Ein MRT taucht ab

21. Juni 2006
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Wellness ist in, nicht nur im Urlaub. Wer Patienten das Kranksein so angenehm wie möglich machen möchte, dreht einfach das Licht auf. Im romantisch-stimmungsvollen Ambiente einer Unterwasserwelt wird aus der Diagnostik ein Multimediaerlebnis.

Die Stimmung im MRT-Raum am neuen Zentrum für Präventivmedizindes Marienkrankenhauses Hamburg wechselt per Knopfdruck. Noch vorSekunden waberten vor einer an eine Unterwasserwelt erinnernden,türkisen Hintergrundbeleuchtung bunt-fröhliche Fische die Wand entlang.Kurz darauf ist der Raum in ein eher melancholisch-beruhigendes Lilagetaucht. Der Patient, der eine Magnetresonanztomographie über sichergehen lassen muss, fühlt sich wie in der Wohlfühleinheit einesWellness-Hotels. Und das ist auch so gewollt.

Neues Therapiekonzept: Licht statt Valium

Was in Hamburg jetzt in Betrieb genommen wurde, ist ein System, mit dem der Hersteller Philipsdie Grenzen zwischen Medizin und Unterhaltungselektronik aufbricht. Dasfür Räume mit großdiagnostischen Geräten gedachte Beleuchtungskonzept,ist laut Hersteller “das erste Element in einer phantasievollenTechnologiewelt”, die den Kunden von MR- und CT-Geräten künftig inunterschiedlichen Konfigurationen angeboten werden soll. Ambient Experience ist der bezeichnende Name. Interessierte können es sich am Beispiel einer Kinderradiologie in den USA auch als Videoclipansehen. Die Diagnostik wandelt sich von der puren Notwendigkeit zumsinnlichen Erlebnis. Marketingvokabular dieser Art kann freilich nichtdarüber hinweg täuschen, dass Menschen auch künftig lieber auf denBesuch in der Röhre verzichten würden, wenn es nicht medizinischenotwendig wäre. Insofern stellt sich natürlich die Frage, ob dieErfinder dieses Konzepts nicht Besseres zu tun hatten. Doch zumindestfür die Ärzte in Hamburg ist die Beleuchtung kein reines Marketingtool:Sie habe auch eine medizinische Dimension, weil sie dazu beitrage,Ängste abzubauen und so die Diagnostik effizienter zu machen.”Besonders bei Menschen mit Raumangst konnten wir den sonsterforderlichen Einsatz von Beruhigungsmitteln deutlich vermindern”,sagt Professor Peter Ostendorf vom Hamburger Marienkrankenhaus. DasSystem kann mittels eines LED-Systems über 60.000 verschiedeneLichtfarben darstellen. Auch sein Kollege Professor Hans-Per Busch vom Brüderkrankenhaus Trierist zufrieden mit der Entscheidung, sein neues 64-Kanal-CT gleich vonvornherein mit Lichtfaktor eingekauft zu haben: “Die Wirkung istbeeindruckend. Das angenehme Licht nimmt vielen Patienten die Angst vorKernspin- und Computertomographien”, so Busch.

Lichtshow bald auch als eHealth-Anwendung?

Robert Pfarrwaller, der Leiter des Unternehmensbereichs Lighting derPhilips GmbH, weist darauf hin, dass sich die Investition inLichtmaschinen für den Röntgentrakt für ein Krankenhaus durchausrechnen kann, wenn gleichzeitig das übrige Beleuchtungskonzept desKrankenhauses auf die Probe gestellt wird: “Die allgemeine Beleuchtungeines Krankenhauses kann bis zu 30 Prozent der Betriebskostenausmachen”, so Pfarrwaller. Wer also gleich ein komplettesLichtmanagement-System erwirbt, das Philips unter dem Namen Lightmasternatürlich auch im Angebot hat, bekommt den kunterbunten Röntgentraktquasi gratis dazu. Das Unternehmen weist außerdem daraufhin, dass sichErmüdungsprozesse des Personals durch dynamische Lichtsystemeverlangsamen und die Mitarbeiterproduktivität sich demnach steigernlasse. Das wiederum wirft ein interessantes Schlaglicht auf denTarifstreit der Klinikärzte: Kliniken, die durch den mit dem MarburgerBund ausgehandelten Ärztetarifvertrag an die Grenzen ihrer finanziellenLeistungsfähigkeit gedrängt werden, könnten im Gegenzug dieProduktivität ihrer Ärzte per Lichtmaschine steigern, um auf diesem WegPersonalkosten einzusparen. Interessant ist schließlich auch die Frage,wie mit jenen Patienten umgegangen werden soll, die gerne erstmal alle60.000 Stimmungsvarianten durchprobieren möchten, bevor sie sich fürdie ihrer individuellen Befindlichkeit gemäße entscheiden können. Dennimmerhin wäre der MRT -Trakt künftig die wahrscheinlich einzigeEinrichtung des deutschen Gesundheitswesen, in der esWellness-Beleuchtung noch auf Kassenrezept gibt. Ein denkbarerLösungsansatz für dieses Problem ist eine Art Vorwahlfunktion, bei derder Patient sich im Internet schon mal eine Beleuchtung auswählt. Hierist bereits in Grundrissen ein neues Anwendungsgebiet für dieelektronische Gesundheitskarte erkennbar, das in der anstehendenRechtsverordnung zum Thema als neue Pflichtanwendung “eLichtschalter”Eingang in den Paragraphen 291a, SGB V, finden könnte. Ein wahrlichuniverselles Konzept also…

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