OP: Stille Naht, heilende Naht

11. Dezember 2013
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Unnötiger Lärm im Operationssaal erschwert konzentriertes Arbeiten. Forscher konnten nun in einer Studie zeigen, dass eine konsequente Geräuschsenkung während der OP sowohl das Stressempfinden der Chirurgen als auch die Komplikationsrate deutlich verringert.

Im Operationssaal geht es laut zu: Chirurgen, Anästhesisten, OP-Schwestern, Gastärzte und Medizinstudenten unterhalten sich, medizinische Geräte und die Klimaanlage geben Geräusche von sich, aus dem Radio kommt Musik, Pieper und Handys klingeln. Kinderchirurgen der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) haben nun in einer Studie untersucht, welche Auswirkungen Lärm auf die Arbeitsfähigkeit von Operateuren hat und wie der Lärmpegel gesenkt werden kann.

Wie die Wissenschaftler um Professor Benno Ure in der Fachzeitschrift Annals of Surgery berichten, konnte die Lautstärke im Operationssaal durch verschiedene Maßnahmen um die Hälfte verringert werden. „Die Chirurgen fühlten sich in dem ruhigeren Arbeitsumfeld wohler und konnten konzentrierter arbeiten“, berichtet Ure, Direktor der Klinik für Kinderchirurgie an der MHH. Um den Status quo im Operationssaal zu ermitteln, maßen Ure und seine Mitarbeiter den Lärm zuerst bei 40 chirurgischen Eingriffen an Kindern und Jugendlichen mit einer Dauer von 20 Minuten bis fünf Stunden, ohne dass das Operationsteam davon wusste. Die Geräusche wurden von Mikrofonen aufgenommen, die an vier verschiedenen Stellen im OP-Saal befestigt waren.

Fragenkatalog gab Auskunft über Stressempfinden

In der zweiten Phase wiederholten die Forscher die Messungen bei 58 weiteren Operationen. Diesmal erfassten Ures Mitarbeiter zusätzlich die Stressbelastung der Chirurgen, indem sie bei diesen vor und während der Operation mit Elektroden den Hautwiderstand aufzeichneten und regelmäßig Speichelproben abnahmen, um die Cortison-Konzentration zu messen. Außerdem mussten nach der OP alle daran beteiligten Personen einen Fragekatalog beantworten, mit dessen Hilfe die Forscher erfahren wollten, wie stark jeder einzelne den Lärm empfunden hatte. In der dritten Phase der Studie kam bei 56 Operationen ein umfangreiches Programm zur Geräuschsenkung zur Anwendung. Die Lärmpegel im OP-Saal sowie die biometrischen Daten der jeweiligen Chirurgen registrierten Ure und seine Mannschaft auf die gleiche Weise wie in der zweiten Phase.

„Der durchschnittliche Lärmpegel im OP betrug ohne zusätzliche Geräuschreduktion 63 Dezibel“, sagt Ure. „Das ist etwa so laut wie ein Motorrasenmäher in zehn Metern Entfernung.“ Ein weiteres Problem, so der Kinderchirurg, seien die besonders unangenehmen Lärmspitzen; wenn beispielsweise OP-Bestecke in eine Metallschüssel geworfen würden oder ein Hocker umfalle. Ure: „Dann geht der Lärmpegel kurzzeitig auf bis zu 100 Dezibel hoch.“ Die Geräuschempfindlichkeit sei bei jedem Menschen anders ausgeprägt, grundsätzlich steige mit dem Lärmpegel auch die Stressanfälligkeit. „Aber schon die Mitteilung, dass wir den Geräuschpegel messen, hat den Lärm etwas vermindert“, sagt Ure.

Keine Handys und Pieper im OP-Saal

Als die Forscher um Ure die Anzahl und Stärke der Geräusche systematisch verringerten, konnten sie dadurch den Lärmpegel um drei Dezibel auf 60 Dezibel und die Anzahl der Lärmspitzen um rund 60 Prozent senken. Diese Reduktion gelang ihnen einerseits durch technische Maßnahmen, andrerseits mittels Verhaltensregeln für das OP-Team: Große optische Geräusch-Warner in Form großer Ohren wurden in den Blickachsen des Operationssaales aufgehängt, das OP-Telefon auf das optische Signal umgestellt und die Lautstärke medizinischer Geräte reduziert. Mobiltelefone und Pieper waren im Operationssaal verboten und Gespräche durfte das Personal nur führen, wenn sie etwas mit dem aktuellen Fall zu tun hatten.

Obwohl die Chirurgen laut Fragenkatalog in der leiseren Umgebung eindeutig entspannter waren und konzentrierter arbeiten konnten, ergaben die biometrischen Messungen keinen signifikanten Unterschied zwischen der Kontrollgruppe und der Gruppe mit Geräuschreduktion. Die Forscher um Ure konnten lediglich einen statistischen Trend in Richtung weniger Cortison im Speichel feststellen, der bei lärmsensitiven Chirurgen etwas größer war. Überrascht hat den Kinderchirurgen, dass die Maßnahmen zur Lärmreduktion offenbar auch direkte Auswirkungen auf die Patienten hatten: „Die Komplikationsrate verringerte sich um die Hälfte. Es gab beispielsweise weniger Nachblutungen, Infektionen und Nahtinsuffizienzen“, sagt Ure.

Lärm stört viele Chirurgen

Von einigen Kollegen bekamen die MHH-Forscher bereits positive Rückmeldungen auf die Studienergebnisse. „Offenbar ärgern sich viele Chirurgen über den Lärm im OP, nur wird das leider zu selten ausgesprochen“, sagt Ure. „Man muss das ganze OP-Team davon überzeugen, dass weniger Lärm für alle von Vorteil ist, auch wenn eine Reglementierung, die die Kommunikation einschränkt, nicht immer angenehm ist.“ Ure und seine Kollegen suchen schon seit einiger Zeit nach Möglichkeiten, die Arbeitsbedingungen von Chirurgen und ihrem Team zu verbessern: „Chirurgenfreundliche Chirurgie ist die Chirurgie der Zukunft“, findet Ure. Sie bedeute zufriedenere Operateure und gleichzeitig mehr Sicherheit für die Patienten.

85 Wertungen (4.8 ø)
Chirurgie, Medizin

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8 Kommentare:

Matthias Honold
Matthias Honold

Wenn ich den Artikel lese, frage ich mich, sind wir auf dem Fußballplatz oder in einem Krankenhaus, wo Menschenleben gerettet werden sollen?

Offensichtlich haben manche KrankenhausmitarbeiterInnen noch nicht kapiert, dass sie nicht zu ihrem Vergnügen im OP-Saal stehen, sondern dafür bezahlt werden, dass sie Menschenleben retten!

Im Übrigen ist es rechtlich möglich, Menschen, die Handy oder andere nicht zum OP-Saal gehörende Instrumente haben bzw. benutzen, abzumahnen! Und bei der 2. Abmahnung würde ich sogar einen Prozess riskieren und diese Person auf Dauer von ihrem Arbeitsplatz entfernen!

#8 |
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Marie Herrmann
Marie Herrmann

Danke für diesen Artikel. Sollte von sämtlichen OP-Saal-Betretern gelesen und vor allem darüber gesprochen werden.

#7 |
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Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA)

‘Mobiltelefone und Pieper waren im Operationssaal verboten und Gespräche durfte das Personal nur führen, wenn sie etwas mit dem aktuellen Fall zu tun hatten’ … und da habe ich immer gedacht, dass so etwas der Normalfall ist… .
Zu viel fern gesehen.

#6 |
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Dr. med. Pit Paskuda
Dr. med. Pit Paskuda

Schöner Studiengedanke, aber was für eine Komplikationsrate müssen die haben, wenn bei einer Gesamtzahl von nur 56 Operationen die Komplikationsrate um die Hälfte absinkt??? Dürfte wohl eher ein nicht signifikantes Ergebnis (Zufallsergebnis) sein. Wäre aber sehr schön, wenn man das anhand einer größeren Studie/Zahl tatsächlich signifikant nachweisen könnte.
PP

#5 |
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Die Ergebnisse dieser Studie dürfte kaum überraschend sein .Wie sonst im Alltag sind Worte wie Disiplin und Rücksicht verloren gegangen ,- warum nicht auch im OP-Saal !

#4 |
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Das ist vie flisband Arbeit des Wiegen sind wir ausgebildet ,Auf die baeine zu stihen ist ein Problem aber kein lehrm!.

#3 |
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des is ja ganz was neues, dass es leise sein sollte, wenn man sich konzentrieren muss !!!!! :-)

#2 |
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Ulrike Kremer
Ulrike Kremer

Wow, ich bin tief beeindruckt von dieser bahnbrechenden Studie mit neuesten Erkenntnissen. Nicht zu vergessen die multimediale Dauerbeschallung, die in den meisten Kliniken heute üblich ist. Hat sich jemand in dieser decartschen Ära schon mit dem autonomen Nervensystem des Homo sapiens befasst? Sehr empfehlenswert in diesem Zusammenhang wäre Stephen W. Porges Ph.D., “Die Polyvagal-Theorie” und für die iatrogenen Folgeerscheinungen gleich noch Ogden, Minton, Pain “Trauma und Körper”

Ulrike Kremer

#1 |
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