Wie werde ich zum Gesundheitsmanager?

5. Juli 2006
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Die rechtlichen Rahmenbedingungen für integrierte Versorgungskonzepte, Praxisnetze, Medizinische Versorgungszentren und weitere Formen hat der Gesetzgeber zwar längst gesetzt. Die Theorie in die Praxis umzusetzen fällt jedoch vielen Ärzten und anderen Angehörigen von Heilberufen schwer. DocCheck sprach mit Prof. Dr. Günther E. Braun von der health care akademie.

Business- oder Marketingpläne sind für viele Ärzte Böhmische Dörfer,Qualitätsmanagement- und Controllingmaßnahmen einzuführen und sichdabei zeitsparend zu organisieren, haben sie während ihrer Aus- undWeiterbildung nicht gelernt. Da kann Fortbildung weiterhelfen, habensich Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung und DeutscheApotheker- und Ärztebank gedacht. Gemeinsam gründeten sie im Jahre 2000die health care akademie in Düsseldorf, um Ärzte und weitere Beteiligteaus dem Gesundheitswesen im "Management neuer Versorgungs- undKooperationsformen" zu schulen. Darüber, wie die Akademie Interessiertein das "Gesundheitsmanagement" einführt, sprach Martina Merten fürDocCheck mit deren Wissenschaftlichem Leiter Prof. Dr. Günther E. Braun.

DocCheck: Herr Prof. Braun, was macht es unter anderem Ärzten so schwer, dieChancen neuer Versorgungsstrukturen, die die Regierung ihnen mit derletzten Gesundheitsreform eingeräumt hat, zu nutzen?
Braun: Es hängt sicherlich damit zusammen, dass in der ärztlichen Aus- undWeiterbildung für solche Fragen eines Versorgungsmanagements nicht dernotwendige Platz vorhanden sein kann. Ökonomisches Denken wird aberbenötigt, wenn man neue Versorgungsstrukturen umsetzen will. Geradedeshalb ist die health care akademie angetreten, um diejenigen Ärzte zuunterstützen, die sich in dieser Hinsicht schlau machen möchten.

DocCheck: Überfordert der Gesetzgeber die Mediziner mit Business- undMarketingplänen – also mit Dingen, die nicht zu deren originäremAufgabenbereich zählen?
Braun: Das finde ich nicht. Da betriebswirtschaftliches Denken imGesundheitswesen an Bedeutung gewinnt, ist es für den in dieserHinsicht besonders engagierten Arzt unerläßlich, sich mit denGrundzügen des Managements vertraut zu machen. Ein professionellesManagement kommt schließlich auch dem Patienten zu gute. Die Ärztemüssen nicht zu Betriebswirten werden, sie sollten aber lernen, aufgleicher Augenhöhe zu argumentieren – und dazu sollten sie sich in sogrundlegenden Sachverhalten wie Businessplänen auskennen.

DocCheck: Herr Prof. Braun, Ihre Akademie verfolgt das Ziel, Ärzte zu"Gesundheitsmanagern" fortzubilden. Das klingt wenig nach Medizin undviel nach Wirtschaft …
Braun: …bedeutet aber nichts anderes als bewährte Prinzipien einermanagementorientierten Denkweise auch in diesem Sektor zuberücksichtigen, ohne die vielfältigen Besonderheiten der Medizin zuignorieren. Diese Prinzipien reichen von Ziele setzen, überbetriebliche Pläne entwickeln bis zur effektiven Steuerung undPersonalentwicklung. Es ist auch wichtig, das sektorale Denken zuüberwinden und sich an der gesamten "Behandlungskette" des Patienten zuorientieren. Wir Betriebswirte verstehen das als Wertschöpfungskette.Bruchstellen in dieser Kette sollen zu Nahtstellen werden. DieLeistungsanbieter sollen zum Wohle des Patienten umfassendzusammenarbeiten.

DocCheck:Sollten wir also das ganze einfach ein wenig ökonomischer betrachten und den Patient als "Kunden" begreifen?
Braun: Uns bleibt gar nichts anderes übrig, als auch im Gesundheitswesenökonomisch zu denken, weil alle Ressourcen begrenzt sind, wir aberunendlich viele Bedürfnisse und Wünsche haben. Jede Leistung ist aufihren Nutzen für den Patienten zu untersuchen; die Kosten der Leistungsind zu kalkulieren und Kosten und Nutzen ins Verhältnis zu setzen. Ichweiß natürlich, dass sich dahinter eine Menge Arbeit versteckt, aber zueiner Kosten-Nutzen-Analyse gibt es keine Alternative. Ziel muss essein, gute Leistungen für Patienten anzubieten und gleichzeitigkostenwirtschaftlich zu sein. Gerade deshalb sind Sektorengrenzen zuüberwinden.

DocCheck: Das alles ist leichter gesagt als getan – der Informationsbedarfderjenigen, die eine Akademie wie die Ihre aufsuchen, ist entsprechendgroß. In welchen Bereichen fühlen sie sich überfordert?
Braun: Viele wissen zu wenig im betriebswirtschaftlichen Bereich,beispielsweise wie man mit Marketing Patienten anspricht, eineDienstleistungsvision entwickelt und kalkuliert oder einen Finanziergewinnt. Viele unserer Teilnehmer stehen bereits in neuenVersorgungsformen und sind daher besonders engagiert und wissbegierig.Andere wollen erst zukünftig aktiv werden und erhoffen sich, dass ihre"Managementlücke" geschlossen wird.

DocCheck:Haben Sie ein festes Konzept, nach dem Sie vorgehen, oder wird das Konzept den Bedürfnissen und Lücken der Teilnehmer angepasst?
Braun: Wir haben einen festen Ausbildungsplan, der sich aus verschiedenenModulen zusammensetzt. Die Module erstrecken sich auf acht Wochenendenüber etwa fünf Monate. Darin geht beispielsweise darum, den Teilnehmernallgemeine Konzepte und best practice Beispiele für neueVersorgungsstrukturen zu vermitteln. Sie lernen auch, was zu einemGründungsmanagement gehört und wie sie einen Gründungsplan – den"Business Plan" – erstellen. In anderen Modulen geht es um rechtlicheund organisatorische Aspekte, um das Marketing, Qualitätsmanagementoder das Controlling. Mit einem Dozenten üben sie in einem Modul, sichgegenüber anderen richtig auszudrücken und ihre Zeit vernünftig zuorganisieren.

DocCheck: Bleibt am Ende nicht alles zu theoretisch?
Braun: Nein, wir legen Wert darauf, dass sich Konzepte und Beispiele aus derPraxis die Waage halten. Unsere Dozenten kommen aus ganz verschiedenenEcken, zum Beispiel aus Gesundheitszentren, KassenärztlichenVereinigungen, Krankenhäusern, Krankenkassen oderBeratungsgesellschaften. Durch diese Mischung sind unsere Seminare sehran der Praxis orientiert.
Uns ist auch wichtig, dass sich die Teilnehmer selbst in den Kurseinbringen. Mit bloßen Frontalvorträgen der Dozenten kommt man nichtzum Ziel. Diskussionen finden immer statt. An einem komplettenWochenende erarbeiten die Teilnehmer einen Gründungsplan für eine neueVersorgungsstruktur anhand einer Fallstudie und stellen ihn der Gruppevor. Die Teilnehmer greifen auch Probleme auf, die sie in ihremBerufsfeld für wichtig halten, halten einen Kurz-Vortrag darüber oderschreiben eine passende Hausarbeit.

DocCheck: Ärzte sind bekanntlich zeitlich sehr eingespannt, vor allem diejenigen,die zu den Zielgruppen solcher Managementseminare zählen. Wo solljemand, der daran teilnehmen möchte, die Zeit hernehmen?
Braun: Wir wissen um das knappe Zeitbudget der Teilnehmer. Trotzdem stellenwir immer wieder fest, dass sie mit großem Engagement und Einsatz anden Wochenenden dabei sind. Außerdem stellen wir alle Vortragstexte undzusätzlich eine Menge an Fernstudientexten in unsere "virtuelle healthcare akademie" ein. Über das Internet können sich die Teilnehmer solcheTexte downloaden. Das macht sie zeitlich unabhängiger.

Im Übrigen konnten wir den ärztlichen Teilnehmern unseres letztenManagementkurses 115 Fortbildungspunkte anbieten. Auch für den 6. Kurssind bei der Nordrheinischen Akademie für ärztliche Fort- undWeiterbildung Punkte in derselben Höhe beantragt. Damit kann derTeilnehmer zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: er kann sichfortbilden, was ohnehin ansteht, und gleichzeitig in das Managementneuer Versorgungsformen einarbeiten.

DocCheck: Das Fortbildungsangebot im Gesundheitswesen boomt. Da gibt es auf dereinen Seite die Kammern, die ärztliche Fortbildungen anbieten,hinzukommen Angebote von Akademien wie Ihrer. Entsprechen dieseAngebote dem sich wandelnden Rollenverständnis der Ärzte?
Braun: Ich denke ja! Wir brauchen im Gesundheitswesen auch diejenigen Ärzte,die sich konzeptionell und praktisch mit neuen Versorgungs- undKooperationsformen im Gesundheitswesen beschäftigen. InManagementseminaren wie unseren bekommen Ärzte zahlreicheInformationen, um für sich persönlich zu entscheiden, wo sie besondereChancen und persönliche Stärken im Bereich der neuenVersorgungsstrukturen sehen. Wir begreifen solche neuenVersorgungsstrukturen als interessante "Inseln" in der bisherigenVersorgungslandschaft. Wer sich dafür interessiert, den wollen wiransprechen.

Prof. Dr. Günther E. Braun ist Wissenschaftlicher Leiter der healthcare akademie in Düsseldorf und Leiter des Instituts fürBetriebswirtschaftslehre des öffentlichen Bereichs undGesundheitswesens der Fakultät für Wirtschafts- undOrganisationswissenschaften der Universität der Bundeswehr München inNeubiberg.

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