Unkraut aus Chinas Gärten

20. Juli 2006
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Sind chinesische Heilpflanzen ein Gesundheitsrisiko? Die organisierte Apothekerschaft jedenfalls möchte die Kräuter gerne hinter den Apothekentresen verbannen und die Inhaltsstoffe schärfer kontrollieren. Denn: Es ist nicht alles Kraut, was so aussieht.

“Chinesische Heilkräuter sind ein Renner”, das bestätigen derzeitviele, die alternative Heilverfahren anbieten. Wie andere Verfahren dertraditionellen chinesischen Medizin können die Kräuter problemlos vonHeilpraktikern oder auch ganz ohne Anleitung eingesetzt werden.Teilweise wird die Behandlung sogar von privaten Krankenversicherungenerstattet. Das Spektrum ist breit: Mehrere tausend Pflanzen sind imEinsatz, von Ginseng über chinesischen Salbei bis zum chinesischenEngelwurz.

TCM als Spielwiese von unseriösen Alchimisten?

Doch das Chinakraut ist in die Kritik gekommen. Schon seit Jahren werden Qualitätsbedenken geäußert. Jetzt hat die Arzneimittelkommission der Apothekerschaft erneut vor den Mittelchen gewarnt. Sie bezieht sich dabei auf Untersuchungsergebnisse des Zentrallaboratoriums deutscher Apotheker.”Unsere Untersuchungen zeigen, dass diese Heilpflanzen erheblicheRisiken bergen können”, unterstreicht Laborleiter Professor ManfredSchubert-Zsilavecz. Denn nicht immer ist bei getrockneten chinesischenHeilkräutern nur das drin, was drauf steht. “Wir haben unter anderemAflatoxine und Schwermetalle entdeckt”, sagte der verantwortlicheWissenschaftler Dr. Michael Ihrig im Gespräch mit dem DocCheckNewsletter. Von der Schulmedizin frustrierte Patienten konsumierendiese Substanzen ungewollt mit, und erweisen ihrer Gesundheit damitunter Umständen einen Bärendienst. Schlimmer noch: Vereinzelt wurdenSpuren von gezielt beigemengten, synthetischen Wirkstoffen entdeckt.Dies geschah offensichtlich in der Absicht, einem für einen bestimmtenZweck angepriesenen Drogenmix eine stärker spürbare Wirksamkeit zuverleihen. Am deutlichsten wurde das am Beispiel einesSchlankheitsmittels aus Chinakräutern, das im Internet angeboten wurde.Tatsächlich enthielt es verschreibungspflichtige Appetitzügler. “OhneDeklaration ist das für einen Patienten sehr riskant, denn weder ernoch sein Arzt oder der Apotheker können in diesem Fall Gegenanzeigeneinschätzen oder auf Nebenwirkungen angemessen reagieren”, sagtSchubert-Zsilavecz.

Die Probleme könnten noch zunehmen

Natürlich sind die geschilderten Fälle die berühmten schwarzenSchafe, die seriöse Anbieter in Misskredit bringen. Zwischen schwarzund weiß zu unterscheiden ist allerdings für Konsumenten oft schwierig,denn gepantschte Kräuter sehen immer noch aus wie jedes andereTrockenkraut auch. “Anhand der Droge kann der Kunde das nicht selbstnachprüfen”, betont auch Ihrig. Er empfiehlt deswegen, TCM-Drogen inspezialisierten Apotheken zu kaufen, wo die Kräuter zumindestPrüfzertifikate haben. Die bieten, weil sie stichprobenbasiert sind,freilich auch keinen einhundertprozentigen Schutz. Auch Initiativen wiedie Berliner Medoabemühen sich um zertifizierte Qualität auf dem Markt für TCM-Kräuter.Der Arzneimittelkommission der deutschen Apotheker gehen Zertifikatenicht weit genug. Sie fordert ein rigideres Vorgehen: “Arzneimittel dertraditionellen chinesischen Medizin sollten der Apothekenpflichtunterstellt werden”, sagt der Kommissionsvorsitzende Professor ThomasBeck. Diese Forderung steht nicht nur im Zusammenhang mit denKontaminationen. Es geht auch um die Wirksubstanzen, die in einigen derKräuter enthalten sind, zum Beispiel Alkaloide. Sie rechtfertigen nach Auffassung der Apothekerschaft eine Einordnung der Drogen als Arzneimittel, und nicht als Lebensmittel.

Chinakenner haben wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass dieProbleme mit Kontaminationen in der Volksrepublik China in den nächstenJahren eher zunehmen könnten, obwohl die chinesische Regierung bereitsvor fünf Jahren Vorschriften erlassen hat, in denen unter anderemGrenzwerte für Pestizide und Schwermetalle festgelegt werden. DerGrund: Die Anbaufläche für Heilkräuter wird knapper, weil China seineTextilproduktion ausweiten möchte. Schlimmstenfalls müsste dann aufweniger Fläche mehr Kraut angebaut werden, was die Verführung zumEinsatz giftiger “Ertragssteigerer” erhöhen dürfte. SchärfereQualitätsmaßnahmen, die zwischenzeitlich eingeführt wurden, trafen undtreffen auf den Widerstand chinesischer Bauern, die sie für zuaufwändig und nicht finanzierbar halten. Denn eins ist klar: Die sehrschadstoffsensiblen Europäer konsumieren aller TCM-Euphorie zum Trotznur einen winzigen Bruchteil aller weltweit verkauften TCM-Kräuter.

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