Qualitäts-Management – 6 aus 49

23. Mai 2006
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Beinahe bekommt man bei der Auswahl des passenden QM-Systems tatsächlich das Gefühl, Lotto zu spielen. Zu viele Angebote sind auf dem Markt, zu viele Faktoren zu berücksichtigen. DocCheck stellt exemplarisch einige dieser Systeme vor und zeigt auf, wie sich der breite Markt auf die wichtigsten Fakten eingrenzen lässt.

“Qualitätsmanagement ist eine Wissenschaft verschwommener Annahmen und stützt sich auf anfechtbare Werte, die als Ergebnis erfolgloser Experimente mit Instrumenten problematischer Genauigkeit von Personen zweifelhafter Zuverlässigkeit und fragwürdiger Geisteshaltung ermittelt wurden”.

Was Thomas Kleinoeder, Bereichsleiter Applikationen Forschung und Lehre im Geschäftsbereich Informationstechnologie der Uniklinik Göttingen scherzhaft zu erklären versuchte, kennen mittlerweile Tausende von Ärzten aus eigener Erfahrung: Qualitätsmanagement-Modelle gibt es wie Sand am Meer, doch wirklich hundertprozentig tauglich kann im Alltag keins davon sein.

Tatsächlich schrecken schon die kryptischen Abkürzungen viele Ärzte ab, die nach Jahren und Jahrzehnten Patienten-Erfahrung nun plötzlich ein vollkommen neues Vokabular beherrschen sollen: EFQM, QMK, ISO 9000 ff, und wie die QM-Systeme noch so heißen mögen. Als ob diese Zungenbrecher allein nicht reichten, kosten sie noch bares Geld. Wer seine Klinik oder Praxis, wie vom Gesetzgeber gefordert, mit einem QM-System ausrüsten muss, darf in die Tasche greifen – je nach “Modell” berappen beispielsweise Niedergelassene von 128 EUR bis 2600 EUR und mehr. So mancher Arzt mag sich daher an versierte Lottospieler erinnert fühlen – das Kästchen gibt es dort für rund einen Euro, aber in der Edelversion des Systemscheins für ein paar Tausend, wenn man mag. Alles ist drin. Hinzu kommt, dem Lottospiel gleich, die eigentliche Frage, was der Erwerb letzten Endes bringt. Garantiert das teure QM-System tatsächlich den qualitativen Erfolg? Und sind Billiganbieter wirklich so gut, wie sie es vorgeben möchten?

Wer die gesetzlich vorgeschriebene Qual der Wahl vor sich hat, sollte sich trotz des Wirrwarrs entspannen. Denn die Idee der Qualitätsmanagement-Modelle ist weder neu, noch schrecklich. Insgesamt sechs verschiedene Modelle wollen wir vorstellen – sie spiegeln die Regeln des gesamten Spiels wieder. Wer das Prinzip mit Neugier, statt mit Angst verfolgt, findet am Ende möglicherweise Gefallen an der staatlich verordneten Qualität.

DIN EN ISO 9000: Trocken, technisch, gut

Schon in den 50er Jahren etablierte sich der Gedanke, mit Hilfe von festen Abläufen die Qualität der Endprodukte zu sichern. In Japan führte man das ebenso simple, wie effektive Konzept des PDCA-Zyklus ein. Ohne ihn zu kennen, befolgt ihn an sich ohnehin jeder Selbständige: Plan-Do-Check-Act. Doch immerhin entsprang aus diesem Gedanken über Jahre hinweg das, was mittlerweile weltweit mehr als 400.000 Unternehmen – darunter Kliniken und Praxen – beherzigen: das Normsystem DIN EN ISO 9000. Hinter den Monsternamen verbirgt sich die Idee, mit Hilfe eines Elementorientierten Aufbaus ein einheitliches Regelwerk für Qualitätsmanagementsysteme zu schaffen. Dieses erblickte im Jahr 1987 das Licht der Welt, die Konzepte basieren dabei auf Darlegungsnormen, Fragenkatalogen, Selbstbewertungen oder der Vergabe von Qualitätspreisen.

Gerade der Industriestandart wirkt auf ersten Blick für Mediziner befremdlich. Der Patient heißt plötzlich “Kunde”, ärztliche Leistungen mutieren zu “Produkten”. Aber unterm Strich reichen lediglich 20 Elemente aus, um seine Klinik oder Praxis in Punkto Qualität auf Augenhöhe mit den großen globalen Konzernen zu führen. Als weitere Stärke des Konzepts ist die Verantwortung, die die oberste Leitung trägt. So muss beispielsweise im stationären Bereich die Klinikleitung feste und konkrete Qualitätsziele definieren – und einhalten. Zudem müssen sich Einrichtungen des Gesundheitswesens alle drei Jahre Rezertifizieren lassen, aus Sicht vieler Fachleute ein Instrument, um den sich oft einschleichenden Routine-Schlendrians zu entledigen.

KTQ: Klinikarztes Liebling?

Neben dem oben aufgeführten, industrienahen Modell, hat sich im stationären Bereich das von gleich mehreren Verbänden gegründete KTQ-Modell etabliert. Die “Kooperation für Transparenz und Qualität im Krankenhaus” bietet Zertifizierungsverfahren für ganze Krankenhäuser, bei dem zunächst anhand von Fragekatalogen eine Selbsteinstufung erfolgt. Spezielle Visitoren überprüfen dann die Daten – erst bei Erreichen einer bestimmten Punktzahl gibt es das begehrte Zertifikat. Im Vergleich zu anderen Modellen können bei KTQ nur ganze Kliniken oder selbständige Betriebsstätten zertifiziert werden.

proCum Cert: Mehr als reine Ökonomie

Wer seine Institution um ein kirchliches Leitbild erweitern mag, darf getrost auf proCum Cert zugreifen. Das im Jahr 1998 auf Initiative des Katholischen Krankenhausverbandes in Deutschland und anderen kirchlichen Institutionen gegründete Konzept ist zwar bisher nur wenig im Alltag eingesetzt worden, bietet allerdings gerade für Einrichtungen aus dem karitativen Umfeld oder im Hospiz-Bereich möglicherweise eine interessante Alternative zum Industrie-Pendant.

EFQM: Mitspielen in der Champions-League

Wer alle Bereiche seiner Einrichtung im Blick haben möchte, sollte sich näher mit dem Qualitätsmanagementkonzept der European Foundation for Quality Management (EFQM) befassen. Dieses Konzept ist freilich nichts für Stressgeplagte. Denn im Vergleich zu allen anderen Modellen fließen bei der EFQM-Zertifizierung tatsächlich alle Prozesse in die Bewertung ein. Zudem garantiert ein Punktesystem, dass das Endprodukt, sprich Leistung, nur dann maximal bewertet werden kann, wenn zwischendurch alles optimal läuft. Das Modell ist eher für Profis und solche Mediziner geeignet, die langfristig auf hohem Niveau mitspielen möchten.

QMK: Das Ergebnis zählt

Wer sich auf die Ergebnis seiner Einrichtung konzentrieren will, ist hingegen mit dem Qualitätsmodell Krankenhaus (QMK) optimal versorgt. Das vom AOK-Bundesverband in Zusammenarbeit mit den Kliniken Asklepios und Helios entwickelte Verfahren nimmt zwar neben den Ergebnissen auch einzelne Prozesse und Strukturen unter die Lupe – doch nur dann, wenn diese für die Ergebnisse von Bedeutung sind.

IKF: Beispielstory der langen QM-Geschichte

Dass die Geschichte der Qualitätsmanagement-Systeme im niedergelassenen Bereich keinesfalls eine neue Erfindung des Gesetzgebers ist, demonstriert das Beispiel IKF. Bereits 1993 entwickelte das kommerzielle Institut erste Qualitätsmanagement-Module für Leistungsanbieter im Gesundheitswesen, wenn auch am Anfang nur für Krankenhausapotheken. 1996 wurde von IKF auf dieser Basis im Auftrag der Apothekervereinigung ABDA ein Qualitätsmanagementsystem für öffentliche Apotheken entwickelt, das 1999 auf Grund seiner breiten Akzeptanz im politischen Bereich zum bundesweit genutzten “ABDA Modell” avancierte. Seitdem schult das Institut dieses System in Niedersachsen und in Sachsen-Anhalt als exklusiver Anbieter im Auftrage der Kammern. Weil sich schon 1996 das Thema Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen abzeichnete, führte das IKF erste Seminare und Beratungen in diesem Bereich auch für Arztpraxen durch. Das Apothekenmodell diente dabei als Basis – und wurde auf die Verhältnisse und Anforderungen einer Arztpraxis angepasst.

Die sechs vorgestellten Modelle sind freilich weder besser, noch schlechter als die unzähligen anderen, die sich mittlerweile am Markt tummeln. Doch sie zeigen exemplarisch die komplexe Entstehungsgeschichte dessen, was seine Anfänge vor langer Zeit findet, wie Sven Beholz bereits im Mai 2003 zu berichten wusste: Dem stellvertretenden Direktor der Klinik für Kardiovaskuläre Chirurgie an der Berliner Charité zufolge führten Ärzte, ohne es explizit zu wissen, die ersten Qualitätsmanagement-Schritte schon im 19. Jahrhundert ein – als Sektion oder Visitation.

Übersicht über die Systeme

Im Folgenden werden die ungefähren Kosten für die Zertifizierung nach den jeweiligen Systemen angeführt. Bitte beachten Sie, dass es sich dabei lediglich um grobe Richtwerte handelt, da die faktischen Preise, abhängig von der Größe des zu zertifizierenden Unternehmens, stark variieren. Name Kosten Anmerkung ISO ca. 10.000 € Preis variiert stark, je nach Größe des Unternehmens fallen 3.000 bis 15.000 € an, Zusammenschlüsse mehrerer Praxen sind möglich KTQ ca. 2.000 € Zertifizierung gilt jeweils für den gesamten Betrieb proCum Cert — baut auf KTQ auf, wird um einige Aspekte erweitert, Preise deshalb je nach Leistungsumfang basierend auf KTQ EFQM ca. 1.000 € Basispreis – da bei EFQM die meisten Prozesse in die Bewertung einfließen erhöht sich der Preis fast immer durch div. Leistungen QMK ca. 10.000 €
Preis bezieht sich auf die exemplarische Rechnung anhand einer einzelnen Klinik IKF ca. 2.500 € Preis bezieht sich auf eine Einrichtung mit 5 Mitarbeitern

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