FSD – stilles Frauenleiden oder erfundene Krankheit?

12. Juli 2006
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Um kaum ein Thema in der Medizin tobt so sehr ein Kampf wie um die weibliche sexuelle Funktionsstörung - die "female sexual dysfunction". Zweifler lassen nichts unversucht, um zu beweisen, dass es sich um eine erfundene Krankheit handelt. Demgegenüber steht eine Schar von Medizinern, die die Beziehung Frau und Sexualität zu ergründen suchen.

Dabei werden teilweise diejenigen, um die es eigentlich geht,übersehen: nämlich die Frauen. Und sie bestätigen, dass auch siesexuelle Bedürfnisse haben und Lust auf Sex bis ins hohe Alter.

Die Sexualforschung der letzten Jahre hat sich stark auf die Männer konzentriert, denn bei diesen scheint die Sache mit dem Sex eindeutiger: Wenn der Penis nicht entsprechend reagiert, dann findet kein Geschlechtsverkehr statt. Bei Frauen ist die Lage wesentlich komplexer, weshalb die Wissenschaftler immer wieder scheitern, wenn sie den Blick nur auf die weiblichen Genitale werfen. Bereits für Sigmund Freud waren Frauen ein "dunkler Kontinent". Erst Frauen haben nun Licht in das Dunkel gebracht: Als Vorreiterin kann Dr. Rosemary Basson vom Vancouver Hospital and Health Sciences Center in British Columbia gelten, denn sie trommelte die Kollegen zusammen und heraus kam eine Beschreibung der weiblichen sexuellen Aktivität, die mit vielen Mythen aufräumte. 2004 wurde der Artikel im "Journal of Sexual Medicine" veröffentlicht, der mit wissenschaftlicher Herangehensweise zeigte, dass Frauen anders ticken als Männer. Basson und ihre Kollegen betonten, dass Sex bei Frauen aus einem komplexes Netzwerk besteht, in welchem nicht nur Erregung und Bluteinfluss in die Genitalien wie bei den Männern, sondern auch Stimmungen, Scham, Stress, Ablenkungen und andere nicht-sexuelle Faktoren eine Rolle spielen.

Geht es nur um den Lancierung neuer Medikamente?

Schwer tun sich dann allerdings alle darin, genau FSD zu definieren. Das mag unter anderem daran liegen, dass sich unter dem Oberbegriff eigentlich vier verschiedene Störungen verstecken. Bei diesen schon lang bekannten sexuellen Problemen der Frauen handelt es sich um geringe Lust, Orgasmusschwierigkeiten, Schmerzen beim Sex und Probleme, überhaupt erregt zu werden. Angesichts der Schwierigkeiten einer präzisen Definition erregen sich die Gegner und verbreiten die Meinung FSD sei eine erfundene Krankheit. 2005 wurde sogar im renommierten British Medical Journal unter dem Titel "The marketing of a disease: female sexual dysfunction" von Ray Moynihan die Meinung veröffentlicht, die Pharmaindustrie wolle den Frauen einreden, dass sie eine neue Krankheit hätten. Dieser Meinung schloss sich die New Yorker Psychotherapeutin Leonore Tauber an und installierte gleich eine ganze Website gegen FSD. "Nur Geld ist der Antrieb für die neue Krankheit", propagierte die selbst ernannte Kämpferin gegen FSD.

Nahezu jede zweite Frau leidet unter Lustlosigkeit

Allerdings müssen selbst die Gegner zugeben, dass nicht nur Männer sexuelle Probleme haben. Einig sind sich auch alle darin, dass die Betroffenen ihre Lustlosigkeit selbst als störend empfinden. Wie viele Frauen nun von sexuellen Funktionsstörungen betroffen sind, versuchen epidemiologische Studien zu klären. Betroffen sind 43 Prozent der amerikanischen Frauen, rechneten Dr. Edward Laumann und Kollegen von der University of Chicago in einer Studie von 1999 vor. Dr. Kathleen Connell von der Yale School of Medicine deckte auf, dass nahezu 48% aller Frauen unter sexuellen Funktionsstörungen leiden. In Deutschland kommt der 2003 durchgeführte Cologne 20.000 Community Survey sogar auf 60%, das heißt mehr als jede zweite Frau ist sexuell lustlos aus verschiedenen Gründen.

Nach der Regel ist Schluss mit Sex?

Besonders stark leiden nach Untersuchungen der australischen Ärztin Lorraine Dennerstein postmenopausale Frauen unter sexuellen Funktionsstörungen. Ursache dafür ist anscheinend das Hormon Testosteron, welches für den sexuellen Antrieb auch bei Frauen mit verantwortlich ist. Versagt die Produktion dieses Hormons oder wird herunterreguliert, wie dies in den Wechseljahren passiert, dann geht oft die weibliche Lust den Weg des Testosterons. Ganz besonders ist dies laut Dennerstein bei Frauen ausgeprägt, deren Menopause künstlich durch die operative Entfernung der Eierstöcke herbeigeführt wurde. Diesen Frauen könnte unter Umständen eine Behandlung mit hormonhaltigen Medikamenten helfen.

Wollen ältere Frauen überhaupt Lust haben?

Wenn eine Frau eine unterdurchschnittliche Libido hat, dann will sie wahrscheinlich gar keine Behandlung. Und ältere Frauen seien auch soundso nicht an Sex interessiert, heißt es öfters. Das stimmt so, ganz eindeutig nicht. Wahrscheinlicher ist, dass Scham die Frauen bisher eher davon abgehalten hat, sich so lautstark wie das männliche Geschlecht zu diesem Thema zu äußern. Ein Artikel im Hamburger Abendblatt "Zärtlichkeit, Liebe und Sex kennen kein Alter . . " rief jedenfalls Reaktionen ohne Ende von Frauen hervor. Der gemeinsame Tenor der Leserzuschriften lautete: Eros und Sexus gehören bei älteren Frauen ebenso dazu, um in einer Beziehung richtig glücklich zu sein. Und das schrieben zum Teil 80-jährige. Die meisten Frauen zeigten sich außerordentlich zufrieden darüber, dass dieses Thema endlich einmal so offen angesprochen wurde.

Krankheit oder nicht – die Frauen verdienen Aufmerksamkeit

Letztendlich bleibt es egal, ob FSD nun eine anerkannte Krankheit ist oder nicht. Tatsache ist, dass Frauen jeglichen Alters, die unter ihrer Lustlosigkeit leiden, auch eine Behandlung bekommen sollten. Dabei muss es nicht immer gleich die chemische Keule sein, wie die Sexualtherapeutin Ulrike Brandenburg feststellt. Partner- und Gesprächstherapien können nach ihren Worten ebenfalls viel erreichen. Und wenn es nun eine Pille gibt für mehr Lust bei Frauen, welche Gründe – außer medizinischen Risiken – sprechen eigentlich dagegen sie zu nehmen? Männer haben PDE-5 Hemmer und Frauen leiden schweigend, diese Zeiten sollten eigentlich vorbei sein.

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