Grüner Tee gegen geistigen Verfall

23. Mai 2006
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Hinweise gab es bislang viele, nun belegt endlich eine einzigartige Studie am Menschen: Regelmäßiges Trinken von grünem Tee verringert das Risiko für geistige Beeinträchtigungen im Alter. Ob Demenz, Alzheimer oder Parkinson - drei bis vier Tassen grüner Tee am Tag lassen die Erkrankungen wesentlich seltener auftreten. Mögliche Folge: Die Pille gegen das Vergessen rückt näher.

Die vielfach beachtete Studie des japanischen Wissenschaftlers Shinichi Kuriyama von der medizinischen Universität Tohoku gilt als kleine Sensation. Denn erstmals wiesen die Mediziner das nach,was Tierversuche zuvor belegt hatten: die im grünen Tee vorkommendenInhaltsstoffe stellen eine Schutzbarriere für Gehirnzellen dar undkönnen Entstehungsprozesse von Alzheimer oder der Parkinson'schenKrankheit blockieren.

Kuriyama erfasste mittels einesausführlichen Fragebogens Daten von 1.003 japanischen Erwachsenen über70 Jahren zu ihren Essgewohnheiten und verglich die Daten mit demGesundheitszustand und allgemeinen Lebensgewohnheiten der Probanden.Zudem mussten sich die Testpersonen speziellen kognitven Untersuchungenunterziehen. Darin wurden Gedächtnis-, Konzentrations- undAufmerksamkeits- sowie die Sprachfähigkeit der Probanden gemessen.

Erstaunliches Fazit

Senioren, die in ihrem Leben über Jahre hinwegzwei oder drei Tassen des fernöstlichen Getränks täglich tranken,wiesen einen halb so ausgeprägten mentalen Verfall auf, als diejenigen,die lediglich in einer Woche drei oder weniger Tassen konsumierten."Festzuhalten ist, dass ein hoher Konsum von grünem Tee mit einemgeringeren Auftreten von akuten geistigen Einbußen im Altereinhergeht", kommentiert die Ernährungswissenschaftlerin Bettina Geiervon der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik in Aachen diejapanischen Ergebnisse. Warum das Getränk zu solch spektakulären Wirkungen im menschlichen Körpertendiert, erklären möglicherweise Tierexperimente. Offensichtlichvermag der im grünen Tee enthaltene und zur Gruppe der Flavonoidegehörende Inhaltsstoff Epigallocatechin-Gallat (EGCG) Alzheimervorzubeugen, indem die Bildung der Plaques verhindert wird. Tatsächlichzeigte eine Studie an Mäusen, dass transgene Tiere, die genetisch zurAusbildung von Alzheimer programmiert waren und denen EGCG injiziertwurde, rund 50 Prozent weniger Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn aufwiesen.

EGCG: Neuronale Wunderpille in Sicht?

Weil die Konzentration des EGCG indes gering ist, und andere Substanzendie Wirkung im Tee abmildern, schlagen die Forscher die Anreicherung inForm von Nahrungsergänzungsmitteln vor.

Nicht minder spektakulär sind Forschungsergebnisse am Institut für Neuroimmunologieder Charité in Berlin. "Wir haben mit EGCG erstmals eine Substanzgefunden, die oral verabreicht über unabhängige immunmodulatorische undnervenzellschützende Eigenschaften verfügt", erklärt Orhan Aktas, derdie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderteStudie gemeinsam mit seinem Kollegen Timour Prozorovski durchführte,und: "Somit scheint EGCG die zerstörerischen Krankheitsprozesse derMultiplen Sklerose von zwei Seiten anzugreifen. Darüber hinaus hat dieSubstanz den Vorteil, dass sie wahrscheinlich kaum Nebenwirkungenverursacht."

Tatsächlich wiesen die Forscher nach, dassEGCG in das Wachstum aktivierter Immunzellen, der so genanntenT-Lymphozyten, eingreift und die Expansion dieser Zellen hemmt.Gleichzeitig kann EGCG offensichtlich die Nervenzellen vorverschiedenen schädlichen Substanzen schützen, die das Immunsystemfreisetzt. "Unsere Versuche haben gezeigt, dass EGCG auch bei bereitserkrankten Tieren wirkt. Dies entspricht der Behandlungssituation beiPatienten, die sich nach dem ersten Schub einer Multiplen Sklerose beiihrem Arzt vorstellen", erläutert Aktas.

Freilich haben alldie Beobachtungen um den Inhaltsstoff des Grünen Tees einengravierenden Schwachpunkt: sie erfolgten im Tierversuch. Studien, dieden Nutzen des grünen Tees direkt am Menschen belegten, waren bis zuKuriyamas neulich veröffentlichter Arbeit faktisch nicht vorhanden.

Doch auch Kuriyamas Arbeit wirft neue Fragen auf. Denn während dieTierversuche den direkten molekularbiologischen Zusammenhang zwischenEGCG-Aufnahme und dem schützenden, neuronalen Effekt belegen, erlaubtdie japanische Studie keine Aussage über das Ursache-Wirkungs-Prinzip."Da es sich um eine reine Beobachtungsstudie und nicht um einenkontrollierten Versuch handelt, lässt sich nicht ausschließen, dass"Grün-Teetrinker" einfach generell gesünder leben als"Nicht-Grün-Teetrinker" und sich aufgrund dessen auch einer besserenGesundheit erfreuen", erklärt daher Ernährungswissenschaftlerin Geier.Fazit der Ernährungsfachfrau: Grüner Tee ist kein Wundermittel aber einwertvoller "Cocktail" aus natürlichen gesundheitszuträglichen Stoffen.

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