Kein Ende in Sicht: Ärztestreik in Köln

19. April 2006
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Köln, 11.4.2006: 6.000 Klinikärzte aus ganz Deutschland, rund 25% der angestellten Mediziner, protestierten in Köln gegen schlechte Bezahlung und unverantwortlich hohe Arbeitszeiten. Die Forderungen sind hoch, das Gesundheitssystem marod. Sind die Universitätskliniken am Ende?

DocCheck befragte Professor Dr. Erland Erdmann zu dem schier unlösbaren Problem. Professor Erdmann ist seit 1993 Direktor der Klinik III für Innere Medizin der Universität zu Köln mit den Fachbereichen Kardiologie, Angiologie, Pneumologie und Internistische Intensivmedizin.

DocCheck: Herr Professor Erdmann, welche Auswirkungen hat die Massenkundgebung in Köln für Ihren Klinikbereich?

Prof. Erdmann: In unserer Klinik sind an diesem Tag 5 Herzkatheteruntersuchungen ausgefallen. Die Patienten mussten 1-2 Tage länger warten. Naturgemäß sind auch einige Betten freigeblieben. Da ich die Einnahmen der von mir geleiteten Klinik nicht wirklich kenne, weiß ich nicht, ob die Einsparungen beim Gehalt der Ärzte in etwa den Einnahmeausfällen durch weggebliebene Patienten entsprechen. Ich könnte mir das aber denken. Gewiß ist Ihnen bekannt, daß die streikenden Ärzte während des Streiks kein Gehalt bekommen und auch von keiner Streikkasse entschädigt werden.

Aus meiner Sicht sind die Forderungen seitens der Ärzteschaft einerseits verständlich, andererseits aber von einem äußerst ungeschickten Vorgehen begleitet. Wer soll in der heutigen Zeit Verständnis für Forderungen von 30 % aufbringen?

In den letzten drei Jahren sind die Gehälter der Ärzte durch Wegfall von Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, zunehmende Selbstbeteiligungen bei der Krankenversicherung (Beihilfe) und inzwischen völlig unbezahlte Überstunden mehr als 30% gesunken. Dies erklärt die hohe Zahl der Forderungen der Ärzte. Theoretisch könnten die Ärzte auch fordern, wieder in den Status wie vor 3 Jahren zurückversetzt zu werden. Dies entspräche einer Gehaltssteigerung von 30%.

DocCheck:Was läuft aus Ihrer Sicht schief? Was ist Ihre persönliche Einstellung dazu?

Prof. Erdmann: Natürlich wollen die Krankenkassen bei ihrer desolaten Finanzlage die Gehälter der Ärzte nicht aufstocken. Die Krankenhausverwaltungen sind auf unbezahlte Überstunden der jungen Ärzte angewiesen! Würden die Assistenzärzte tatsächlich nur 40 Stunden in der Woche arbeiten, würde das System “Universitätsklinik” zusammenbrechen. Sie müssen sich vorstellen, daß wir etwa 30% unserer Patienten aus anderen Krankenhäusern zugewiesen bekommen, die man dort nicht mehr behandeln konnte. Weitere 30% der Patienten werden uns zugewiesen von Fachärzten mit eigener Praxis, die nicht die Möglichkeiten oder Kenntnisse haben, die man in einer Universitätsklinik vorhält. Unsere ärztlichen Mitarbeiter garantieren rund um die Uhr, an Wochenenden und auch an Heilig Abend eine adäquate medizinische Vorsorgung auf höchstem Niveau. Sie werden dafür aber bezahlt wie ein Lehrer, der Weihnachten und Neujahr, Ostern und Pfingsten frei hat. Meine Sympathien sind ganz auf Seiten der Assistenzärzte, die ja bereits zufrieden wären, wenn man ihnen alle Überstunden, die sie leisten müssen, auch bezahlte.

DocCheck: Wie wird sich aus Ihrer Sicht dieser Streik schlichten lassen?

Prof. Erdmann: Das ist schwer zu sagen. Dass es Lösungen gibt, beweisen uns die Helios Kliniken. Auf dem Hintergrund, dass der Bereitschaftsdienst laut europäischem Urteil ab Ende 2006 als Arbeitszeit anzuerkennen ist, hat die Direktion in Schwerin einen kostenneutralen Weg gefunden und bereits umgesetzt. Die Arbeitszeit ist auf 46 Stunden, die voll bezahlt werden, begrenzt. Zusätzlich hat man 20 neue Stellen geschaffen. Die Privaten sind auch besser organisiert, d.h. die Ärzte sind weitgehend von bürokratischem Unsinn entlastet. Ich trete dafür ein, dass der Marburger Bund nicht nachgibt. Notfalls müssen wir die Klinik schließen.

DocCheck: Hat die Flucht der Ärzte in die besser bezahlten Jobs im Ausland schon begonnen?

Prof. Erdmann: Im Universitätsklinikum Köln sind inzwischen schon viele Ärzte ins Ausland abgewandert. Es gehen meistens die Besten! Jedenfalls die Flexibelsten. Langfristig wird sich dieser Trend kaum aufhalten lassen, da in den meisten Ländern um uns herum Assistenz- und Oberärzte etwa doppelt so viel verdienen wie hier. Wäre ich selbst ein unverheirateter Assistenzarzt, hätte ich mich schon längst nach einer interessanten Stelle in den Vereinigten Staaten, in der Schweiz oder in Schweden umgesehen.

DocCheck: Was versprechen Sie sich von der Gesundheitsreform?

Prof. Erdmann: Die Politiker tun sich mit der Gesundheitsreform jetzt schwer. Daran wird seit 20 Jahren herumgedoktert. Die einzige vertretbare Lösung ist nicht sozialverträglich: Hohe Selbstbeteiligung, staatliche Krankenversicherung nur für das Notwendigste, private Zusatzversicherung für alle, die größere Ansprüche an das Gesundheitssystem haben. Man braucht sich ja nur in anderen Ländern umzusehen.

DocCheck: Was bleibt für Forschung und Lehre übrig? Wie stellt sich die Forschung im internationalen Vergleich dar?

Prof. Erdmann: Forschung an deutschen Universitätskliniken war schon immer ehrenvolle Privatsache. Sie fand – seit ich davon betroffen bin – immer in der sogenannten Freizeit, an Wochenenden und im Urlaub statt. Aus meiner Sicht wird sich daran auch nicht viel ändern. Nur wer an Forschung wirklich interessiert ist wird auf die Dauer erfolgreich sein und mit Spaß an der Sache auch zufrieden. Schwieriger ist es mit der Lehre, die zum großen Teil von den Assistenten und Oberärzten getragen wird. Sie erbringen ihre Lehrleistungen grundsätzlich unbezahlt und in der Regel in ihrer Freizeit. Andererseits weiß jeder Arzt, der an die Universität geht, daß ihn kein Zuckerschlecken erwartet sondern im Gegenteil: per aspera ad astra. Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland bezüglich der Spitzenforschung nicht gut ab. Um so erfolgreich zu sein wie die medizinische Forschung in den USA, brauchten wir das Doppelte an Ärzten gemessen an der Zahl unserer Patienten. Da im Ausland die besseren Voraussetzungen gegeben sind, schicke ich alle meine Ärzte für mindestens zwei Jahre zur Forschung in die USA, zur Zeit sind fünf Mitarbeiter dort.

DocCheck: Ist die Privatisierung der Uni-Klinken, wie aktuell in Marburg geschehen, die Lösung?  Prof. Erdmann: Ich bin überzeugt, daß die Privatisierung von Universitätskliniken ein Erfolgsmodell ist. Zum einen tut Wettbewerb (hier zwischen staatlicher und privater Institution) immer gut, zum anderen hat die Vergangenheit gezeigt, daß private Kliniken durch gutes Management, attraktive Gehälter und sogar geregelte Arbeitszeiten (siehe Helios-Klinik) sehr zufriedene Mitarbeiter haben. Das Leipziger Herzzentrum (Rhön-Klinik) schreibt tiefschwarze Zahlen und gehört wissenschaftlich zu den Spitzenkliniken in Deutschland! Von Marburg und Gießen werden wir in 2-3 Jahren hören, ob die Mitarbeiter dort zufriedener sind und der wissenschaftliche Output sich mit dem unsrigen messen läßt. Ich bin da sehr zuversichtlich.

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