Schließen die Türen?

31. August 2006
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Das Medizinstudium an der renommierten Privatuniversität Witten-Herdecke hatte zuletzt nach Ansicht des Wissenschaftsrates keine Zukunft. Nach der letzten Sitzung des Rates wurde jedoch ein Aufschub gewährt - die Universität darf ihr Konzept nachbessern und kann den Studiengang Medizin höchstwahrscheinlich beibehalten.

Der Wissenschaftsrat ist das von Bund und Ländern gemeinsam zusammengesetzte Beratungsgremium zu Fragen von Forschungs- und Hochschulpolitik. Die Länder müssen sich den Urteilen des Wissenschaftsrates beugen. So wurden bei der Bewertung der Studiengänge an der Universität Witten-Herdecke durch den Wissenschaftsrat "inhaltliche und strukturelle Defizite" festgestellt. Die Konsequenz hiervon wäre ein Aufnahmestopp für Medizinstudenten an der Universität Witten-Herdecke.

Witten wehrt sich
Die Kritikpunkte des Wissenschaftsrates lesen sich düster. An der medizinischen Fakultät werde zu wenig geforscht, der naturwissenschaftliche Unterricht käme zu kurz und es gäbe schließlich keine fakultätseigene Uniklinik. Rundum sei damit auch die Umsetzung der neuen Approbationsordnung nicht gewährleistet.

Jedoch scheint man in diesem Fall tatsächlich Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Das reformierte Konzept für das Medizinstudium an der Uni Witten-Herdecke beinhaltet die Kooperation mit verschiedenen Krankenhäusern und Arztpraxen als Kernpunkt. Zudem werden die Naturwissenschaften nicht in traditionellen Frontalvorlesungen und Seminaren gelehrt, sondern im Rahmen von problemorientierten Lerngruppen. Dadurch verwundert es nicht, dass die Uni Witten-Herdecke keine zu anderen Unikliniken vergleichbaren Forschungseinrichtungen betreibt und eine Vielzahl externer Professoren beschäftigt.

Die Uni Witten-Herdecke entkräftete daher die Vorwürfe und will dem Wissenschaftsrat durch die Einrichtung von Forschungsinstitutionen und Schaffung neuer Professuren entgegenkommen. Zudem weist der Bericht des Wissenschaftsrates inhaltliche Schwachpunkte auf. Es ist demnach keineswegs so, dass die gesetzlich festgelegte Mindestundenzahl von 5500 in Witten unterschritten wird. Auch das in Witten mit etwa 6:1 bezifferte Verhältnis von Studenten zu Professoren liegt unter den vom Wissenschaftsrat erwarteten 16:1.

Ist Witten gewollt?
So betont auch Dekan Schrappe immer wieder, dass die Medizin an der Uni Witten-Herdecke ein Zukunftsmodell ist. Das ist durchaus kein Aufschrei der Verzweiflung, da viele Fakten für Witten sprechen:

  • Während die neunte Novelle der Approbationsordnung von 2004 eine integrierte Ausbildung mit Querschnittsbereichen und problemorientierten Lehrveranstaltungen fordert, bestehen diese Idee und ihre Umsetzung in Witten-Herdecke schon seit Mitte der 80er Jahre.

  • Während die praktische Ausbildung an staatlichen Fakultäten von Studenten schlechte Noten im Viererbereich erhält, ist die praktische Ausbildung der Wittener Studenten ein Einserkandidat.

  • Während die Gegenleistungen nach Einführung der Studiengebühren an staatlichen Universitäten durch die Politik nicht an die Studenten vermittelt werden können, bewerben sich auf einen Studienplatz in Witten im Durschschnitt über 20 Studenten, trotz 25.000 Euro Gebühren bis zum Ende des Studiums.

Da werden Studenten und Absolventen nicht müde, die hohe Qualität der Medizin in Witten zu betonen. Das ändert auch die Kritik des Wissenschaftsrates, Versorgungsforschung als einzige Säule nicht tragfähig zu sehen, gar nichts.

Landesregierung NRW und private Investoren wollen helfen
Der Wissenschaftsrat hat seine endgültige Entscheidung auf die nächste Sitzung im Juli vertagt. Bis dahin soll ein aktualisiertes Wittener Konzept vorliegen und ein Bericht des Landes NRW. Bleibt zu hoffen, dass so die Streichung der staatlichen Förderung für die Privatuniversität ausbleibt. Witten-Herdecke ist sicher kein Modell für alle, aber ganz sicher ein Ideenmotor, der alle bedienen kann.

Insbesondere das funktionierende Zusammenspiel aus staatlicher Förderung, privaten Zuwendungen und tatsächlich der Lehre zu Gute kommenden Gebühren ist ein gutes Beispiel, wie es zur Zufriedenheit aller Beteiligten laufen kann.

Rettungsversuche für die Medizin in Witten lohnen sich, nicht zuletzt weil so mancher politischer Entscheidungsträger sich an den erfolgreichen Versuchen in Witten bedient hat und im Begriff ist, den besten Ideengeber eigenhändig abzuschlachten. Helfen kann dabei sicher auch, dass Konrad Schily, der Universitätsgründer, mittlerweile selbst Bundestagsabgeordneter der FDP ist.

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