Blutkonserve an Schwester: Ich bin hier falsch!

10. Mai 2006
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Funkchips erobern rasant den klinischen Alltag. Ob Blutkonserve, OP-Schleuse oder Medizingerät: Alles, was ein Krankenhaus ausmacht, lernt derzeit kommunizieren. Was die Patienten davon haben, und warum in einem Innsbrucker OP-Trakt plötzlich keine Medizingeräte mehr wegkommen, lesen Sie hier.

Beginnen gerade die Zeiten, in denen Medizinprodukte und Medizingeräte in einem Krankenhaus mehr miteinander kommunizieren als das Personal mit den Patienten? Böses Vorurteil, keine Frage. Aber dass alle möglichen Dinge im stationären Bereich plötzlich reden lernen, ist eine Tatsache.

Funkarmbänder sollen mehr Ordnung in den OP-Trakt bringen

In Deutschland ist unter anderem das Klinikum Saarbrücken ganz vorn mit dabei. Hier wurde bereits im vergangenen Jahr ein Pilotprojekt gestartet, bei dem seither über tausend Patienten bei Aufnahme mit einem Funkarmband ausgestattet wurden. Dieses Armband enthält einen so genannten RFID-Tag, über den der Träger eindeutig identifiziert werden kann. So wird es zum Beispiel möglich, bei der Visite mittels Tablet-PC oder Taschencomputer direkt auf die relevanten Patientendaten zuzugreifen, weil sich Computer und Armband des Patienten verständigen können. Ein wichtiger Fokus des Saarbrückener Projekts liegt auf der Arzneimittelsicherheit. Hier kommt zusammen mit der RFID-Identifizierung eine Software des Unternehmens RpDoc Solutions zum Einsatz, die gewährleistet, dass Medikationsprobleme schon bei der Verordnung am Krankenbett bemerkt werden können. Erst kürzlich wurde das Saarbrückener Projekt auf Blutkonserven ausgedehnt. Auch diese erhalten jetzt einen Funkchip, wenn sie das Klinikum erreichen. Dieser Funkchip gibt Auskunft darüber, für welchen Patienten die Konserve vorgesehen ist. Soll die Blutkonserve nun eingesetzt werden, erkennt der Taschencomputer der Schwester diesen Chip und gleichzeitig das Armband des Patienten. Sollte eine Verwechslung vorliegen, wird die Schwester sofort gewarnt, bevor sie die Blutkonserve für die Transfusion durch den Arzt auch nur im Patientenzimmer abgelegt hat.

Was für Blutkonserven recht ist, ist für den OP-Trakt billig

Mit aktiven oder halbaktiven RFID-Tags kann ein solches System auch noch weiter automatisiert werden. Bei dieser Technik erzeugen die Chips selbst von sich aus Funksignale, wodurch komplexere Warnsysteme möglich werden. Das jüngste Beispiel hierzu erreicht uns jetzt aus Innsbruck, wo semiaktive Funkarmbänder der Siemens-Tochter ITH vor drei Monaten eingeführt wurden. “Wir rüsten dort momentan Patienten und Wartungstechniker mit entsprechenden Armbändern aus”, sagt ITH-Mitarbeiter Norbert Ascher im Gespräch im dem DocCheck-Newsletter. Durch die Patientenarmbänder des Systems ProAct, so der Handelsname, soll sicher gestellt werden, dass kein Patient operiert wird, der eigentlich gar nicht operiert werden sollte. Dazu wurden mehrere Kontrollpunkte implementiert. Die erste Kontrolle findet gleich im Eingangsbereich des OP-Trakts statt, wo das Patientenarmband mit dem OP-System in Kontakt tritt, um festzustellen, ob der Träger des Armbands überhaupt einen OP-Termin hat. “Ist das nicht der Fall, wird sofort der OP-Koordinator informiert”, so Ascher. Gut so… Mit anderen Worten: Jeder Patient, der sich ohne OP-Termin dem Messer nähert, löst einen Alarm aus. Die zweite Funkkontrolle findet dann an der Schleuse statt, durch die es in den jeweiligen OP-Saal geht. Auch hier wird noch einmal kontrolliert, ob es wirklich der richtige Patient ist, der durch die Tür kommt. Ist die Sache mit der Patientenidentifikation durch, werden automatisch wichtige Informationen aus dem Klinikinformationssystem und aus der OP-Dokumentation auf die Monitore im richtigen OP-Saal gespielt.

Für Techniker ist das Funkarmband die Lizenz zum Wegnehmen

Die Intention bei den Funkarmbändern für Wartungstechniker und für die insgesamt 25.000 Medizingeräte im OP-Trakt des Innsbrucker Klinikums ist eine etwas andere: “Hier geht es in erster Linie um den Diebstahl von mobilen Medizingeräten”, so Ascher. Neben vielen Vorteilen hat die zunehmende Miniaturisierung der Apparate nämlich den Nachteil, dass sie von schlimmen Fingern einfach aus dem OP-Trakt heraus getragen werden können. Durch die Funkchips wird das verhindert. Lediglich Wartungstechniker, die mit einem “Friendly Tag” ausgestattet sind, dürfen in Innsbruck noch Medizingeräte aus dem OP-Trakt entfernen. In diesen Fällen wird die sonst scharf geschaltete Alarmfunktion kurzzeitig deaktiviert. “Unser ProAct-System ist wahrscheinlich das weltweit einzige semiaktive RFID-System, das im Moment eine TÜV-Zertifizierung für den Einsatz im OP-Trakt hat”, betont Ascher. Eine der Voraussetzung dafür sind Prüfungen auf mögliche Interaktionen mit anderen intensivmedizinischen Apparaturen. Bis jetzt wurde nichts entdeckt, aber die Kontrollen gehen weiter. Technisch wurde einiges dafür getan, dass nichts passiert. Ascher: “Die Strahlung des Systems liegt etwa 100.000fach niedriger als bei DECT-Handys”.

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