Medizintourismus: Der Scheich will’s weich

10. Dezember 2013
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Gut betuchte arabische und russische Patienten kommen immer häufiger nach Deutschland, um sich medizinisch behandeln zu lassen. Das spült Geld in leere Kliniksäckel, schafft aber auch Probleme. Wohl denen, die gut vorbereitet sind.

Zwischen Luxushotel, OP, Sightseeing und Shoppingtour: Die Erschließung solventer Patientengruppen aus der Golfregion sowie aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion hat sich für Kliniken zu einem lukrativen Geschäftsmodell entwickelt. EU-Bürger, die im Heimatland lange auf Diagnostik und Therapie warten müssten, suchen ebenfalls Hilfe in Deutschland. Laut Schätzungen der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ließen sich in 2012 etwa 83.000 stationäre und 123.000 ambulante Patienten aus aller Herren Länder bei uns behandeln, ein Zuwachs um 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit steht Deutschland nach Indien, Thailand und den USA weltweit in puncto Gesundheitstourismus an vierter Stelle. Wissenschaftler sprechen von einer Milliarde Euro als Erlös allein für Krankenhäuser. Nicht immer gibt es jedoch brauchbare Strategien, wie aus Untersuchungen des Think Tank Diplomatic Council hervorgeht.

Auf Wachstumskurs …

Das soll sich künftig ändern. In der Bundeshauptstadt wirbt „Visit Berlin“ massiv für Gesundheitsdienstleistungen. Internationale Patienten schätzen Fachbereiche wie Onkologie, Neurochirurgie und Kardiologie, aber auch Präventionsangebote. Kein Einzelfall: Sachsen lockt zahlungskräftige Patienten aus GUS-Staaten mit Onkologie beziehungsweise Kinderrehabilitation. Und in 2012 bekam das Projekt „Medizintourismus entlang der Rheinschiene – Düsseldorf, Köln und Bonn“ mehr als 900.000 Euro aus Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen beziehungsweise des NRW/EU-Ziel 2-Programms („Innovationen wagen – Aufbruch in eine kreative Ökonomie“). Ziel ist, medizinische sowie touristische Leistungen zu erfassen und zielgruppengerecht aufzubereiten – mit den Schwerpunkten Adipositas, Augenkrankheiten und Diabetes. Auch soll das Personal in beiden Bereichen für neue Herausforderungen geschult werden. Ganz wichtig sind profunde Sprachkenntnisse, um mögliche Haftungsprobleme auszuschließen. Bleibt noch der Wohlfühlfaktor als Anspruch gut situierter Patienten – nicht überall wird Service jenseits des OPs groß geschrieben. Neben Qualifizierungs- und Weiterbildungsprogrammen gehört ein Zertifizierungsverfahren für beteiligte Einrichtungen mit dazu. Momentan erfüllen nur wenige Häuser internationale Standards wie von der amerikanischen Joint Commission International (JCI) gefordert.

… oder eine Fata Morgana?

Für niedergelassene Ärzte sieht die Sache wesentlich schwieriger aus – nicht jede Praxis eignet sich, um betuchte Patienten aus fernen Ländern zu behandeln. Gefragt sind Spezialisten ihres Fachgebiets, etwa Radiologen, Orthopäden, Reproduktionsmediziner beziehungsweise Ophthalmologen, die sich womöglich noch in der Muttersprache ihrer Zielgruppe verständigen können. Über medizinisches Können hinaus muss das ganze Team souverän mit anderen Kulturen und Verhaltensweisen umgehen. Das reicht von kulturellen, religiösen oder politischen Vorstellungen bis zu Genderthemen. Komfort und Service sind ebenfalls wichtig, um die betuchte Klientel zu erreichen. Kritisch: Nicht immer bezahlen sie ihre Rechnungen – die Handhabe, gegen säumige Patienten jenseits europäischer Grenzen vorzugehen, ist eher gering. Bleibt noch, auf Bargeld zu bestehen.

Gut vermittelt

Sollten sich Ärzte oder Klinken trotzdem für diesen Geschäftsbereich entscheiden, müssen sie viel Vorarbeit leisten. Das beginnt schon bei der Akquise: Häufig greifen Kollegen auf sogenannte Patientenvermittler zurück, also Firmen oder Freiberufler mit ganz unterschiedlichen Leistungen. Schätzungsweise 1.000 Vermittler – vom Einmannbetrieb bis zur großen Agentur – versorgen Einrichtungen mit zahlungskräftigen Klienten. Das Spektrum reicht von reinen Vermittlungsdiensten bis hin zu Marketing, Übersetzungen, Abwicklung von Einreise- und Behandlungsformalitäten, Kostenmanagement und Fakturierung. Kliniken zahlen ihnen zwischen fünf und 20 Prozent der Rechnungssumme als Honorar, genaue Zahlen sind nicht bekannt. Vermittler wiederum führen in ihrer Rechnung meist diverse Handling-Tätigkeiten, ohne die eigentliche Gewinnung von Patienten zu erwähnen. Nicht ohne Grund: Am 28. Oktober 2011 hat das Landgericht Kiel entschieden, dass reine Vermittlungstätigkeiten sowohl aus wettbewerbsrechtlicher als auch aus berufsrechtlicher Sicht „sittenwidrig“ sind. Ein Arzt sollte im Auftrag seines Krankenhauses ausländische Patienten an Land ziehen und bekam dafür satte Prämien – in Höhe von 15 Prozent, bezogen auf alle Einnahmen der Klinik. Im Gesundheitsbereich sei diese Kommerzialisierung anstößig, hieß es weiter. Verteidiger argumentierten, angesichts knapper Budgets sei so manches Haus auf solvente Selbstzahler angewiesen. Für die Richter war das aber kein Argument. Weitaus größere Summen verdienen Vermittler ohnehin mit den Patienten selbst.

Globale Gaunereien

Das ist bei Weitem nicht der einzige Wermutstropfen: Auch in den Göttinger Organtransplantationsskandal waren Vermittler aus Nordrhein-Westfalen involviert. Bleiben noch medizinische Probleme. Eine ältere Studien in „The Lancet Infectious Diseases“ zeigt, dass sich durch weltweite Patientenströme multiresistente Bakterien global verbreiten. Geeignete Maßnahmen wie in den Niederlanden – dort werden Risikopatienten vor der stationären Aufnahme generell auf MRSA getestet – gibt es bei uns nicht. Bleibt noch das soziale Problem: Während Scheichs und Oligarchen in Deutschland Hilfe finden, ziehen heimische Patienten häufig gen Osten. In Polen oder Ungarn erhalten sie Zahnimplantate zu vermeintlich unschlagbaren Preisen. Das bittere Ende kommt spätestens dann, falls Revisionseingriffe erforderlich werden.

131 Wertungen (4.31 ø)

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9 Kommentare:

DP Volker Ramm
DP Volker Ramm

Ja liebe Politiker – vielen Dank für die Privatisierung und Kommerzialisierung des Gesundheitswesens…

#9 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Kreative Ökonmie, nicht ausgereifte Plattformen für die Touristikbranche, interkulturelles Verständniss, Beleidigungen gegenüber weiblichen Mitarbeiterinnen im Spitalwesen……. ich finde man muss erstmal seinen Landsleuten Zugang zu medizinischer Versorgung gewähren. Wenn ich mit Artikel und Kommentaren ein Resümee ziehen darf……..Wehe den Geistern die ich rief!

#8 |
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Dr. med. Bert Thomas Lichtenheldt
Dr. med. Bert Thomas Lichtenheldt

Das Ärztegelöbnis verkommt zur Farce, insbesondere weil es nur noch einzuhalten ist unter dem Verlust der eigenen Würde. Denn würdevoll wird in Deutschland kein Arzt, der Überzeugungstäter ist, behandelt. Die Politik macht da einen großen Fehler, sei es bewusst oder aus Unwissenheit. Das wird sich rächen, zum Teil tut es das wie wir sehen schon.

#7 |
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Dr. med. Holger Schleip
Dr. med. Holger Schleip

Holger Schleip, Augenarzt:
Krankenschwestern und Ärzte aus Osteuropa können wir gebrauchen, und die reichen Wellneß-Privatpatienten erst recht, aber der kranke Kruscht soll ohne medizinische Versorgung in seiner Heimat bleiben. Da überlegt man sich, was menschenverachtender ist: Mauer und Stacheldraht oder unser heutige Bereicherung an unseren ärmeren Nachbarn.

#6 |
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Aigerim Bettscheider
Aigerim Bettscheider

Ich betreibe seit 4 Jahren eine Vermittlungsagentur für Medizin Touristen aus GUS Ländern. Es gibt jedoch keine Verbände und Plattformen, wo sich transparente qualifizierte Agenturen präsent machen können. Trotz einer stets steigender Nachfrage herrscht auf diesem Markt nach wie vor ein Chaos. Die Kliniken sind uninteressiert an einem Kooperationsvertrag, nehmen allerdings gerne ausländische Selbstzahler auf. Bei Fachmessen und Kongressen, die jene Vermittler sich die Teilnahme daran meist selbst finanzieren, sind deutsche Kliniken schwach präsent. Ich finde, es sollten dennoch nicht nur Ärzte, sondern auch Vertreter von Wirtschafts- und Touristikbranchen (Hotels,Gastronomie,Einzelhandel) an diesem Aspekt Interesse zeigen.

#5 |
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Meine Erfahrung mit arabischen Patienten in Rehakliniken ist nicht angenehm. Wohlhabende arabische Patienten wurden in ganzen Suiten untergebracht, erhielten eine extreme Vorteilsbehandlung und behandelten Schwestern sehr von oben herab. Wortwörtlich benannten sie Schwestern als ” Schweine”. Weiblichen Ärzten begegneten sie oft mit Ablehnung, mit der Frage wann denn der richtige Herr Doktor kommt. Ich als Ärztin finde nicht, daß es ethisch ist Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Geldbeutels medizinisch besser zu behandeln als jeden anderen “normalen” Patienten. Gerade in Privat geführten Häusern vermisse ich eine gewisse Ethik gegenüber Patienten. Die Entwicklung kranke Menschen nur als Einnahmequelle zu sehen, sprich den Menschen in Geld aufzuwiegen halte ich für eine schreckliche Entwicklung.

#4 |
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@ Herrn Honold: Ich sehe da erstmal keinen Konflikt. In keinem der Punkte wird behauptet, dass der Arzt mit dieser Haltung und seinem Können kein Geld verdienen darf.

#3 |
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Matthias Honold
Matthias Honold

Erinnert sich einer der ÄrztInnen noch an das Genfer Ärztegelöbnis?

Nicht nur der Beitrag, sondern auch das Verhalten der ÄrztInnen in der Bundesrepublik Deutschland zeigt, dass dies nicht der Fall ist!

Das Gelöbnis geht so:

“Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand gelobe ich feierlich: mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen.
Ich werde meinen Lehrern die schuldige Achtung und Dankbarkeit erweisen.
Ich werde meinen Beruf mit Gewissenhaftigkeit und Würde ausüben.
Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein.
Ich werde alle mir anvertrauten Geheimnisse auch über den Tod des Patienten hinaus wahren.
Ich werde mit allen meinen Kräften die Ehre und die edle Überlieferung des ärztlichen Berufes aufrechterhalten.
Meine Kolleginnen und Kollegen sollen meine Schwestern und Brüder sein.
Ich werde mich in meinen ärztlichen Pflichten meinem Patienten gegenüber nicht beeinflussen lassen durch Alter, Krankheit oder Behinderung, Konfession, ethnische Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politische Zugehörigkeit, Rasse, sexuelle Orientierung oder soziale Stellung.
Ich werde jedem Menschenleben von seinem Beginn an Ehrfurcht entgegenbringen und selbst unter Bedrohung meine ärztliche Kunst nicht in Widerspruch zu den Geboten der Menschlich-keit anwenden.
Dies alles verspreche ich feierlich und frei auf meine Ehre.”

Sieht man sich den Artikel an und hört PatientInnen, so merkt man, dass das Gelöbnis inzwischen zur Farce wurde! Leider!

#2 |
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“EU-Bürger, die im Heimatland lange auf Diagnostik und Therapie warten müssten, suchen ebenfalls Hilfe in Deutschland.”

Ups, da habe ich unwillkürlich an DEUTSCHE Patienten denken müssen.

#1 |
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