Chemotherapie aus einem Guss

29. Juni 2006
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Arzneimitteldokumentation? Risiko-Check? Alles schön und gut, aber wer die Arzneimittelversorgung wirklich sicherer machen will, braucht einen ganzheitlichen Ansatz. Kliniker und Apotheker der Universität Genf krempeln deswegen für ihre Chemotherapien gerade die komplette Prozesskette um - und versprechen sich viel davon.

Kaum mehr überschaubar sind die Konzepte, mit denen vielerorts dieArzneimittelversorgung innerhalb und außerhalb der Kliniken für diePatienten mit Hilfe von Computern sicherer und weniger fehleranfälliggemacht werden soll. Die Palette reicht von sehr speziellenSoftwareanwendungen, die den Arzt bei der Auswahl der Präparate leiten,über elektronische Verordnungshilfen bis hin zu eher diffusen Konzeptenwie der elektronischen Arzneimitteldokumentation. Eines der Problemeist, dass Fehler bei der medikamentösen Therapie an sehr vielenunterschiedlichen Stellen auftreten können, etwa beim Arzt, in derApotheke oder bei der Ausgabe der Präparate. Einzelne Eingriffe bringendeswegen oft nur punktuelle Verbesserungen. Wenn die einzelnenMaßnahmen nicht aufeinander abgestimmt sind, besteht außerdem dieGefahr, die Abläufe so zu verkomplizieren, dass sie mit dem Alltagnicht mehr kompatibel sind.

Schon bei der Verschreibung denkt Kollege Computer mit

Klinikapotheker, Informatiker und Onkologen der Universitätsklinik Genfhaben sich deswegen zusammengesetzt, um am Beispiel der, hinsichtlicheventueller Medikationsfehler besonders kritischen, Chemotherapie durchzu exerzieren, wie eine komplette Prozesskette mit Hilfe vonComputertechnik optimiert werden kann. Ziel ist ein für alleBeteiligten nutzbares System “aus einem Guss”. Von der Verschreibungüber die Produktion bis hin zur Ausgabe der Präparate sollen möglichstalle Fehlerquellen eliminiert werden. “Um dieses Ziel zu erreichen,müssen IT-Anwendungen in sämtliche Schritte der Prozessketteeingebettet werden. Es müssen alle Handelnden identifiziert und dieAbläufe tiefgreifend verändert werden”, so Professor Christian Lovisvon der Clinical Information Unit der Genfer Universitätsklinik. Zusammen mit Kollegen der Klinikapotheke und mit Universitätsonkologen berichtet Lovis über das Projekt in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts Swiss Medical Informatics.Das erste, mittlerweile beackerte Feld war die Verschreibung derChemotherapeutika durch die zuständigen Ärzte. Hier wurden diverseSoftware-Tools entwickelt, die die Doktoren bei der Auswahl undZusammenstellung der Chemotherapieprotokolle unterstützen. DieProgramme helfen den Ärzten unter anderem bei der Dosisfindung undwarnen, wenn sich Therapieregime überschneiden oder nicht vertragen. InVorbereitung sind Warnfunktionen bei einem Abfall der Nierenfunktionoder der weißen Blutkörperchen. Damit das alles funktioniert, musste ineinem allerersten Schritt eine zentrale Datenbank geschaffen werden, inder alle hausüblichen Substanzen, Materialien, Protokolle undHerstellungsprozeduren verzeichnet sind. Eine zweite Datenbankspeichert alle Patienten, die Chemotherapeutika erhalten haben. Siegibt Auskunft über Protokolltypen, Zyklen und das Outcome derBetroffenen und kann damit auch zur Auswertung der Behandlung und zumFollow up benutzt werden.

Vom Molekül bis zur Infusion ist jeder Schritt im Rechner

Die zweite Großbaustelle war die Krankenhausapotheke, die, wieüberall, viele der von den Ärzten angeforderten onkologischenTherapeutika selbst herstellt. Wie Lovis berichtet, wurde in einemjahrelangen Prozess zunächst einmal die kompletteZytostatika-Fabrikation in der Klinikapotheke zentralisiert.Darauf aufbauend wurden dann Computerprogramme entwickelt, die dielogistischen Prozesse bei der Herstellung von Medikamenten ausRohsubstanzen abbilden. Sie erlauben es, die wesentlichenBearbeitungsschritte nachzuverfolgen, bis das Endprodukt dieKlinikapotheke verlässt. Sämtliche Etiketten, Herstellungs- undVerfallsdaten sowie Lagerbestände sind online abrufbar. Dazu kommt diespezifisch für die onkologische Chemotherapie entwickelte Software Cato,die unter anderem die bei der Herstellung nötigen Volumen automatischberechnet.Noch in Arbeit ist im Moment die technische Umsetzung einer sicherenAusgabe und Applikation der Medikamente auf Station durch dieonkologischen Krankenschwestern. Hier wird ein Funkchip-Systemangepeilt, bei dem sowohl Schwestern und Patienten als auch dieeingesetzten Chemotherapiepräparate einen RFID-Tag erhalten. Er sollunmittelbar bei Beginn der Behandlung mit Hilfe eines in einenTaschencomputer integrierten RFID-Lesers ausgelesen werden. DerTaschencomputer hat außerdem drahtlosen WLAN-Kontakt zur elektronischenPatientenakte des Klinikums, um zusätzliche Dateneingaben zu vermeiden.

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