Mehr Tele, mehr Lyse

27. Juli 2006
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Wer den Experten im Rücken hat, fühlt sich sicher: Nach mehreren Jahren Erfahrung mit der Teleneurologie in zwölf bayerischen Kliniken belegt eine neue Auswertung, dass sich die Lysequote per Datenleitung steigern lässt. Von Traumwerten ist man allerdings noch ein ganzes Stück entfernt.

Der Chef der Heidelberger Universitätsneurologie, Professor WernerHacke, gibt ehrgeizige Ziele vor: 15 Prozent aller Patienten mitischämischem Schlaganfall könnten prinzipiell eine Lysetherapieerhalten, so Hacke. “Bei denen, die innerhalb der ersten drei Stundenkommen, sind es sogar fünfzig Prozent”. Lysetherapien dienen dazu,Blutgerinnsel im Gehirn aufzulösen. Durch solche Gerinnsel verursachteGefäßverschlüsse sind die Ursache eines Großteils aller Schlaganfälle.

In der Regel ist die Lyse die Ausnahme

Von einer in Schwerpunktzentren wie Heidelberg erreichten Lysequote von15 Prozent sind die allermeisten Krankenhäuser in DeutschlandLichtjahre entfernt. Kliniken, die heute fünf Prozent ihrer Patientenmit ischämischem Schlaganfall eine Lysetherapie angedeihen lassen,gelten schon als vorbildlich. In den allermeisten Häusern wird kaum einProzent erreicht. Die Regel ist, dass die Lyse die Ausnahme ist. DieGründe dafür sind vielfältig. Viele Rettungsstellen sind nicht mitNeurologen besetzt. Und selbst wenn: Auch viele Neurologen haben oftnicht genug Erfahrung mit Schlaganfällen, um sich die Entscheidung füreine Lysetherapie zuzutrauen. Angst vor Komplikationen schwingt immermit. Dabei werden Experten nicht müde, zu betonen, dass die Rate anHirnblutungen bei Lysetherapien gering ist, wenn die Kontraindikationenbeachtet werden. Weil Fortbildung alleine nicht half, hat sich derNeurologe Professor Heinrich Audebert von der Klinik für Neurologie amKlinikum München-Harlaching vor einigen Jahren dazu entschieden, einVideokonferenzsystem anzuschaffen. Nicht für sich, sondern fürinsgesamt zwölf kleine bis mittelgroße Kliniken in den ländlichenRegionen Bayerns. Das TEMPiS-Projekt war geboren. Diese kleinenHäuser, häufig Kreiskrankenhäuser oder Städtische Kliniken, müssen inder Regel ohne eigene Neurologie auskommen. Sie stellen aber eine rundum die Uhr besetzte Notaufnahme zur Verfügung, in die immer auchSchlaganfallpatienten eingeliefert werden. Das Videokonferenzsystem hataus diesen Situationen nun multimediale Ereignisse gemacht. Kommt einPatient mit Schlaganfall in eine der TEMPiS-Kliniken dann wird derzuständige Experte in München oder Regensburg angefunkt. Nach Sichtungder Computertomographien und nach einer Tele-Untersuchung vor derKamera fällt die Entscheidung für oder gegen eine Lysetherapie danngemeinsam, wobei der Arzt vor Ort natürlich das letzte Wort behält. Inder neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift Strokehaben Audebert und seine Kollegen jetzt eine Auswertung vorgelegt, die Aussagen darüber erlaubt, obdas TEMPiS-Konzept medizinisch aufgeht.

Etwas mehr wäre schon noch drin

Analysiert wurden die Versorgungsdaten von über 6000 Patienten, die imJahr 2004 in einem der TEMPiS-Häuser oder in den beidenSchlaganfallzentren in München und Regensburg wegen eines Schlaganfallsoder einer transitorischen, ischämischen Attacke (TIA) behandeltwurden. Von 4727 Schlaganfallpatienten in den regionalen Häusernerhielten 115 oder 2,4 Prozent eine Lysetherapie. In denSchlaganfallzentren lag die Quote bei 110 von 1889 Patienten, einAnteil von 5,8 Prozent. Hochgerechnet auf die Gesamtzahl derischämischen Schlaganfälle dürften sich diese Quoten jeweils noch etwaum ein Viertel erhöhen, auch wenn diese Zahlen in der Veröffentlichungnicht extra genannt werden. Es zeigt sich aber in jedem Fall, dass dieLysequote in den zwölf per Telemedizin unterstützten Häusern trotzExpertenrat per Bildschirm und der Möglichkeit zur CT-Ferndiagnose nachwie vor deutlich unter der liegt, die in spezialisierten Zentrenerreicht wird. Für den Initiator ist TEMPiS dennoch ein großer Erfolg:”Im Jahr vor dem Projektstart haben nur zehn Patienten in denregionalen Häusern eine Lysetherapie erhalten”, so Audebert in seinerAnalyse der Ergebnisse. Mit anderen Worten: Durch die Einführung derTelekonsultationen wurde die Zahl der Lysetherapien mehr alsverzehnfacht. Die Rate an Hirnblutungen blieb dabei mit 7,8 Prozent imRahmen dessen, was international als vertretbar angesehen wird. In denspezialisierten Zentren lag sie bei 2,7 Prozent, “ungewöhnlichniedrig”, wie die Autoren betonen.

Der Beratungsbedarf wird weiter wachsen

In Zukunft könnte die telemedizinische Schlaganfallberatung anDifferenziertheit übrigens noch einmal deutlich zulegen. DennNeurologen erproben derzeit landauf, landab neue Strategien derAkuttherapie. So startet demnächst eine Studie, bei der die kombiniertePlättchenhemmung mit ASS und Clopidogrel in der Akutphase desSchlaganfalls untersucht wird. Andere Studien erprobenGPIIb/IIIa-Antagonisten. Und auch das klassische Lysefenster von dreiStunden wird zunehmend aufgeweicht, seit es mittels MRT oder modernerCT-Technik möglich ist, geschädigtes von noch rettbarem MRT-Gewebe zuunterscheiden. Viele neue Beratungsfelder für das Berufsfeld desTeleschlaganfallexperten also…

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