Stechen ist out.

3. Mai 2006
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Apotheker wissen, dass Nadeln nicht die einzige Möglichkeit sind, um Arzneimittel in den Körper zu bekommen. In Israel und den USA werden Substanzen jetzt mittels Ultraschall durch die Haut vibriert. Sogar der Rückwärtsgang funktioniert.

Bisher waren die Machtverhältnisse klar geregelt: Während der Arzt ein Quasi-Monopol auf alle Medikamente hatte, die direkt ins Blut geträufelt werden, beschäftigte der Apotheker sich in erster Linie mit der Arzneimittelaufnahme per os, außerdem mit transdermalen Pflastern und allenfalls noch mit der Subkutanspritze. Ein neuer Weg, heilsame Substanzen in den Körper zu bringen, könnte jetzt die etablierten Gleichgewichte verschieben.

Alternativmedizin mal ganz anders

Die Rede ist von einem an der israelischen Ben Gurion-Universität in Be'er Sheva und am Massachusetts Institute of Technology entwickelten Ultraschallverfahren. Mit ihm soll es möglich sein, Substanzen sanft und schonend durch die Haut zu vibrieren. Das Anwendungsszenario ist klar: Die sich in Richtung Wellness-Tempel wandelnde Apotheke bietet komfortable Liegen mit künstlicher Sonne, auf denen für chronisch kranke Patienten von lächelnden Angestellten eine sinnlich-erlebbare Medikamentenbeschallung quasi zelebriert wird.
Die Entwicklung des Geräts geht schon ein paar Jahre zurück. Die erste Anwendungserlaubnis der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA datiert auf das Jahr 2004. Jetzt wurde vom Hersteller Sontra eine neue Version des Geräts vorgestellt, die das Anwendungsspektrum der Ultraschallmassage mittelfristig deutlich erweitern soll.
Das physiologische Prinzip des SonoPrep® genannten Werkzeugs beruht auf der Fähigkeit der Ultraschallwellen, Biomembranen zeitweilig aufzubrechen. Durch eine nur 15 bis 30 Sekunden lange Therapie werden in der Haut, und hier vor allem im Stratum corneum, Poren geöffnet, die es vorher nicht gab. Es entsteht ein temporärer Transportweg für Medikamente, der ohne erneute Ultraschallapplikation nach spätestens 24 Stunden wieder verschlossen sein soll. “Die Behandlung öffnet ein unsichtbares Fenster in der Haut, durch das Moleküle einhundert mal effektiver eindringen können als durch die intakte Haut”, heißt es bei Sontra.

Zur Ultraschallimpfung bitte!

Primäres Anwendungsgebiet der “Massage” mit pharmakologischer Zielsetzung ist bisher die Applikation des Lokalanästhetikums Lidocain. Verglichen mit anderen Verfahren der Lokalanästhesie soll die Ultraschallstrategie den Wirkungseintritt der Lokalanästhesie, zum Beispiel bei Kathetereingriffen, beschleunigen. Mit dem neuen System werden jetzt aber auch noch weitere Anwendungsfelder erschlossen. Wie die Firma mitteilt, befindet sich derzeit die ultraschallgestützte Applikation von Insulin sowie von Heparin in der Entwicklungspipeline. Wesentlich ambitionierter sind die Versuche, mit Hilfe des Ultraschallkopfes eine transdermale Impfung zu realisieren. “Die meisten großen Antigene können die Haut nicht überschreiten. Ausnahmen sind aber das Choleratoxin und die hitzelabilen Enterotoxine von Escherichia coli”, so das Unternehmen, das diese beiden Fälle deswegen speziell im Blick hat. Auch die Erbsubstanz DNA könnte auf diesem Weg zu Impfzwecken appliziert werden.

Blick durchs kutane Schlüsselloch

Schließlich arbeiten die an der Weiterentwicklung von SonoPrep® beteiligten Wissenschaftler auch noch am Rückwartsgang. Das durch den Ultraschallkopf geöffnete Fenster in der Haut könnte nämlich nicht nur dazu genutzt werden, Medikamente hinein zu befördern. Es bietet auch eine Möglichkeit der nicht-invasiven Messung von Vitalparametern, quasi der Blick durch ein Schlüsselloch in der Hautoberfläche. Erneut hat man hier Diabetiker im Fokus. Für die könnte sich nämlich endlich eine Methode auftun, ihren Blutzucker zu bestimmen, ohne sich Verletzungen zuzufügen. Dass sie dafür dann einen Ultraschallkopf in der Handtasche transportieren müssen, steht auf einem anderen Blatt…

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