Praxisverkauf: Ich bin dann mal weg!

6. September 2012
Teilen

An der Schwelle zum Ruhestand beschäftigt er viele Kollegen: der Praxisverkauf. Oft geht es um sechsstellige Summen für die Altersvorsorge. Keine Frage, Planung und Durchführung sind ein komplexes Geflecht aus Zahlen und Interessen.

Kollegen fragen sich zuallererst, mit welcher Summe sie beim Verkauf eigentlich rechnen können. Kein leichtes Thema: Jede Arztpraxis ist so individuell wie der Inhaber selbst. Im V. Sozialgesetzbuch, § 103, findet sich nur ein lapidarer Hinweis für Nachfolgeregelungen: „Die wirtschaftlichen Interessen des ausscheidenden Vertragsarztes oder seiner Erben sind nur insoweit zu berücksichtigen, als der Kaufpreis die Höhe des Verkehrswerts der Praxis nicht übersteigt.“ Neben individuellen Gutachten haben sich einige Methoden der Bewertung etabliert.

Materielle und immaterielle Werte

„Der Wert einer Praxis setzt sich aus materiellen und immateriellen Teilen zusammen“, sagt Judith Middendorf, stellvertretende Bereichsleiterin Gesundheitsmärkte und -politik bei der apoBank, im Gespräch mit DocCheck. „Relativ leicht lässt sich der materielle Wert bestimmen“. Dazu gehören zahntechnische Gerätschaften, Verbrauchsmaterial, das sonstige Mobiliar, EDV-Anlagen sowie gegebenenfalls die Immobilie selbst. Anhand eines Anlageverzeichnisses, einer Bilanz oder einer Gewinn- und Verlustrechnung kommt man schnell auf die entsprechende Größe.

Weitaus schwieriger sind immaterielle Werte („Goodwill“) zu quantifizieren. „Diese setzen sich aus weichen Faktoren zusammen“, erzählt Middendorf. Wie ist das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt, wie beurteilt man die Lage der Praxis, wie ist die Konkurrenzsituation, welche Qualifikation hat das Personal? Und nicht zuletzt: Wie lassen sich Patienten hinsichtlich ihrer Altersstruktur und ihrer ökonomischen Situation beschreiben? „Hier ist es schwieriger, einen Wert zu finden, den man greifen kann. Es gibt nichts, das man zählen, wiegen oder messen kann.“

Blick zurück – Blick nach vorn

Middendorf: „Wir unterscheiden Methoden, welche die Vergangenheit oder die Zukunft betrachten sowie den aktuellen Verkehrswert beurteilen.“ Vom Gesetzgeber ist es keine bestimmte Herangehensweise vorgeschrieben. „Gerechtfertigt ist der Preis, der am Markt erzielt werden kann.“ Das heißt, bei entsprechender Nachfrage erhalten Kollegen durchaus Summen, die weit über materiellen und immateriellen Bewertungen liegen.

Umsatz oder Gewinn

Bei der Umsatzmethode mitteln Steuerberater Daten aus drei bis fünf Jahren. Als immateriellen Parameter addieren sie 25 Prozent des Jahresmittels. Zusammen mit dem materiellen Wert ergibt sich der Praxiswert. Ähnlich funktioniert die Gewinnmethode, nur werden hier zum arithmetischen Mittel der Gewinne mehrerer Jahre 50 Prozent als immaterieller Wert angenommen. Hinzu kommt auch hier der materielle Wert. „Man versucht damit, Werte, die in der Vergangenheit erzielt worden sind, in die Zukunft hochzurechnen. Das ist leicht zu machen, Praxisbesonderheiten – zum Beispiel falls sich die Wettbewerbssituation vor Ort verändert – werden aber nicht berücksichtigt“, so Middendorf. „Eine einfache, aber auch sehr pauschale Faustformel.“

Ertragswertverfahren

Mit dem modifizierten Ertragswertverfahren gelingt eine Extrapolation in die Zukunft – laut Middendorf „die einzig anerkannte betriebswirtschaftliche Methode“, in ihrer Ausführung aber „unwahrscheinlich komplex“. Hier werden bereinigte, durchschnittliche Erträge der letzten Jahre herangezogen. Parallel gilt es, eine Prognose für die Zukunft zu ermitteln. Davon müssen Inhaber noch ihre Vergütung (Unternehmerlohn) sowie die Steuerlast abzuziehen. Praxen unterscheiden sich allerdings von klassischen Unternehmen, da Patienten stark an die Person des Arztes gebunden sind. Der neue Chef erwirbt neben materiellen Gütern auch gute Chancen, das vom Vorgänger langfristig aufgebaute Vertrauen zu nutzen. Nach wenigen Jahren ist ein entsprechender Bonus auf ihn übergegangen – oder hat sich verflüchtigt: ein zusätzliches betriebswirtschaftliches Risiko, dem mit einer Abzinsung über zwei bis fünf Jahre Rechnung getragen wird. Diese modifizierte Ertragswertmethode ist auch für Juristen am Bundesgerichtshof legitim, um etwa bei Scheidungsverfahren den Zugewinnausgleich zu ermitteln.

Neue Ärztekammer-Methode

Auch die Bundesärztekammer hat sich mit Fragen zur Wertermittlung beschäftigt. Zur Ermittlung des Goodwills gehen Betriebswirtschaftler vom durchschnittlichen Umsatz der letzten drei Jahre aus und korrigieren diesen um nicht übertragbare Umsatzanteile. Dazu gehören Leistungen, die unmittelbar an eine Person gebunden sind, etwa Tätigkeiten als Gutachter. Als Ergebnis erhalten sie den übertragbaren Umsatz. Davon muss man übertragbare Kosten abziehen, um den übertragbaren Gewinn zu berechnen. Nach Subtraktion des Arztgehalts bleibt ein erzielbarer Gewinn, der mit dem Faktor zwei multipliziert werden muss, um zum immateriellen Wert zu kommen. In diesem sogenannten Prognosemultiplikator steckt – etwas subjektiv – eine hypothetische Patientenbindung von zwei Jahren für Einzelpraxen. Zusammen mit dem materiellen Wert erhält man den gesamten Praxiswert.

Eigeninitiative statt bösem Erwachen

Ist der Wert einer zahnärztlichen Praxis erst einmal ermittelt, stellt sich die nächste Frage: Gibt es überhaupt Kollegen, die bereit sind, entsprechende Summen auf den Tisch zu legen? Laut Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft (BVMW) müssten branchenübergreifend immer mehr Betriebe schließen, weil ein Nachfolger fehlt. Zahnärzte tun sich gerade in ländlichen Gebieten schwer, Kollegen für die Praxisübernahme zu finden. Wer sich von der Masse abgrenzt, hat bessere Karten: Um das gewachsene Patientenvertrauen auch an neue Kollegen weiterzugeben, kann eine Übergangszeit sinnvoll sein, in der beide Zahnärzte zusammenarbeiten. Auch über Jahre gewachsene Kontakte zu Lieferanten und Labors sind ein Anreiz für Käufer. Doch das will sorgsam vorbereitet sein.

Kommt Zeit, kommt Rat

Middendorf: „Es macht Sinn, eine Praxisübergabe mindestens zwei Jahre im Voraus zu planen.“ Maßnahmen zur Werterhaltung, etwa Wartungsarbeiten, sollten regelmäßig durchgeführt werden. Gleiches gilt für Investitionen in die Praxisausstattung und in zahnmedizinisch-technische Geräte. „Wir erleben es häufig, dass sich Ärzte einige Jahre vor einer Übergabe fragen, warum sie überhaupt noch investieren sollen. Dabei ist das ein wichtiger Faktor, um den Wert der Praxis zu erhalten beziehungsweise zu steigern.“

68 Wertungen (3.91 ø)
Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

8 Kommentare:

Dr. med. Gerrit Tarrach
Dr. med. Gerrit Tarrach

Noch zum Thema Arztpraxis (nicht Zahnarzt): Kann mich nur meinen Vorrednern anschließen: Habe vor knapp einem Jahr eine Landarztpraxis eröffnet (nicht gekauft, neu gegründet). Ich gehe sicher davon aus, daß meine Praxis später nicht verkäuflich sein wird. Falls dann mal überhaupt ein Nachfolger zu finden sein sollte: Warum sollte jemand auf dem Lande für einen Patientenstamm zahlen, die sowieso zu ihm kommen wird?

#8 |
  1

Ich habe meine Praxis vor fast 10 Jahren verkauft. Gebe heute gern Tipps an Kollegen, wie man dies gut vorbereitet und auch für das Alter noch vorsorgt- denn vom Praxisverkauf bleibt selten etwas übrig!
Freue mich über Anfragen! info@newsweetcare.de

#7 |
  1
Dr. med. Stefan Krüger
Dr. med. Stefan Krüger

In diesem Beitrag geht es nicht um ARZTpraxen (wie der Titel vermuten lassen könnte) sondern um ZAHNarztpraxen! Nichtsdestotrotz denke ich, dass die grundsätzlichen Probleme aber ähnlich sind. Im Detail (und darum geht es, um einen tatsächlichen Praxiswert zu ermitteln) dürfte es aber große Unterschiede geben.

#6 |
  1
Dr. Hellmut Anger
Dr. Hellmut Anger

Praxisverkauf = Witznummer!
Ich habe meine große Landpraxis drei Jahre lang angeboten wie sauer Bier. Zunächst noch gedacht, ich könnte ein paar Groschen fuffzig dafür bekommen, das habe ich mir ganz schnell von der Backe geputzt. Rund dreißig potentielle Interessenten sind durch meine Räume gegangen, ein paar haben abgesagt, von den meisten habe ich nie wieder was gehört. Der heißeste Bewerber stellte die Zahl 30 000 ¿ in den Raum. Nee, nee, die wollte er nicht etwa für die Praxis bezahlen, die wollte er von mir haben, wenn er die Praxis übernähme.
Bei praktisch allen Gesprächen kam heraus: keine Planungssicherheit, zu viel Arbeit für zu wenig Geld. Ich hätte die Praxis ja verschenkt, mit allem Drum und Dran, aber die jungen Kollegen/innen hatten einfach Schiss, ich kann es ihnen nicht verdenken: Abrechnungs”reformen” in immer kürzerer Taktung, sinkende Hohnorare (kein Schreibfehler!), ständige Regressangst (klar gibt es die noch!), Bürokratie, dass es einem schwindelig werden kann, dazu die pausenlosen üblen Anfeindungen durch Politik und kranke Kassen, wer will sich das denn wirklich antun?
Das war’s dann, am 01.07. habe ich meinen Laden zugemacht, ohne Nachfolger. 1600 Patienten suchen einen neuen Hausarzt, das ist ein ganz anderes, aber auch wenig erheiterndes Thema!
Bedeutet für mich: Rente durch ÄV plus private Vorsorge: ja, geht, aber die vor 25 Jahren prognostizierten Überschusstahlungen der Versicherung sind auf 25 % zusammengeschnurrt, die Praxis nicht verkauft, die Praxisräume im eigenen Haus stehen bislang leer, also keine Mieteinnahmen, d. h., das gesamte Konzept der Altersversorgung ist in sich zusammengefallen. Na gut, kommen wir übern Hund, komm’ wir auch übern Schwanz!
Aber so richtig zum Lachen ist das alles nicht!

#5 |
  0

Die jungen Ärzte sind klug genug, sich einer nicht planbaren
Zukunft in der freien Praxis auszusetzen.Unfähige Politiker,
unfähige Ärztevertreter, unfähige Krankenkassenvertreter sind nicht in der Lage eine dringende Reform durchzusetzen.
Ziel ist es die Einzelpraxen abzuschaffen und MVZ flächendeckend zu etablieren.Der selbstständige Arzt hat keine Lobby.Die Zukunft für junge Ärzte liegt im Ausland.
Die Einzelpraxis ein Auslaufmodell, seit langem von der
KBV beschlossen.Wer investiert schon in eine Praxis ohne Zukunft ?

#4 |
  0
Dr. med. Tobias Brink
Dr. med. Tobias Brink

ich habe vor einigen Jahren im Raum Bremen versucht,eine Neurologen Praxis zu übernehmen. Das gabze Geschäft ist faul. Der ausscheidende Arzt versucht den Nachfolger über den Tisch zu ziehen, die KV trickst die Bewerber gegenseitig aus, und läßt sich meines Erachtens nach zusätzlich bezahlen. Man nennt so was Korruption.

#3 |
  0

Oft geht es um sechsstellige Summen für die Altersvorsorge?
Bei uns in 79618 Rheinfelden wird gerade die vierte Hausarztpraxis auf die Mülldeponie entsorgt.
Dann noch das FA am Hals,Hausbank mit Restkrediten,komplizierte Abschreibungen selbst für einen versierten Steuerberater, drohende Privatinsolvenz, ein nicht gelebtes Leben als Hartz IV-er am Ende.Nach Temperament und Möglichkeit wählt man den persönlichen Abgang: Den gezielten Schuss, auch Gnadenschuss genannt.
Das D-Ärzteblatt bietet im Anzeigen Anhang zunehmend Praxen zum Verschenken an.Kein “Klar im Kopfe Mann/Frau” lässt sich heutzutage über den Tisch ziehen.
Ende der Geschichte, das wars dann.
http://www.openpr.de/…/Aerzte-werden-eiskalt-enteignet...
http://www.badische-zeitung.de/…/hausarztpraxis-rechnet-sich-nicht–1666...

#2 |
  0
Dr. med. Thomas Urbach
Dr. med. Thomas Urbach

Alles schön und gut, aber welche Methode sollte man anwenden, wenn sich kein Kollege mehr findet der die Praxis abkauft???
Politik, Medien und Kassen haben es geschafft aus dem einzigartigen Beruf (selbsständiger Arzt mit eigener Praxis)
einen Scherbenhaufen zu machen. Altersabsicherung durch Praxisverkauf ade`!

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: