Herpes als Erbkrankheit

27. Juli 2006
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Von wegen Virusinfekt! "Die Herpes-Infektion des Gehirns ist eigentlich eine monogenetisch vererbte Erkrankung", behaupten französische Wissenschaftler. DocCheck hat nachgeforscht, wie sie darauf kommen und nebenbei erfahren, was das Ganze mit rheumatischen Autoimmunerkrankungen zu tun haben könnte.

Früher war alles besser. Da waren Infektionen noch Infektionen undKrebserkrankungen noch Krebserkrankungen. Um Erbkrankheiten kümmertensich Genetiker. Und für alles Genetische, was der Genetiker nichterklären konnte, gab es das schöne Wort “polygenetisch”. Mittlerweileist die Medizin etwas unübersichtlicher geworden. Spezialisten miteinst klar abgrenzbaren Fachgebieten wildern in den Jagdrevieren derKollegen. Pharmaunternehmen entwickeln Impfungen und bekämpfen damitplötzlich Krebs. Und jetzt kommt auch noch der französische KinderarztJean-Laurent Casanova an und behauptet, eineder häufigsten Infektionskrankheiten der Welt sei eigentlich eineErbkrankheit. Und überhaupt, an das populäre Gequatsche von denpolygenetischen Ursachen rheumatischer Autoimmunerkrankungen glaube erschon ganz und gar nicht.

Ein Kolibri-Gen öffnet Herpesviren den Weg ins Gehirn

Doch der Reihe nach. Casanova ist ein bekannter Genforscher undKinderarzt am französischen Forschungszentrum INSERM. Er hat sich vieleJahre lang mit einer eigentlich nahe liegenden Frage beschäftigt: Warumbekommt nur ein winzig kleiner Anteil jener Millionen und AbermillionenMenschen, die mit dem lästigen Herpes simplex-Virus infiziert sind,eine lebensbedrohlich Herpesenzephalitis? “Die plausibelste Antwortwar, dass es ein Gen gibt”, so Casanova, der die Ergebnisse seinerForschung auf dem Europäischen Rheumatologenkongress inAmsterdam zur Diskussion stellte. Also machte er sich auf die Suche.Nur: Wo sollte er anfangen? Beobachtungen bei Patienten mit angeborenenImmundefekten führten ihn und seine Kollegen auf die Spur derInterferone. Bei zwei Kindern mit Herpes-Enzephalitis konnten dieWissenschaftler schließlich ein auffälliges Interferonmusternachweisen: Trotz normaler Leukozytenzahl war die Produktion derInterferonvarianten alfa, beta und lamba, nicht aber gamma, gestört.Dieses Muster fand sich später auch bei einem Großteil der anderenuntersuchten Patienten mit Herpesenzephalitis.

Diverse Experimente führten die Forscher tiefer und tiefer in dieZelle, bis sie schließlich bei den intrazellulären Toll-Like Rezeptorenankamen, über die eine ganze Reihe von immunologischen Prozessengesteuert wird. Vier dieser Rezeptoren funktionieren bei den Patienten,die eine Herpes-Enzephalitis entwickeln, regelmäßig nicht. Durchweitere Experimente mit einer Knock out-Maus stießen dieWissenschaftler schließlich auf die Genvariante UNC93B1, die autosomalrezessiv vererbt wird. “Über dieses Gen war bisher praktisch nichtsbekannt”, unterstrich Casanova. Das Genprodukt ist bis heute einRätsel. Doch konnte Casanova zeigen, dass das Gen in homozygoter Formdazu führt, dass die genannten Toll-Like-Rezeptoren aussteigen, waswiederum die Fähigkeit von Fibroblasten beeinträchtigt, mit deneingedrungen Herpesviren klar zu kommen. Die vermehren sich wie wild,bringen die Zelle zum Absterben und breiten sich dadurch wesentlichrasanter aus als das bei jenen 49.999 von 50.000 Menschen der Fall ist,die bei einer Herpesinfektion keine Herpesenzephalitis bekommen.

Herpesenzephalitis als Modell für Autoimmunerkrankungen?

“Wir zweifeln nach diesen Untersuchungen nicht mehr daran, dass dieHerpesenzephalitis eine streng monogenetisch vererbte Erkrankung ist”,so Casanova in Amsterdam. Aber warum ist das bisher niemandem sonstaufgefallen? Casanova ist der Auffassung, dass einfach noch niemandgenau genug danach gesucht hat. Auch dass die Erkrankung häufig infrühen Jahren auftritt, mag eine Erklärung sein. Vor der Ära dermodernen antiviralen Therapien führte die Herpesenzephalitis meist zumTod oder zu schwersten Behinderungen, was der Ausbildung von typischen”Stammbäumen” entgegen steht.
Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse warb Casanova in Amsterdaminständig dafür, das Thema der monogenetischen Erkrankungen noch nichtals wissenschaftlich abgegessen zu betrachten. Dass er als Pädiaterseine genetisch-infektiologischen Forschungen ausgerechnet ein paartausend Rheumatologen vorstellte, hatte seinen Grund. Es sei plausibel,dass viele der im Moment als Autoimmunerkrankungen klassifizierten,rheumatischen Erkrankungen in Wahrheit eine monogenetische Grundlagehaben, so Casanova. Ein einzelnes Gen und irgendein auslösenderTriggerfaktor: Wenn sich diese Konstellation für die eine oder andereAutoimmunerkrankung nachweisen ließe, könnte irgendwann in der Zukunfteventuell einmal ein früher Gentest Risikopatienten aussieben. Diekönnten dann zum Beispiel durch spezifische Impfungen ganz gezieltgeschützt werden könnten.

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