magnus Noah – Chefarzt an der Kasseler Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie – in den organisatorischen und labortechnischen Voraussetzungen zu suchen. Die Zellsuspension muss in einem speziellen Biotechniklabor, das der Hersteller C3 zur Verfügung stellt, erfolgen. Für Deutschland ist das nächste Labor in Verviers, Belgien. Der Hin- und Rücktransport erfolgt in speziell dafür entwickelten Behältern und ist minutiös zu planen. Informationen kann der interessierte Arzt über den Customer Service (cs@clinicalcellculture.com) in Cambridge, wo die europäische Dependance ihren Sitz hat, abrufen.

Ansiedlung von Zellen am OP-Tisch

Verglichen mit CellSpray® ist das weit verbreitete, biotechnologische ReCell® -Verfahren sehr viel einfacher zu handhaben, allerdings auch nur für kleinere Hautflächen geeignet. Die Aufbereitung der körpereigenen "Haut zum Sprühen" ist bis zur Applikation in rund 30 Minuten möglich. Quasi in einem Mini-Labor, im so genannten ReCell-Kit, werden die körpereignen Zellen direkt vor Ort am Operationstisch gezüchtet. Die Behandlungsmöglichkeiten reichen von Hauterkrankungen wie Hypopigmentierung, stabiler Vitiligo und aknebedingter Narbenbildung bis zur Instandsetzung kleiner Brandwunden oder der Entfernung von Tattoos. Die Suspension besteht aus Keratinozyten, Fibroblasten, Langerhans-Zellen und Melanozyten, die dafür sorgen, dass ein natürlicher Hautton entsteht. Ein Vorteil, der unter ästhetischen Gesichtspunkten besonders hoch geschätzt wird. Dr. Noah hat seit Sommer vorigen Jahres 18 Patienten erfolgreich mit ReCell behandelt. Das ReCell-Kit kann bei Polytech Silimed Europe GmbH bestellt werden. Das Kit für eine Anwendung kostet 1.400 Euro.

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