Hinter verschlossenen Türen

12. Juli 2006
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Über Sex im Alter spricht man nicht. Auch nicht mit dem Arzt. Schließlich gelten Potenzprobleme bei älteren Männern als "normale altersbedingte Fehlfunktion", so der KV-Jargon. Und für eine "reife" Frau ist es oft peinlich, mit dem Gynäkologen über ihre nachlassende Libido zu sprechen. Für Ärzte ist Silver-Sex kein Thema, in der GÖA kommt es nicht vor und im Studium fehlt die entsprechende Ausbildung.

Okinawa, eine südjapanische Insel, zieht jährlich Tausende vonTouristen und Wissenschaftler an. Das Interesse gilt denInselbewohnern, denn nirgendwo in der Welt leben so vieleHundertjährige. Einer von ihnen ist Yoshihama1. Er ist 101,geistig und körperlich fit und erzählt: “Ich mag Witze und Sex mitmeiner 68-jährigen Frau, die für mich herrlich jung ist.” Lebensfreudepur – aber was ist, wenn Gene und Hormone nicht mehr mitspielen?

Ärzte verkennen Alterssex-Probleme

Seitdem PDE-5 Hemmer auf dem Markt sind, kommt Bewegung in dieDiskussion um den Alterssex. Heute gilt es bereits als schick, sich alsSenior in Talkshows zu outen und Tipps und Tricks für die nicht mehr sofitten Glieder auszutauschen. Trotzdem bleibt die Tatsache erstaunlich,dass erst im 21. Jahrhundert eine Silber-Generation – in den 60ern vonOswald Kolle aufgeklärt und durch die Antibaby-Pille liberalisiert -als sexaktiv wahrgenommen wird. Auch der Ärzteschaft dürfte dasVerlangen nach Kuscheln & Sex im Alter nicht verborgen gebliebensein. Die Kölner Studieaus dem Jahr 1998 deckt beispielsweise auf, dass für 98 Prozent der 50-bis 60-jährigen Männer Geschlechtsverkehr sehr wichtig ist. Bei den 70-bis 80-jährigen behaupten das immerhin noch 70 Prozent. Das eigentlicheProblem ist, dass jeder zweite ab dem 40. Lebensjahr über geringfügigebis gravierende Potenzprobleme klagt. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommtdie multinationale Pfizer Studie.Dabei fällt auf, dass Deutsche zwischen 40 und 80 weniger über sexuelleStörungen als der internationale Durchschnitt klagen. Uwe Hartmann,Professor an der Medizinischen Hochschule Hannover, vermutet, dass diesin der Mentalität der Deutschen liegt. Sie neigen eher dazu, erektileoder vaginale Dysfunktionen herunter zu spielen, so der Urologe. Undauch das ergab die Studie: Lediglich elf Prozent wurden in den letztendrei Jahren vom Arzt nach ihrer Sexualität befragt. Ein unhaltbarerZustand, so findet Uwe Hartmann, da aus anderen Erhebungen bekannt ist,dass Libidoverlust auch ein Symptom für KHK, Hypertonie oder Diabetessein kann.

“Die Libido geht nicht in Rente!”

Kräftigen Rückenwind bekommt der Oldie-Sex in jüngster Zeit auch auseiner anderen Richtung. Anti-Aging-Medizin ist das Zauberwort. Die Zahlder darauf spezialisierten Institute und Praxen wächst zunehmend. ImFokus der Behandlung stehen Hormone, Ernährung und körperliche Fitness.Der wohl bekannteste Experte in Deutschland ist Dr. Michael Klentze,Gründer und Leiter des Klentze Instituts für Anti-Aging-Medizin inMünchen. Seine These bezüglich Sex im Alter: wo ein Wille, gibt's aucheinen Weg für Senioren. Wenn die Libido durch Zellalterung, Absinkendes Hormonspiegels oder Vitamin- und Mineralstoffmangel leidet, heißtdas noch nicht das Ende für die körperliche Lust, so Klentze. NeueErkenntnisse der Östrogen- und Testosteron-Behandlung könnten sowohlbei Mann als auch Frau zu mehr Lebensqualität und sexuellen Höhepunktenführen – gesunde Lebensweise vorausgesetzt. Allerdings muss auch daraufhingewiesen werden, dass noch keine Langzeitstudien vorliegen, dieverlässlich etwas über die Risiken, wie Prostata- oder Brustkrebs,aussagen könnten. Allein schon aus diesem Grund, so Dr. Dr. JohanDenil, Androloge und Urologe in Köln, ist eine genaue Diagnostik, eineindividuell angepasste Therapie sowie eine regelmäßige Überwachung vongrößter Wichtigkeit.

Aging Male Management als Klassenmedizin

Wo lässt sich heute der in die Jahre gekommene Mann mit erektilerDysfunktion (ED) behandeln? Denil, der zu den wenigen Ärzten zählt, diesich bereits seit Jahren auf die Behandlung von ED spezialisiert haben,berichtet: “Nach epidemiologischen Studien suchen in Deutschland nur 20Prozent einen Arzt auf, d.h. von den hochgerechnet fünf Millionen wirdnur eine Million behandelt. Schätzungsweise geht davon 1/3 zum Hausarztund der Rest zum Urologen. Die Andrologie ist noch zu unbekannt.” DerHausarzt kann in erster Linie PDE-5 Hemmer als Potenzmittelverschreiben und einen präventiven Lebensstil aufzeichnen. Wenn dasnicht hilft – laut Denil gibt es immer noch bis zu 40 ProzentTherapieversager – ist eine Androgentherapie mit Unterstützung einesUrologen die bessere Alternative. Für viele Hilfesuchende ist dieBehandlung – ob nun mit Potenzpillen oder Hormonen – allerdings aucheine Kostenfrage. ED ist zwar inzwischen als Krankheit nach SGB Vanerkannt, aber die GKV zahlt nur die Diagnose und nicht die Therapie.Ausnahmen macht die Gesetzliche lediglich bei einem Testosteronspiegel,der absolut unter dem Referenzwert des Labors liegt – und auch das nurmit spitzem Stift. Besser haben es die privat Versicherten, das gleichetrifft auf die Hormontherapie bei Frauen zu.

PADAM oder LOH – Wechseljahre als Krankheit?

Auch bei Männern gibt es inzwischen die Diagnose der Wechseljahre.Häufig wird diese Phase, in der der Testosteron-Spiegel unter denniedrig-normalen Laborwert sinkt, auch als PADAM-Syndrom (PartiellesAndrogen-Defizit des Alternden Mannes), Andropause oder Klimakteriumvirile bezeichnet. Allerdings weist Denil darauf hin, dass der Begriffder Wechseljahre oder Andropause irreführend sei: “Im Unterschied zurMenopause handelt es sich beim Mann um einen schleichenden Prozess.”Heute spreche man daher eher von “Altershypogonadismus”,in Fachkreisen als “late onset hypogonadism” (LOH) bezeichnet und alsKrankheitsbild anerkannt. Zur Diagnose von LOH wurden 2004 Empfehlungenseitens der International Society of Andrology (ISA), der International Society for the Study of the Aging Male (ISSAM) und der European Association of Urology (EAU)ausgesprochen. Aus neueren Studien, so Denil, gibt es Ansätze, dassMänner mit normal-niedrigem Androgenspiegel und ED von eineranfänglichen “Doppel-Therapie” (PDE-Hemmer + Testosteron) profitierenkönnten. Allerdings fehlen auch hier noch Erkenntnisse über Risiken ausLangzeitstudien.

Menopause als Sexkiller

Die wohl einschneidenste Veränderung im Körper der Frau bringt dieMenopause. Nicht nur, dass das Absinken des Östrogenspiegels ihr übelmitspielt, hinzu kommen vielfach Stresssymptome, Depressionen oderpsychosoziale Beschwerden. Laut Studien leiden rund zwei Drittel allerFrauen an mäßigen bis starken Wechseljahrssymptomen, nur ein Drittelfühlt sich körperlich nicht beeinträchtigt. Das Klimakterium istgenetisch vorprogrammiert, so Professor Dr. K. H. Broer, Leiter desZentrums für Frauenheilkunde in der Media-Klinik, Köln. Bei starkerBeeinträchtigung der Sekundärmerkmale der Östrogene – die sich u.a. aufWohlbefinden und Proliferationsgrad in der Scheide auswirken – kann dasVerlangen nach Sex auf Null sinken. Die wenigsten seiner Patientinnen,die sich im Klimakterium befinden, so Broer, sprechen mit ihm überdiesen Problemkomplex.

Wundermittel mit Placeboeffekt

Gibt es Alternativen zur Hormonersatztherapie für die fitte aberkritische Seniorin? “Es gibt östrogenähnliche Präparate, z. B. aufSoja-Basis. Sie sind aber nachweislich nicht in der Lage, den Mangel anHormonen zu beheben, können aber einen positiven Placeboeffekt haben.”Wachstumshormone seien keine wirkliche Alternative, die dem Sex Flügelverleiht. Hinzu kommt, dass die gentechnologisch hergestellten Hormonesehr teuer sind und bei einer Frau über 60 wenig bewirken. Über dasvielfach als Jungbrunnen hochgepriesene Hormon DHEA gibt es bisherkeine wissenschaftlichen Studien, die belegen könnten, dass ein Mangelausgeglichen werden kann. Aber auch hier könne der Placeboeffekt Wunderbewirken. Zu einem gesteigerten Wohlbefinden der Libido könne mitgroßer Wahrscheinlichkeit eine Behandlung mit Testosteron führen. Dasmännliche Sexualhormon sensibilisiert die Klitoris – aber Vorsicht: DieNachteile sind erheblich, weil Bartwuchs, Behaarung und eine tiefeStimme unangenehme Folgen sein können.

Simpel aber mitunter lästig: Noxen vermeiden

Wie lange eine Frau orgasmusfähig bleibt, so Broer, hängt vom Frauentypund dem Alter ab. Ab einem bestimmten Alter nimmt die Fähigkeit zumHöhepunkt ab. Schuld kann eine angeschlagenen Psyche sein – oder einemangelnde Durchblutung der Genitalien. Dieses Manko lässt sich, wennüberhaupt, ebenfalls nur hormonell oder mit pflanzlichen Präparatenlindern. Ansonsten sei der Einfluss der Noxen, wie falscheErnährungsweise, Zigaretten- und Alkohol-Konsum, Übergewicht, mangelndekörperliche Bewegung, nicht zu unterschätzen, warnt Broer. UnserInsel-Senior, Yoshihama, hat übrigens in seiner zweiten und letzten Ehedas Rauchen und Trinken komplett eingestellt, lässt sich einmal imMonat vom Arzt untersuchen und isst viel Soja und Gemüse.

1 Wirtschaftswoche 16/2006

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