Aortenklappenstenose: Demenzrisiko im Blick

6. Dezember 2013
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Statt einer Herzoperation gibt es für Aortenklappenstenose-Patienten eine schonende Alternative mittels Herzkatheter. Doch auch dabei kommt es häufig durch Kalkbröckchen zu „Mikroembolien“. Forscher konnten nun ein Demenzrisiko nach dem Eingriff größtenteils ausschließen.

Gerhard E. bekam nicht mehr richtig Luft. Seine Aortenklappe war stark verengt und öffnete sich kaum noch. Für den heute 83-Jährigen, der bereits am Herzen operiert war, barg der übliche und bewährte chirurgische Eingriff unter Einsatz der Herz-Lungen-Maschine ein zu hohes Risiko. Doch ohne Klappenersatz war seine Prognose sehr schlecht. So schlug Prof. Dr. Georg Nickenig, Direktor der Medizinischen Klinik II am Universitätsklinikum Bonn, in gemeinsamer Abwägung von Risiken und Nutzen mit Prof. Dr. Armin Welz, Direktor der Klinik für Herzchirurgie, eine Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) vor.

„Doch birgt auch dieser technologisch ausgereifte und apparativ sehr anspruchsvolle Eingriff bestimmte Risiken“, weiß Prof. Nickenig. Denn es können sich dabei kleine Verkrustungen von der verkalkten Herzklappe lösen und im Blutstrom bis zum Gehirn gelangen. So gäbe es beispielsweise bei Eingriffen an einer stark verkalkten Herzklappe ein Schlaganfallrisiko von zwei bis maximal fünf Prozent.



„Mini-Schlaganfälle“ ein Risiko für das Gedächtnis?

Dagegen wurde bislang die kognitive Leistungsfähigkeit wie Gedächtnis, Orientierung und Konzentration der Patienten im Langzeitverlauf nach der Implantation einer Aortenklappe nicht untersucht. „Doch dies ist für die Alltagsbewältigung und den Erhalt der Selbstständigkeit unserer betagten Patienten von großer Bedeutung, insbesondere in Anbetracht der steigenden Lebenserwartung“, beschreibt Privatdozent Dr. Alexander Ghanem, Oberarzt an der Medizinischen Klinik II am Universitätsklinikum Bonn, seine Motivation, dazu eine Studie durchzuführen. Unter diesem Aspekt schaute er sich 125 Hochrisikopatienten – darunter auch Gerhard E. – genauer an.

In Zusammenarbeit mit der Radiologischen Klinik des Universitätsklinikums Bonn konnte er mittels MRT-Untersuchungen des Gehirns nach der Aortenklappenimplantation – bedingt durch in das Gehirn verschleppten Kalk der verengten Herzklappe – bei den Patienten sehr häufig mikroskopisch kleine Schlaganfälle beobachten. Es stellt sich die Frage, ob diese klinisch stummen „Mikroembolien“ als Risikofaktor für das späte Auftreten einer Demenz gewertet werden müssen. So testete und verglich Ghanem in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn die kognitive Leistungsfähigkeit wie das Erinnerungsvermögen der Patienten vor und nach dem Eingriff: „Mehr als 90 Prozent blieb diesbezüglich durchgehend auch über zwei Jahre danach unbeschadet.“

Mikroembolien haben keinen Einfluss auf geistige Leistung

Auf der anderen Seite sind betagte Patienten mit Aortenklappenstenose häufig bereits in ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit eingeschränkt – möglicherweise durch die verengte Aortenklappe bedingt, die zur Minderdurchblutung unter anderem des Gehirns sorgt. „Erfreulicherweise hatte auch eine auffällig unterdurchschnittliche kognitive Leistung vor dem Eingriff keinen Einfluss auf die geistigen Kräfte unserer Patienten zwei Jahre nach dem Eingriff. Folglich wird die mentale Leistungsfähigkeit auch dieser Patienten durch eine Aortenklappenimplantation nicht negativ beeinträchtigt“, sagt Ghanem.

Originalpublikation:

Cognitive Trajectory After Transcatheter Aortic Valve Implantation
Alexander Ghanem et al.; Circulation: Cardiovascular Interventions, doi: 10.1161/CIRCINTERVENTIONS.112.000429; 2013

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