Ganz Hamburg – ein Archiv

9. Mai 2006
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Röntgentüten? Kellerräume voller Datenträger? Alles Schnee von gestern. Sechs Hamburger Kliniken haben ihr komplettes Röntgenarchiv ausgelagert und greifen jetzt nur noch per Datenleitung auf das Bildmaterial zu. Zeitersparnis pro Patient: Bis zu zwei Stunden.

Notfall im Klinikum Wandsbek: Ein Patient mit neurologischen Problemen wird eingeliefert. Die Computertomografie zeigt eine Blutung. Operieren? Nicht operieren? Ein kurzer Anruf beim Neurochirurgen im Klinikum Altona am anderen Ende der Stadt bringt Gewissheit. Ein Blick auf die CT-Bilder, ein paar Fragen und Antworten am Telefon, und die OP-Indikation ist gestellt. Eine halbe Stunde später ist der Patient in Altona.

Die Leidtragenden sind die Taxifahrer…

Der Terminus der "zentralen elektronischen Patientenakte" wird oft mit leicht geringschätzigem Unterton gebraucht. Dabei meint "zentral" gar nicht den einen Megaserver an einer Stelle irgendwo in Deutschland, sondern lediglich die einrichtungsübergreifende Datenspeicherung außerhalb der vier Wände einer medizinischen Einrichtungen. Wenn Patienten wegen ihrer Erkrankung von einer Einrichtung zur anderen wandern müssen, dann sind solche "zentralen" Speicherorte von unschätzbarem Wert. Das eingangs geschilderte Beispiel stammt von den LBK-Kliniken in Hamburg, die vor einiger Zeit in den Besitz des Asklepios-Konzerns übergegangen sind. Dort arbeiten die Ärzte seit Anfang des Jahres mit einem einheitlichen Röntgenarchiv: Egal ob Röntgenthorax, kraniales Computertomogramm oder Kernspinsequenz, der Zugriff auf sämtliches radiologisches Bildmaterial, das die Ärzte im Klinikalltag nutzen, erfolgt per Datenleitung. Ob in Wandsbek oder Altona, ob in Barmbek oder demnächst am Allgemeinen Krankenhaus St.Georg, von überall haben berechtigte Ärzte Zugriff auf die zentral gespeicherten Röntgenbilder der Patienten, ganz gleich in welchem der Häuser sie aufgenommen wurden. "Früher haben wir unsere jüngsten Kollegen durchs Haus geschickt, um Röntgentüten zu suchen", sagt Professor Gerd Witte, Chefarzt für Radiologie am Klinikum Wandsbek. Heute schwitzen nicht nur die Jungärzte weniger, auch die Taxifahrer haben weniger zu tun. Denn wurden Bildfolgen für Konsultationen wie jene mit dem Neurochirurgen in Altona bisher per Taxi verschickt, fällt dieser Arbeitsschritt nun flach. "In einzelnen Fällen können so bis zu zwei Stunden eingespart werden", schätzt Witte.

Ausgelagerte Festplatten statt Schrankwände im Haus

Technisch ist das von dem Unternehmen Philips realisierte Projekt auf dem neuesten Stand: Neun Radiologiearbeitsplätze und 65 weitere Befundungsplätze hat alleine das 550-Betten-Haus Wandsbek zu bieten. In zwei voneinander unabhängigen 1 Gigabit-Ethernet-Leitungen jagen die Aufnahmen durch die Stadt. Dadurch gibt es auch bei Schnittbildserien praktisch keine Wartezeiten mehr. Zwei bis drei Sekunden sind die Oberkante. Meist geht es schneller. Einige wenige, kurze Ausfälle in den ersten drei Monaten, sonst gab es keinerlei Klagen. Die Mediziner vor Ort sind zufrieden. Insgesamt 400.000 radiologische Untersuchungen pro Jahr bewältigt das System, ein Datenvolumen von acht Terabyte. Auch das Thema "Gang ins Archiv" hat sich in Hamburg erledigt: Die Daten werden in doppelter Ausführung an räumlich getrennten Orten auf Festplatten gespeichert. Damit sind alte Datensätze annähernd so schnell verfügbar wie jüngere Aufnahmen, und zwar auch nachts und am Wochenende. "Die Kommunikation innerhalb der Klinik hat sich durch das neue System wesentlich verbessert", sagt der Radiologe Witte. Auch Dr. Jörg Weidenhammer, Verwaltungschef der Hamburger LBK-Kliniken ist überzeugt, dass sich das mit sieben Millionen Euro nicht gerade billige System auf Dauer rechnet.

Wird die Radiologie bald zur digitalen Dienstleistung?

Für das Unternehmen Philips sind Projekte wie das in Hamburg nur der Anfang einer neuen digitalen Radiologiewelt, in der einiges anders ist als bisher. So könnten sich Kliniken in Zukunft, statt Hardware zu kaufen, PAC-Dienstleistungen mieten, zum Beispiel ein bestimmtes Datenvolumen und eine bestimmte Ausfallsicherheit. Jedes Terabyte pro Jahr mit einer garantierten Netzwerkverfügbarkeit von beispielsweise 99,99 Prozent würde dann einen Betrag X kosten. Wer sich für eine nur 99,9 prozentige Verfügbarkeit entscheidet, zahlt einen Betrag Y, der etwas niedriger liegt. Systeme wie dieses enthalten auch Zusatzdienstleistungen wie Disaster Recovery-Funktionen, die zum Beispiel bei einer Klinik in New Orleans nach dem Hurrikane Katrina einen Datenverlust verhindern konnten.

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