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29. Juni 2006
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Selbst moderne Antidepressiva verbessern oft erst nach monatelanger Einnahme den Zustand des Patienten. Die nahe Zukunft offeriert eine andere Therapieoption: den implantierbaren Neurochip. Er bewirkt die Stimulation im Gehirn und hellt die Stimmung bereits nach wenigen Wochen auf. Den Chip zu implantieren dauert lediglich 45 Minuten; der recht harmlose Eingriff kann ambulant erfolgen.

Was wie Science-Fiction klingt, stellten Mediziner in den USA auf der Jahrestagung der American Psychiatric Society vor – nachdem erste Langzeit-Patiententests an der St. Louis University positiv verlaufen waren.

Die elektrische Stimulation des Nervus vagus (VNS) durch implantierte Stimulationsgeräte ist nicht neu. Bereits im Juli 1997 ließ die Food and Drug Administration das Verfahren für die Behandlung von Epilepsien zu. Rund 8.000 Patienten erhielten weltweit ein entsprechendes Implantat, mehr als 300 davon kamen aus dem deutschsprachigen Raum. Doch neben den erwünschten Effekten für die Epilepsiebehandlung beobachteten Mediziner einen weiteren, positiven Aspekt der Therapie: Die meisten Patienten berichteten davon, sich auch psychisch wohler zu fühlen.

Der Plan ist einfach

Das Prinzip ist einfach. VNS stimuliert das limbische System und wirkt dadurch auf Faktoren wie Stimmung, Motivation, Schlaf, Appetit, Aufmerksamkeit und Konzentration. Im Vergleich zu bisherigen Verfahren, die bei Parkinsonpatienten mit Hilfe tief im Gehirn eingebrachter Elektroden zu Stimulationen führen, hat die VNS einen enormen Vorteil: Sie stimuliert den linken zervikalen Vagusnerv mit Hilfe eines Generators von der Größe einer Uhr, des so genannten NeuroCybernetic Prosthesis-Systems (NCP), das direkt unter der Hautoberfläche im linken Brustbereich implantiert wird. Dort verbindet eine Elektrode das Gerät mit dem linken Vagusnerv im Hals des Patienten. Das Gerät sendet zuvor programmierte, in Intervallen abgegebene elektrische Stromstöße zum linken Vagusnerv aus. Der Arzt kann sowohl Stimulationsrate, Stimulationsdauer als auch Stimulationsstärke frei wählen.

In der ganzen EU anerkannt

Die Methode gilt als sicher, vor allem die bei vielen Antidepressiva auftretenden Nebenwirkungen wie die eingeschränkte Sexualfunktion, Schlaflosigkeit oder Gewichtszunahme treten nicht auf. Gleichwohl beobachteten Mediziner während der aktiven Stimulation Effekte wie die Änderung der Stimme, Kurzatmigkeit, Halsbeschwerden oder Hustenanfälle. Dass die bei Epilepsie-Patienten erstmals im Jahr 1988 eingesetzte Technik seit 1994 in allen Mitgliedsländern der Europäischen Union die Zulassung für die Behandlung der Epilepsie und im März 2001 für Depressionen in der EU erhielt, verwundert angesichts der Datenlage nicht. Bis 2001 wurden mit über 11.500 Patienten in 24 Ländern mehr als 14.000-Patientenjahre an Erfahrung mit VNS angesammelt.

Seit November 2005 hat die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA die Therapie erstmals bei Patienten zugelassen, die sich als therapieresistent gegenüber herkömmlichen Antidepressiva erweisen. Die Erfolge sind beachtlich. Rund 70 Prozent aller Patienten, die ein Jahr nach der Implantierung eine Besserung ihres Gemütszustandes erlebten, zeigten auch ein weiteres Jahr nach der Therapie keine Rückfälle, wie Charley Conway von der Saint Louis University in Missouri unlängst auf der Jahrestagung der American Psychiatric Association vortrug. Geradezu sensationell erscheint dabei die Tatsache, dass eine Besserung schon nach wenigen Wochen nach der Implantierung erfolgt, was einen enormen Zeitgewinn und nicht zuletzt eine damit verbundene Kostenersparnis zur Folge hat.

Die Zukunft ist ungewiss

Was genau die Elektrostimulation im Gehirn bewirkt, ist allerdings noch nicht ganz klar. Richard Selway vom britischen King's College Hospital in London geht davon aus, dass die elektrischen Reize locus caeruleus dazu bringen, den Neurotransmitter Norepinephrine verstärkt auszuschütten, einen Botenstoff, der bei Menschen in depressiven Phasen in zu geringen Konzentrationen hergestellt wird.

Aus der Sicht des nicht-medizinisch orientierten, britischen Wirtschaftsmagazins “The Economist” spielt die Kenntnis der genauen Abläufe für die Patienten ohnehin keine bedeutende Rolle. Viel wichtiger sei, schreibt das Fachblatt, der rein pragmatische Aspekt: die sichere und lang anhaltende Therapie biete schließlich Depressiven einen Grund zum Jubeln.

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