Allgemeinmedizin: so vielfältig wie die Menschen

4. Mai 2006
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Die Facharzt-Rubrik beschäftigt sich diesmal mit der Allgemeinmedizin, dem am weitesten verbreiteten Fachgebiet der Medizin. Seit einiger Zeit sind die Gebiete "Innere" und "Allgemein" in einer Facharzt-Ausbildung ja vereinigt. Schauen wir doch einmal, was unser heutiger Interviewpartner zu dieser Entwicklung sagt!

In Deutschland arbeiten zur Zeit ungefähr 40.000 Allgemeinmediziner. Mit dieser Zahl stellt diese Facharztgruppe die mit Abstand größte "Fraktion" innerhalb der rund 40 fachärztlichen Weiterbildungsmöglichkeiten dar. Der Arbeitsbereich der Allgemeinmedizin beinhaltet die Grundversorgung aller Patienten mit körperlichen und seelischen Gesundheitsstörungen. Diese Facharztgruppe fungiert hierbei als erster ärztlicher Ansprechpartner, sowie – nicht selten – als "Selektierer" und "Delegierer" für und zu anderen Fachärzten. Hierbei sind aber auch die Übergänge innerhalb der Allgemeinmedizin zur fachspezifischen Medizin der Spezialisten oftmals fließend und nicht immer klar definiert. Dies wird u.a. durch die Leistungskataloge der Kassenärztlichen Vereinigungen zu kanalisieren und zu trennen versucht, so dass in der Allgemeinmedizin nur bestimmte Leistungen durchgeführt werden dürfen, und viele andere Fachärzte nur auf Überweisung der "Hausärzte" hin tätig werden können. In der Allgemeinmedizin begleitet der "Hausarzt" einen Patienten nicht selten über Jahre hinweg. Hierbei sind nicht nur körperliche und seelische, sondern auch soziokulturelle (z.B. familiäre) Aspekte zu berücksichtigen. Für den Allgemeinmediziner ist es also weitaus bedeutsamer, als für die meisten anderen Fachärzte, den Patienten mit seinem Umfeld und seiner Vorgeschichte genauestens zu kennen.

Interview:

Das Interview haben wir mit dem hausärztlich praktizierenden Facharzt für Allgemeinmedizin, Herrn Dr. med. Rainer David, geführt. Herr Dr. David praktiziert seit einigen Jahren in einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Söllingen bei Karlsruhe.
(Dr. RD = Dr. Rainer David / MS = medizinstudent.de)

MS: Herr Dr. David, in der ersten Folge unserer Facharzt-Berichte haben wir beim letzten Mal mit einem hausärztlich praktizierenden Internisten gesprochen. Seit einigen Jahren gibt es ja die Trennung zwischen Innerer Medizin und Allgemeinmedizin in der Ausbildung nicht mehr. Was halten Sie persönlich von der Kombination Allgemeinmedizin/Internist? Gibt es hierdurch Ihrer Meinung nach Vor- oder Nachteile für den Arzt und/oder Patienten?

Dr. RD: Ich halte von dieser Diskussion gar nicht viel. Wichtig für den
angehenden Facharzt und Mediziner ist doch nicht, wie der Facharzt heißt –
wichtig sind die Inhalte und die spätere Berufsausübung. Als angehender Arzt oder Arzt in der Facharztweiterbildung kenne ich das Fachgebiet doch noch gar nicht. Hinter dieser Diskussion steht meines Erachtens nach eher die Diskussion zwischen den Fachverbänden speziell Allgemeinmedizin und Innere Medizin. Für den praktischen Alltag hat der Name dieser Ausbildung überhaupt keine Relevanz. Es geht hierbei doch mehr um eine akademisch theoretische Diskussion, als um eine alltagsrelevante Frage.

MS: Warum haben Sie sich speziell das Fachgebiet "Allgemeinmedizin" ausgesucht?

Dr. RD: Ich wollte bereits mit 12 Jahren Landarzt werden, und dieser Wunsch hat sich immer weiter gefestigt. Alternativ wollte ich ursprünglich Chirurg werden, merkte dann aber, dass mir der Kontakt zum Patienten fehlt. Als Allgemeinarzt oder Hausarzt hat man den meisten und auch kontinuierlichsten
Kontakt zu den Patienten – man arbeitet mit der ganzen Familie, vom Kleinkind bis zur Sterbebegleitung im Alter.

MS: Was stellt für Sie persönlich das Interessante oder Besondere Ihres Berufes dar?

Dr. RD: Hier kann ich eigentlich nur die gleichen Gründe nennen, wie eben schon besprochen. Am spannendsten ist die Vielfalt der Patienten und der Krankheitsbilder, ebenso wie der aktuelle Anlass zum Arztbesuch. Man weiß nie, wer heute in die Praxis kommt und aus welchem Grund. Des weiteren ist der persönliche Kontakt und die lang dauernde, oft auch lebenslange Betreuung des Patienten und häufig seiner ganzen Familie eine sehr spannende und befriedigende Arbeit.

MS: Sieht denn Ihre tagtägliche Arbeit auch wirklich so aus, wie Sie Sich das vielleicht wäh-rend des Studiums oder Ihrer Facharztausbildung gedacht haben?

Dr. RD: Ja. Der Wechsel zwischen den unterschiedlichen Krankheiten, der Altersstruktur und auch die Hausbesuche machen den Beruf sehr interessant.

MS: Wie haben Sie denn prinzipiell Ihre Ausbildungszeit empfunden?

Dr. RD: Meine Ausbildung (an der Universität Witten/Herdecke) war neben dem
Lernen der Medizin sehr wichtig für meine persönliche und menschliche
Entwicklung. Nicht nur durch Dozenten und Professoren, sondern vor allem auch durch die Kommilitonen konnte ich meine persönliche Entwicklung vorantreiben. Durch den engen Kontakt zur Praxis an unserer Uni (Wahrnehmungspraktikum vom ersten Tag an, Lernen mit POL) konnte ich mich auch in der Patienteninteraktion unter sehr guter Anleitung schulen, was für mich im Berufsalltag, vor allem am Anfang, sehr wichtig war, aber mir auch heute noch Vorteile bringt.

MS: Haben Sie für uns Studenten oder junge Ärzte einen "Insider-Tip", worauf man bei der Ausbildung unbedingt achten sollte?

Dr. RD: Neben der eigenen Persönlichkeitsentwicklung ist die ganzheitliche Anschauung der Medizin und des Patienten überaus wichtig. Das Übergreifen der Fächer ist für den angehenden Mediziner und später für die Arbeit sehr wichtig, da der Mensch nie aus nur einer Krankheit oder einem Fachgebiet besteht. Nur im Studium hat man die Möglichkeit, alle Fächer zumindest kennen zu lernen. Im Berufsalltag spezialisiert man sich dann auf sein
eigenes Fachgebiet – diese Chance sollte man also nutzen.

MS: Wie schätzen Sie denn die Weiterbildungsmöglichkeiten im Fachgebiet "Allgemeinmedi-zin" ein?

Dr. RD: Diese sind meines Erachtens nach sehr gut. In einem breit gefächerten Fach wie der Allgemeinmedizin hat man sehr gute Möglichkeiten, sich in bestimmte Richtungen weiter zu bilden. Sei es im Bereich
Naturheilverfahren, Ernährung, Sport, aber auch alternative Methoden wie Akupunktur, Homöopathie lassen sich sehr gut in den Alltag integrieren. So kann man sich seinen Alltag entsprechend der individuellen Neigung sehr gut verändern.

MS: Herr Dr. David, wir danken Ihnen herzlich für das wirklich interessante Gespräch!

Allgemeine Informationen

Ausrichtungen / Schwerpunkte der Ausbildung Erwerb von Kenntnissen und Fertigkeiten u.a.

  • Primäre Diagnostik, Beratung und Behand-lung bei allen auftretenden Gesundheitsstö-rungen und Erkrankungen
  • Langzeitbetreuung
  • Interdisziplinäre Koordination
  • Behandlung von Patienten im familiären Umfeld
  • Gesundheitsfördernde Maßnahmen (gesund-heitliche "Aufklärung")
  • Techniken der Wundversorgung und Wund-behandlung

Aufbau der Ausbildung Fünfjährige Facharztweiterbildung, davon:

  • 36 Monate Klinik
  • 24 Monate ambulante hausärztliche Versor-gung
  • 80 Stunden Weiterbildung in Psychosomati-scher Grundversorgung

Dauer der Ausbildung 5 Jahre Arbeitsplätze / Arbeitgeber

  • Kliniken
  • hausärztliche Praxen

Die Vor- und Nachteile der Facharztrichtung Allgemeinmedizin

 

  • Fachlich sehr breitgefächerte Ausbildung
  • Sehr persönlicher und oft jahrelanger Kontakt zu Patienten
  • Sehr viele Weiterbildungsmöglichkeiten und Möglichkeiten zur "Spezialisierung
  • Große Vielfalt an Krankheitsbildern
  • abwechslungsreiches Betätigungsfeld(Klinik, Praxis, Hausbesuche etc.)

  • oftmals eingeschränkte Befugnis bei Eingriffen, Therapien etc.
  • oft langwierige/langjährige Behandlungen ohne sofortige "Erfolgserlebnisse
  • unregelmäßige Arbeitszeiten; ständig "abrufbar"
  • viel Kontakt mit "Bagatellfällen"
  • oft Reduzierung auf reines "Pillenverschreiben"
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Allgemein

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