Schlaganfall: Wolfram im Schafspelz

6. Dezember 2013
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Die Massenproduktion von technischen Geräten verarbeitet Jahr für Jahr mehr Metalle. Welche Auswirkungen die Stoffe auf die menschliche Gesundheit haben, ist nahezu unerforscht. Wissenschaftler untersuchten nun den Zusammenhang zwischen erhöhten Wolfram-Konzentrationen und Schlaganfall-Risiken.

Bekannt wurde Wolfram durch seinen Einsatz in der Glühwendel von Glühbirnen. Das in reiner Form weißglänzende Schwermetall besitzt einen hohen Schmelz- und Siedepunkt. Diese Eigenschaften machen Wolfram zu einem attraktiven Stoff zur Verarbeitung in zahlreichen elektrischen Geräten wie Computern und Handys. In den letzten Jahren stieg der Verbrauch des Metalls rasant an (von 40.000 Tonnen im Jahr 2002 auf 72.000 Tonnen im letzten Jahr), wodurch immer mehr Wolfram in die Umwelt und den Nahrungskreislauf des Menschen gelangt. Denn wenn der pH-Wert des Bodens fällt, erhöht sich die Löslichkeit von Wolfram, wodurch das Metall leicht aus Schrott und industrieller Verarbeitung in Gewässer gelangen kann.

Wolfram wirklich unbedenklich?

Bisher galt Wolfram für den Menschen als unbedenklich – zumindest in den geringen Konzentrationen, in denen der Stoff üblicherweise in der Natur vorkam. Die wenigen Studien, die es bisher zum Gefahrenpotential von Wolfram gibt, sind widersprüchlich. Als in zwei Orten in den USA mit einer erhöhten Wolfram-Konzentration im Trinkwasser vermehrt Leukämien aufgetreten waren, vermutete man zunächst eine karzinogene Wirkung des Metalls. In daraufhin durchgeführten Tierversuchen und an anderen Orten mit belastetem Trinkwasser blieb ein Zusammenhang jedoch aus. Andere Tier- und Zellkulturversuche deuteten jedoch auf einen Zusammenhang zwischen Wolfram und Krebs, Lungenentzündungen und Herzerkrankungen hin.

Statistische Auswertungen belegen Schlaganfallrisiko

Wissenschaftler der University of Exeter in Großbritannien stießen nun in einer statistischen Studie, die sie im Fachmagazin PLoS ONE veröffentlichten, auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Wolfram und dem Auftreten von Schlaganfällen. Basis der Untersuchung war eine US-amerikanische Gesundheitsstudie aus den Jahren 1999 bis 2010 (National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES)), in der gesundheitliche Daten von insgesamt 8.614 Personen im Alter von 18 bis 74 Jahren erfasst worden waren. Bei 193 Personen wurde im Beobachtungszeitraum von 12 Jahren ein Schlaganfall diagnostiziert, bei 428 eine kardiovaskuläre Erkrankung. Die Wissenschaftler aus Exeter untersuchten auch Gruppen von jüngeren Personen (18 bis 50 Jahre) auf einen Zusammenhang zwischen erhöhten Wolframkonzentrationen im Urin und dem Auftreten eines Schlaganfalls.

Doppeltes Risiko

Eine hohe Wolfram-Konzentration im Urin verdoppelte nach den statistischen Auswertungen der Wissenschaftler das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Deutlich trat der Zusammenhang in diesem Datensatz bei Frauen und Personen unter 50 Jahren zutage. Als pathologischen Hintergrund vermuten die Forscher oxidativen Stress. Der Zusammenhang zwischen Wolfram und einem Schlaganfall scheint sehr spezifisch zu sein, denn zwischen kardiovaskulären Erkrankungen im Allgemeinen und dem Metall scheint die Korrelation laut den Daten der Forscher nicht zu bestehen. Auch typische Risikofaktoren für einen Schlaganfall wie beispielsweise Übergewicht und hohe Cholesterin-Werte spielen statistisch gesehen beim Zusammenhang zwischen erhöhten Wolfram-Konzentrationen im Urin und dem Auftreten eines Schlaganfalls offenbar keine Rolle. Andere Metalle, die oft in Verbindung mit Wolfram auftreten wie Nickel und Kupfer, scheinen das Schlaganfallrisiko jedoch nicht zu beeinflussen, wie die Wissenschaftler in ihrer Studie schreiben. Warum manche Menschen mehr Wolfram aufnehmen als andere, ist bisher noch nicht geklärt. Als besonders betroffene Personengruppen identifizierten die Forscher anhand des US-amerikanischen Datensatzes vor allem Personen mit einem niedrigen BMI, geringem Einkommen und schlechtem Bildungsniveau.

Neue Bewertung des Gefahrenpotentials

Insgesamt solle das Gefahrenpotential von Wolfram neu bewertet werden, fordern die Wissenschaftler, denn die Verarbeitung von Wolfram in Gebrauchsgegenständen nehme seit Jahren dramatisch zu. In Zukunft solle außerdem geklärt werden, warum manche Menschen mehr Wolfram aufnehmen und messbar über den Urin ausscheiden als andere. Auch der mögliche Zusammenhang zwischen Wolfram-Belastungen und dem Schlaganfall-Risiko müsse in weiteren Studien geklärt werden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) belegt der Schlaganfall nach Herzerkrankungen den zweiten Platz auf der Liste der häufigsten Todesursachen in der sogenannten westlichen Welt. Er ist außerdem die Hauptursache für Behinderungen bei Erwachsenen, die oft mit dem Verlust von motorischen Fähigkeiten, Inkontinenz, Depressionen und Gedächtnisverlust einhergehen.

Nur die Spitze des Eisbergs?

In der Mitteilung der Universität Exeter betonen die Wissenschaftler, dass mit dem Aufkommen vieler technisch verarbeiteter Chemikalien und deren bisher unklaren Auswirkungen auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit generell Vorsicht geboten sei. Der vermutete Zusammenhang von hohen Wolfram-Konzentrationen und Schlafanfall-Risiko sei womöglich nur die Spitze eines Eisberges, mahnen die Forscher. Nicholas Osborne, einer der Studienautoren, äußerte sich dazu: „Da viele neue Substanzen in die Umwelt gelangen, reichern wir in unserem Körper eine Art chemischen Cocktail an. Im Moment haben wir aber noch sehr begrenzte Informationen darüber, was diese Stoffe einzeln oder in Kombination mit anderen Stoffen mit unserer Gesundheit anstellen.“ Wenn sich die Vermutungen der Forscher bestätigen, sei ein Umdenken bezüglich der Verarbeitung und Entsorgung zahlreicher Chemikalien unumgänglich.

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Forschung, Pharmazie

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1 Kommentar:

Apotheker

Wir befinden uns in Bezug auf die vielen neuen NT (New Technology) Materialien in einer großen “Phase IV”-Studie. Neue Anwendungen bringen neue Materialien, erinnert sei an die Diskussion um die so genannten Nano-Materialien oder die immer stärker unter Beschuss geratenen Phthalate (Weichmacher), welche früher als harmlos angesehen wurden (und z.B. in der magensaftresistenten Umhüllung der früheren GeloMyrtol-Formulierung enthalten waren > Dibutylphthalat). Heute spricht man den Phthalaten hormonähnliche Wirkungen zu. Noch ein eindrückliches historisches Beispiel ist das früher Röntgenkontrastmittel Thorotrast, welches radioaktiv ist und entsprechende Spätschäden bei den behandelten Patienten verursachte.
Fazit:
Wer neue/neuartige Materialien anwenden/in Umlauf bringen will, sollte zumindest grundsätzliche Untersuchungen zur akuten Toxizität, zur Langzeittoxizität und zum Verhalten der Substanz in den Ökosystemen beibringen müssen.

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