Migration und Gesundheit: Was hast du?

10. September 2012
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Heranwachsende mit Migrationshintergrund haben es hierzulande schwer: Sprachbarrieren und kulturelle Hürden behindern oft nicht nur ihre Integration sondern auch den Zugang zum Gesundheitssystem.

Drei von zehn Sprösslingen in Deutschland kommen aus einem Elternhaus mit Migrationshintergrund. Erste Hinweise auf deren teils schlechte gesundheitliche Situation lieferte ein Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) mit 18.000 Heranwachsenden zwischen 0 und 17 Jahren.

Gesundheitserziehung

Insgesamt hatten 2.590 der Teilnehmer zwei Elternteile mit Wurzeln im Ausland. Befragungen und Untersuchungen fanden zwischen Mai 2003 und Mai 2006 statt, eine neue Datenerhebung (Juni 2009 bis Juni 2012) wird gerade ausgewertet. Die Quintessenz: Lernen nicht schon Kinder, auf ihre Gesundheit zu achten, werden sie häufiger zu kranken Jugendlichen und Erwachsenen. Das zeigte auch ein Anfang 2012 veröffentlichter „Integrationsindikatorenbericht“ der Bundesregierung. Prävention zahlt sich für diese Zielgruppe also besonders aus.

Das dicke Problem

Eines der offensichtlichsten Resultate aus KiGGS: Kinder und Jugendliche mit beidseitigem Migrationshintergrund haben signifikant häufiger Übergewicht (19,5 versus 14,1 Prozent) und Adipositas (8,8 versus 5,9 Prozent) als der Nachwuchs deutscher Eltern. „Diese Kinder essen weitaus weniger Obst und Gemüse, konsumieren aber mehr Fast Food beziehungsweise süße Getränke“, sagt Agnes Streber, Gründerin und Leiterin des Ernährungsinstituts KinderLeicht, im Gespräch mit DocCheck. Sie sitzen öfter vor dem Fernseher beziehungsweise Computer und bewegen sich seltener – deutsche Schüler verbringen ihre Freizeit vergleichsweise häufiger in Sportvereinen.

Erschwerend kommt mit hinzu, dass Kinder mit Übergewicht ein anderes Bewegungsbedürfnis haben als schlanke Altersgenossen: „Viel der Betroffenen verlassen Sportvereine wieder, weil hier der Leistungsgedanke im Fokus steht“, so Streber. Wer nicht mithalten kann, steht schnell außerhalb dieser Gemeinschaft. „Wir setzen stattdessen sehr niedrigschwellig an: Kinder können mit ihren Eltern ohne Anmeldung vorbeikommen und beispielsweise an der Sportgruppe teilnehmen.“ Mit Angeboten allein ist es aber nicht getan, auch die Finanzierung will organisiert werden. Kurse zum Abnehmen im Bausteinsystem übernehmen zu 80 Prozent gesetzliche Krankenkassen, bei der offenen Sportgruppe ist mittelfristig eine Unterstützung durch Kommunen erforderlich.

Dennoch bleiben grundsätzliche Fragen offen: Wie weit sind die Angebote ein Bildungsauftrag, und wie weit ein Gesundheitsauftrag? Damit werden sich früher oder später Politiker der Bundesregierung zu beschäftigen haben. So oder so wäre jeder Euro gut angelegt, da aus übergewichtigen Kindern schnell Jugendliche und junge Erwachsene werden, bei denen schwerwiegende und kostspielige Folgeerkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftreten.

Kraftlos zugebissen

Auch beim Thema Zahngesundheit schnitten Migrantenkinder der KiGGS-Studie schlechter ab als ihre Altersgenossen. Vor allem hatten Heranwachsende aus der Türkei, aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion sowie aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis deutlich häufiger Karies. Sie putzten ihre Zähne seltener als empfohlen und nahmen Leistungen zur zahnärztlichen Prophylaxe weniger in Anspruch. Zu ähnlichen Ergebnissen kam die Barmer GEK mit ihrem „Zahnreport 2012“: Je höher der Anteil von Personen mit Migrationshintergrund auf regionaler Ebene war, desto seltener wurden zahnärztliche Vorsorgeangebote genutzt. In Kreisen mit weniger als 12,4 Prozent Nicht-Deutschstämmigen gingen 75,2 Prozent in die Praxis. Zum Vergleich: Bei Gemeinden mit über 26,0 Prozent Migranten lag die Quote lediglich bei 67,1 Prozent. Die Zahlen gelten für alle Altersgruppen.

Gut geimpft

Bei der Umsetzung von Impfempfehlungen fand die KiGGS-Studie keine signifikanten Unterschiede. Einschulungsuntersuchungen aus Berlin lieferten hier neue Ergebnisse: Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund haben häufiger die erforderlichen Immunisierungen als ihre deutschen Mitschüler, etwa bei Hepatitis B (90,7 versus 86,1 Prozent), Pneumokokken (47,8 versus 42,7 Prozent) oder Meningokokken C (89,8 versus 82,3 Prozent, jeweils nichtdeutsche versus deutsche Herkunft). Weniger deutlich waren die Unterschiede bei Tetanus, Diphtherie und Poliomyelitis. Dahinter steckt die weit verbreitete Sorge vieler deutscher Eltern, Impfungen könnten ihrem Nachwuchs womöglich schaden. Sie entschließen sich vor allem, Immunisierungen gegen seltene Erkrankungen zu streichen – ein gefährlicher Trugschluss. In der Pubertät werden jedoch noch ganz andere Themen wichtig.

Frühreif oder Spätzünder?

Seit Jahren untersuchen Forscher der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, wie es um die Sexualität von Heranwachsenden steht. Im Vergleich zu deutschen Altersgenossen sind Jungen aus Migrantenfamilien früher beziehungsweise häufiger sexuell aktiv, so eine Erkenntnis. Bei Mädchen zeigen die Zahlen eine gegenläufige Entwicklung: Vor allem junge Musliminnen haben ihr „erstes Mal“ deutlich später als deutsche Mädchen, sind aber häufiger von sexueller Gewalt betroffen. Nach wie vor klären meist die Lehrer auf, wobei Verhütung und HIV-Risiken nur ein Teil der Wahrheit sind. Bis zu 20 Prozent der Jugendlichen wussten – je nach Schulform – nichts über dies Bedrohung durch Hepatitis B beim Geschlechtsverkehr, und bis zu 35 Prozent hatten noch nie etwas über den Impfschutz gehört.

Guter Rat: nicht immer teuer

Die Problemfelder sind damit recht klar umrissen, doch was tun? „Bildungsferne Schichten mit Migrationshintergrund lassen sich mit Gesundheitsmaßnahmen kaum erreichen“, weiß Agnes Streber aus ihrer beruflichen Erfahrung. Sie rät zu einer engen Vernetzung mit Schulen, Kinderärzten oder Sozialarbeitern auf regionaler Ebene: Angebote müssen in die Lebenswelt der Kinder kommen. Um kulturelle Hürden und verbale Barrieren zu überwinden, hilft Jugendlichen, aber auch deren Eltern, in ihrer Muttersprache beraten zu werden. Kliniken, Praxen sowie Apotheken in großen Städten haben diesen Service längst ausgebaut, und Kollegen mit türkischen, russischen oder arabischen Kenntnissen stehen bereit.

Ein ähnlicher Ansatz speziell für die webaffine Generation kommt aus Berlin: Das „Distributed Artificial Intelligence Laboratory“ entwickelte elektronische Guides, um Menschen mit Migrationshintergrund leichteren Zugang zum Gesundheitssystem zu ermöglichen: Ihnen hilft ein Online-Gesundheitsassistent bei der Suche nach Informationen rund um Krankheiten, Therapien oder Tipps zur Prävention in der eigenen Muttersprache.

Novitas BKK und Lilly Deutschland verfolgen mit der Aufklärungsinitiative „Diabetes gemeinsam verstehen“ ähnliche Ziele: Türkischstämmige Patienten können sich auch ohne hinreichende Deutschkenntnisse schlau machen, um ihre Krankheit besser in Griff bekommen. Diese Pilotprojekte ermutigen, bundesweit entsprechende Angebote auf die Beine zu stellen.

51 Wertungen (4.41 ø)
Medizin

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8 Kommentare:

Karl Bischop
Karl Bischop

Hab den Artikel zugegebenermaßen nur überflogen, aber was das Verständigungsproblem angeht, haben wir im Rettungsdienst ein solches am wenigsten mit den Heranwachsenden. Im Gegenteil, diese helfen oft beim Übersetzen, wenn Mama, Papa, Oma oder Opa krank sind. Die haben nämlich tatsächlich ein Sprachproblem.

#8 |
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Ärztegemeinschaft  Amedis
Ärztegemeinschaft Amedis

@ Malus ich kann Ihnen nur zustimmen. Die Politik meint es gut, hat aber keinen Kontakt zur Realität. Ärzte wie Lehrer haben diesen direkten Kontakt. Es ist nur sehr schwer in Deutschland ungeschminkt zu sprechen. Argumente zählen dann nicht. Man wird persönlich angegriffen. Das ist nicht angenehm und bringt nichts vorwärts.

#7 |
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Ärztegemeinschaft  Amedis
Ärztegemeinschaft Amedis

Deutschland hat sich entschieden die Rolle des Weltsozialamtes zu übernehmen. Entsprechend kommen hier viele arme bildungslose Menschen an, die diese Probleme haben. Lesen Sie mal bei Zille über das Berlin des frühen 20. Jhds nach. Da kam eine ähnliche Welle Stadtmigranten mit ähnlichen Problemen. Menschen mit einem eher bürgerlichen Hintergrund haben diese Probleme nicht. Ich kenn etliche Kollegen z.B. aus dem Iran oder Einwanderer aus Vietnam, die sozial sehr gut integriert sind. Sie kommen aus gebildeten Elternhäusern. Der Unterschied zu gebildeten Deutschen ist gering. Wir lügen uns kollektiv zu viel in die Tasche. Wir haben ein tolles Land und haben daher wie Kanada oder Australien auch das Recht uns die Einwanderer auszusuchen. Das tun wir aber nicht mit bekannten Folgen.

#6 |
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Tierarzt

Eine ungünstige Ernährungsweise hat wohl weniger mit Geld als mit Faulheit zu tun. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich bei McDonalds preiswerter essen kann, als beim Kauf von Nahrungsmitteln im Aldi & Co. Mit “Bio” hat das zuallerletzt etwas zu tun. Das Zug ist nicht um einen Deut besser als andere Nahrungsmittel. Selbst wenn man bei der Verteufelung “herkömmlicher” Lebensmittel mitgeht und denen Antibiotika- und Herbizidbelastung unterstellt machen die sicher nicht dick oder erhöhen das Diabetesrisiko!

#5 |
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Tierarzt

Der Deutschtest ist noch nicht sehr lange verpflichtend. Außerdem reicht die A2 vielleicht um ein Brot zu kaufen und nicht um sich verständigen zu können. Kommen die Migranten dann nach Deutschland werden sie verpflichtet am A1-Kurs (645 Stunden, davon 45 Stunden deutsche Geschichte und Staatsaufbau; bei entsprechendem Einkommen ist 1,- ¿ / h zu bezahlen, sonst kostenlos und die Fahrtkosten werden auch übernommen) teilzunehmen. Allerdings passiert nichts wenn sie die A1 nicht bestehen. Der Nachweis der Teilnahme am Kurs ist entscheidend.
Ich bin selbst mit einer Ukrainerin verheiratet und in der Anfangszeit haben wir uns fast nur in Englisch verständigen können. Mittlerweile, nach einigen Deutschkursen, geht es aber sehr gut auf Deutsch.
Die Tochter (jetzt 11) spricht sehr gut deutsch, auch wenn die Grammatik häufig nicht richtig ist. Aber sie ist im Deutschunterricht eine der Besten! Ich habe in den 1,5 Jahren, die die beiden nun in Deutschland sind, feststellen müssen das Deutsch eine wirklich schwere Sprache ist, die aber mit Willen zur Integration auch zu erlernen ist.
Das fatale ist leider, dass es sehr viele Migranten gibt die zwar die Positiva in Deutschland nutzen wollen, aber keinen Willen zur echten Integration haben. Dies hat mir meine Frau oft, nach Gesprächen mit Ausländern bei den Deutschkursen, berichtet. Im Gegenteil es wird sogar noch gegen Deutschland gewettert – unhöflich, rassistisch, ausländerfeindlich, es wird zu wenig Geld gezahlt u.u.u. Allerdings kann meine Frau davon nichts feststellen, im Gegenteil sie ist positiv überrascht wie freundlich die Deutschen zu ihr sind. Aber hier kommt wohl auch wieder die Bildung der Migranten zum tragen. Das Problem wird demnach nur sehr schwer zu lösen sein. Der Nachwuchs aus ¿bildungsfernen¿ Schichten wird wieder nichts lernen und sich nicht integrieren usw. usf.

#4 |
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Wie Integration gelingen kann, zeigte sich in der DDR am
Beispiel der Vietnamesen.Deren Interesse sich in den Arbeits-
prozeß einzubringen und die deutsche Sprache zu erlernen war beispielhaft. Es war allerdings auch eine entsprechende
Motivation vorhanden. Wesentlich ungünstiger sind die Erfahrungen mit Migranten aus dem nahöstlichen Sprachraum(Araber,Türken u.a.). Nach oft schon langjährigem Aufenthalt in Deutschland wird die deutsche Sprache schlecht beherrscht und die Motivation, diesen Mangel zu beseitigen ist gering. Wo der Wille zur Integration fehlt, sind alle Förderprogramme nutzlos und der betroffene Personenkreis belastet lediglich das Sozialsystem. Fazit: Wer sich integrieren will muß gefördert und unterstützt werden, wer dies nicht will sollte besser gar nicht erst herkommen. Ohne Mitwirken und Interesse der Migranten zur Migration wird es zum Kollaps des Sozialsystems kommen.
beherrscht

#3 |
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Arzthelferin

Wieso gibt es Sprachprobleme in deutsch, ich dachte, man muss einen Deutschtest machen, bevor man für Deutschland eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis bekommt?

#2 |
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Katharina Münch
Katharina Münch

Liebe/r Kolleg/e/in,
Es geht hier nicht um die Schuldfrage, sondern um 1/3 aller Kinder in Deutschland und damit in wenigen Jahren um 1/3 der jungen Erwachsenen in Deutschland.
So gut wie wir uns um diese Kinder kümmern, so gut werden sie sich als Teil der Gesellschaft fühlen und ihren Beitrag zum guten Miteinander bringen.
Diese Kinder haben ihr Schicksal nicht selbst gewählt und sie werden einen eigenen Weg gehen – in die eine oder die andere Richtung.
Ich habe in jungen Jahren unter anderem türkisch und griechisch gelernt und trotz mehreren vorausgehenden Fremdsprachen und erfolgreichem Hochschulstudium war es sehr mühsam.
Es ist schwer ein anderes Grammatiksystem zu erlernen und sehr viele Migranten haben wenig Schulbildung.
Ich erlebe immer wieder viel Bereitschaft und wenig Möglichkeiten die Sprache zu erlernen..
Für mich lohnt sich die Bemühung um jedes einzelne Kind.
Mfg, eine Kinderärztin

#1 |
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