Schlau gelaufen

20. Juli 2006
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Joggen entspannt und macht manchmal sogar glücklich. Doch macht Laufen auch schlau? Anhaltspunkte dafür gibt es, fand eine 2005 durchgeführte Pilotstudie am Uniklinikum Ulm heraus. Dieses Jahr untersucht die Akademie gemeinsam mit Sport- und Neurowissenschaftlern in einer Folgestudie, welche kognitiven Prozesse sich im Gehirn von Läufern abspielen - und bringt damit 100 Probanden ganz schön ins Schwitzen.

Jogging im kleinen Kreis: die Pilotstudie

Am Anfang habe lediglich die Gewissheit gestanden: "Sport tut gut", soder Molekularbiologe Ralf Reinhardt, der als Dozent an der Akademie fürMedizinische Berufe am Ulmer Universitätsklinikumarbeitet. Aus dem Tierreich und von Untersuchungen an alten Menschenhabe es Anhaltspunkte gegeben, die den positiven Effekt von Bewegungbelegen. "Wie sich Ausdauertraining allerdings auf die Konzentrations-und auf die Merkfähigkeit junger, gesunder Menschen auswirkt, wusstenwir nicht", erzählt Reinhardt. Der Wissenschaftler wandte sich an Prof.Manfred Spitzer vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen(ZNL), das auch am Ulmer Uniklinikum angesiedelt ist, und schlug eineStudie zum Thema vor. Spitzer stimmte zu. Der Vorteil an derKooperation: Das ZNL brachte durch seine Untersuchungen auf dem Gebietder Kognitionswissenschaften mit Schwerpunkt Lernforschung ein breitesGrundlagenwissen mit, Reinhardt konnte durch seine Tätigkeit an derAkademie 30 Schüler im Alter von 17 bis 19 dazu motivieren, an einerPilotstudie mitzumachen.

Jeweils nach Unterrichtsschluss lief die Hälfte der Probanden sechsWochen lang los, die anderen 15 nahmen ausschließlich an denbegleitenden psychologischen und leistungsphysiologischen Tests teil.Dazu zählten ergometrische Tests am Anfang und am Ende der Studie,Reinhardt untersuchte das Blutbild, um Rückschlüsse auf eine eventuellverbesserte Sauerstoffversorgung des Gehirns zu ziehen, und das ZNLprüfte, wie die Schüler unter Zeitdruck arbeiten und wie viel sie sichmerken können. "Wir fanden zwar heraus, dass unsere Läufer wenigerFehler machten", resümiert Reinhardt. Was im Gehirn passiert und obnach mehreren Wochen eine Sättigung der Konzentrations- undMerkfähigkeit eintritt, fand das Forscherteam anhand der Untersuchungenjedoch nicht heraus. Eine zweite Studie schien notwendig – eine, an dernoch mehr Probanden teilnehmen und die umfangreicher sein sollte alsdie erste.

17-wöchiges Training: die Folgestudie

Beides ist gelungen. An der zurzeit laufenden Folgestudie sind 150Probanden – allesamt Schüler der Akademie – beteiligt, 100 von ihnennehmen am 17-wöchigen Lauftraining teil, die anderen ausschließlich anden Untersuchungen. Diese führen dieses Mal nicht nur StudienleiterReinhardt und das ZNL durch. Es sitzt zudem das Institut für Sport undSportwissenschaften der Universität Karlsruhe (IFSS) um Prof. Klaus Bös mit im Boot. Das IFSS übernimmt denmotorischen Teil der Studie – es beurteilt die Ausdauerfähigkeit durchLaktatmessungen und bestimmt den Trainingsplan – dieklinisch-chemischen und die psychologischen Tests führen wie bei derPilotstudie das ZNL und Studienleiter Reinhardt durch. Zusätzlich zumersten Mal versucht das ZNL in der Folgestudie, durch Untersuchungender DNA Rückschlüsse auf den Neurotransmitter-Stoffwechselder Probanden zu erhalten. Von diesem Stoffwechsel hängt unter anderemab, wie effizient ein Gehirn arbeitet. Zudem werden in der Folgestudiezusätzliche psychologische Tests angewendet, die noch genauere Aussagenzum Arbeitsgedächtnis der Probanden ermöglichen. "Diese Kombination vonSport- und Neurowissenschaften kommt in der Wissenschaft sehr seltenvor", betont Bös im Gespräch mit DocCheck. Und sie könnte, so hofftzumindest Sanna Stroth, Diplom-Psychologin am ZNL und dort für dieStudie zuständig, "von Vorteil" für weitere Erkenntnisse sein.

Nicht nur sportlicher werden: die Erwartungen

Ob das interdisziplinär zusammengesetzte Team zu einem kleinenMeilenstein in der Wissenschaft beitragen kann, stellt sich erst ineinigen Monaten heraus. Der praktische Teil der Studie endet imSeptember, es folgen Abschlusstests mit den Schülern und dieAuswertung. "Erwartungen im Sinne von Wunschergebnissen haben wir zwarnicht", sagt Sanna Stroth. Die Hypothesen des Transferzentrums seienjedoch ganz klar: nicht nur das Wohlbefinden der Probanden verbesseresich, sondern auch deren geistige Leistungsfähigkeit. Langfristigdenkbar wäre Stroth zufolge daher auch, dem Schul- oder auch Unisporteine gewichtigere Rolle einzuräumen und ihn in seiner jetzigen Form zuüberdenken. Bettina Gößele würde das sicherlich befürworten. Dennselbst wenn die Probandin sich bislang nicht wesentlich schlauer fühlt- "fitter fühle ich mich bereits jetzt".

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