Radikalkur für ein langes Leben

24. Mai 2006
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Was Mediziner und Molekularbiologen im Tierversuch seit Jahren beobachten, fand in einer weltweit einmaligen Studie unter Finanzierung der amerikanischen Gesundheitsbehörde NIH jetzt seine Bestätigung: Eine dauerhaft reduzierte Kalorienzufuhr führt auch beim Menschen zu einer längeren Lebenserwartung.

Schon die Vorbereitungen und das Design der so genannten CALERIE Studiesind beeindruckend. Von insgesamt 599 Probanden wurden 551 nacheingehender Erfassung ihres Gesundheitszustandes wieder ausgeschlossen- lediglich 48 nahezu normalgewichtige Männer und Frauen mit einem BMIzwischen 25 und unter 30, sowie ohne irgend welche Beschwerden durftenmitmachen. Im Vergleich zu vielen anderen Untersuchungen, bei denen derEinfluss verschiedener Diäten ausgemacht werden soll, verfolgte CALERIEein ganz anderes Ziel. Das am Pennington Biomedical Research Center derLuisiana State University in Baton Rouge (USA) und am australischenGarvan Institute for Medical Research in Darlinghurst arbeitende Teamwollte herausfinden, auf welche Weise eine nachhaltigeKalorienreduktion die wichtigen Alterungs-Biomarker beeinflusst – undob auf diese Weise der gesamte Stoffwechsel des Menschen nachhaltiganders läuft.

Genau dieser Frage nachzugehen, hat seinen guten Grund. Denneine hohe Energiezufuhr führt gleichzeitig zu der massiven Produktionvon reaktiven Sauerstoffradikalen (reactive oxygen species, ROS). Diesestehen seit jeher im Verdacht, durch ihre zellschädigende Wirkung dasrasche Altern auszulösen. Tatsächlich berichtete das New EnglandJournal of Medicine schon vor 11 Jahren vom deutlichen Absinken derROS-Werte bei adipösen Patienten, sobald diese ihr Gewicht reduzierten.Nur: ob dieser Effekt auch bei Normalgewichtigen, vitalen Menscheneinsetzen würde, blieb ungewiss.

Die Alterung auf den ROS-Gehalt allein zu reduzieren wäreohnehin unangebracht, schrieben die Autoren der jetzigen Studie imFachblatt JAMA. Denn eine Menge weiterer Faktoren bestimmten über denlangsamen Verfall unseres Körpers im Laufe der Zeit. Daher nahmen dieForscher der CALERIE-Studie weitere Parameter unter die Lupe, darunter:Blutzucker, Insulinresistenz und vor allem die SubstanzDehydroepiandrosteron (DHEAS). Letztere gilt als mitunter wichtigsterBiomarker für die Alterungsprozesse im Körper – wer über mehr DHEAS imBlut verfügt, als der Durchschnitt der Menschen, lebt länger, wieentsprechende Studien vor CALERIE belegt hatten.

Fünf Shakes, kaum Fett

Um den Stoffwechsel der Probanden zu verändern, erhielten diese eineDiät ganz besonderer Art: Keiner der Teilnehmer durfte mehr als 890kcal/Tag aufnehmen, der Fettgehalt der Mahlzeiten lag durchweg beiweniger als 30 Prozent. Kulinarisch betrachtet erweist sich der ersteSchritt auf dem Weg zum längeren Leben ohnehin als mühsame Tortur -lediglich fünf Shakes am Tag lieferten insgesamt 75 Gramm Eiweiß, fünfGramm Fett und 110 Gramm Kohlenhydrate.

Nach acht bis 10 Wochen schließlich hatten alle Teilnehmer rund 15Prozent ihres Ausgangsgewichts eingebüßt – und durften die kommendensechs Monate nur so viel essen, wie ihr Körper auch pro Tag an Energieverbrauchte. Hinzu kamen sportliche Aktivitäten und viel Bewegung.Folge dieser Ernährungsweise: die Menschen behielten ihr nunmehrnormales oder leichtes Untergewicht bei.

Die Sensation scheint perfekt

Denn die nachhaltige Kalorienreduktionlöst offensichtlich den erhofften Mechanismus aus – diemolekularbiologische Maschinerie des Alterns gerät ins Stocken. Sowohldie Messungen der Blut-, als auch der entnommenen Urinproben nämlichbelegten: Alle Probanden, die sich an die neue Ernährungsweise gehaltenhatten, verfügten am Ende der Studie über deutlich bessereBiomarker-Werte, als vor CALERIE.

Dass Veränderungen im Stoffwechsel die Lebensspanne beeinflussenkönnten, zeigten indes auch andere Forscher, wenn freilich nicht amMenschen und keinesfalls so explizit anhand der Kalorienaufnahmeuntersucht. So entdeckte das Team um David Sinclair von derUS-amerikanischen Harvard Medical School im Jahr 2003 eine spektakuläreEigenschaft des Moleküls Resveratrol – die Substanz war in der Lage,bestimmte Enzyme der Hefe zu aktivieren, die über einen kompliziertenSignalweg die Zellen länger leben lassen.

Ob solcher Erkenntnisse setzt auch die Pharmabranche auf dasgigantische Potenzial des Traumes nach dem langen Leben. ErsteResveratrol-Präparate erblickten bereits das Licht der Welt, schon ineinigen Jahren könnte eine wahre Welle der Präparate auf den Marktgelangen, wie das britische Wirtschaftsmagazin “The Economist” unlängstfeststellte.

Wein ist erlaubt

Doch möglicherweise reicht für ein längeres Leben die CALERIE-Diät allein.Die ließe sich nämlich, sozusagen als kleiner Anreiz für gefrusteteWenigesser, um eine angenehme Komponente erweitern: wer sein leichtes,lebensverlängerndes Untergewicht durch Joggen oder viel Bewegung haltenkann, darf im Rahmen der Spezialdiät nach der erfolgten Plagerei getrostdas eine oder andere Glas Wein konsumieren – das Getränk enthält hoheMengen des Lebenselixiers Resveratrol.

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