Adipositas: Besser Haut-Moppel als Leberfettie

6. Dezember 2013
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Nicht alle schwer übergewichtigen Personen weisen ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes auf. Forscher haben nun mögliche Diagnosekriterien analysiert, um metabolisch gesunde und kranke Adipositas-Patienten besser voneinander unterscheiden zu können.

Adipositas tritt gehäuft in den Industrieländern auf, aber auch in den Schwellenländern nimmt die Fettleibigkeit immer mehr zu. Mediziner sprechen von einer Adipositas, wenn der Body-Mass-Index (BMI) größer als 30 ist. Je größer das Übergewicht der Betroffenen ist, desto größer ist normalerweise ihr Risiko, an kardiovaskulären Leiden oder Typ-2-Diabetes zu erkranken. Doch ein kleiner Teil der stark übergewichtigen Menschen scheint vor diesen Krankheiten geschützt zu sein. Nun haben Wissenschaftler in der Fachzeitschrift The Lancet Diabetes & Endocrinology mögliche Diagnosekriterien vorgestellt, mit deren Hilfe Mediziner besser als bisher Menschen mit einer metabolisch gesunden Adipositas erfassen können.

Der Epidemiologe Professor Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIFE) in Potsdam und der Mediziner Professor Norbert Stefan von der Universitätsklinik Tübingen analysierten dafür alle relevanten, in den vergangenen 15 Jahren veröffentlichten epidemiologischen Studien, in deren Rahmen eine Unterscheidung zwischen metabolisch gesunden und metabolisch kranken Adipositas-Patienten gemacht wurde. Für die Einteilung der Teilnehmer in eine der beiden Gruppen verwendeten die an diesen Studien beteiligten Wissenschaftler unterschiedliche Kriterien: Entweder gab die körperliche Fitness der Probanden den Ausschlag dafür, in welcher Gruppe sie sich wiederfanden, oder ob sie insulinresistent waren oder nicht. In einigen der Studien entschied über die Eingruppierung aber auch die Ab- oder Anwesenheit von Risikofaktoren wie zum Beispiel Bluthochdruck und erhöhte Fettwerte.

Metabolisch kranke Patienten sterben früher

Am Ende des Beobachtungszeitraum der jeweiligen Studie zeigte sich fast immer, dass in der Gruppe der metabolisch gesunden Adipositas-Patienten prozentual deutlich weniger Teilnehmer gestorben waren als in der Vergleichsgruppe. „Aufgrund der unterschiedlichen Kriterien, mit deren Hilfe die Gruppen gebildet wurden, waren in der einen Gruppe 30 Prozent aller Patienten metabolisch gesund, in einer anderen jedoch nur 10 Prozent“, sagt Schulze, der die Abteilung Molekulare Epidemiologie des DIFE leitet. „Weder die genauen Kriterien noch die entsprechenden Grenzwerte sind bisher wirklich definiert. Deswegen sind weitere, noch systematischere Studien nötig.“

Schulze und Stefan sind sich einig, dass wahrscheinlich das Vorhandensein einer Insulinresistenz, also das verminderte Ansprechen von Körperzellen auf Insulin, ein wichtiges Kriterium ist, mit dessen Hilfe man beide Patientengruppen voneinander unterscheiden könnte. Um festzustellen, ob ein Patient noch ausreichend auf Insulin anspricht, nimmt man diesem Blut ab und bestimmt die Konzentration von Glukose und Insulin im Blut. Anschließend rechnet man mithilfe der beiden Werte den so genannten HOMA-Index aus: Ist dieser größer als 2,5, ist der Patient wahrscheinlich insulinresistent. Als Reaktion auf eine Insulinresistenz kommt es zu einer Steigerung der Insulinproduktion, die wiederum die vermehrte Speicherung von Fetten in Organen bedingt.

Wenig Fett in den Organen vermindert das Krankheitsrisiko

Aus diesem Umstand leiten sich zwei weitere Warnhinweise für eine metabolisch gefährliche Adipositas ab: „Eine Fettleber und ein großer Taillenumfang deuten daraufhin, dass das Körperfett ungünstig verteilt ist“, sagt Stefan, der Leiter der klinisch-experimentellen Diabetologie der Universitätsklinik Tübingen ist. „Metabolisch gesunde Übergewichtige haben Fett vor allem unter der Haut und in den Beinen.“ Anscheinend, so der Mediziner, sorge eine bessere Fettverbrennung durch die Mitochondrien dafür, dass sich nur wenig Fett in den Organen anlagere. Übergewichtige mit der richtigen Fettverteilung litten auch nicht an einer subklinischen Inflammation: Fett, das in den Organen sitzt, kann nämlich eine permanente Entzündungsreaktion auslösen – mit der Folge, dass weiteres Fett ins Blut freigelassen wird und sich die Gefäße immer stärker atherosklerotisch verändern. Inwieweit eine richtige Fettverteilung genetisch veranlagt oder durch körperliche Aktivität beziehungsweise eine spezielle Ernährungsweise beeinflussbar ist, ist noch nicht vollständig klar.

Deswegen betonen Schulze und Stefan, dass noch wesentlich mehr Forschung erforderlich ist, wenn das Konzept der Unterscheidung zwischen metabolisch gesunden und kranken Adipositas-Patienten Eingang in die klinische Praxis finden soll.
 Eine genauere Definition für eine metabolisch unbedenkliche Adipositas würde nicht nur bedeuten, dass möglicherweise kostenaufwändige Maßnahmen zur Gewichtsreduzierung wie etwa die bariatrische Chirurgie auf die Gruppe der am meisten gefährdeten übergewichtigen Personen beschränkt werden könnte. Sie könnte auch bei der Entwicklung von Wirkstoffen von Nutzen sein, die vor Stoffwechselkrankheiten schützen. „Das heißt aber nicht, das metabolisch gesunde Adipositas-Patienten keine Therapie brauchen“, so Stefan. „Auch diese Patienten leiden an Gelenkproblemen oder Schlafapnoe.“

Adipositas-Patienten sollten Lebensstil verändern

Eine Lebensstilintervention steht bei beiden Gruppen an erster Stelle der möglichen Maßnahmen, aber noch gibt es keine spezifischen Leitlinien, die Ärzten die Entscheidungsfindung für das richtige Vorgehen bei metabolisch gesunden Übergewichtigen erleichtern würden. „Prävention und Behandlung beider Adipositas-Formen sind wichtig, um das Risiko chronischer Krankheiten zu verringern“, sagt Stefan. „Denn die gesundheitlichen Folgen von Adipositas sind gut belegt.“ Man könne, so der Mediziner, davon ausgehen, dass besonders die weltweite Zunahme von Typ-2-Diabetes und kardiovaskulären Erkrankungen auch der epidemischen Adipositas zuzuschreiben seien.

134 Wertungen (4.19 ø)

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13 Kommentare:

Maike Arft-Jacobi
Maike Arft-Jacobi

Kann Dr. Fuehrer nur zustimmen.
Bedeutet “Menschen mit einer metabolisch gesunden Adipositas”, dass diese Menschen allein wegen ihrer Körperfigur pathologisiert und beleidigt werden (siehe Überschrift)? Fehlernährung/Bewegungsmangel/Stress/Schlafmangel sind ja allgemeine Probleme. Viele werden nicht dick dabei, aber sind deshalb nicht gesünder. Besonders schlimm von medizinischer Seite her ist die Diskriminierung von Dicken bei Kindern: wenn deren Körperfigur “stimmt”, werden Fehlernährung/Bewegungsmangel… ignoriert. Naja, ist auch billiger und politisch einfacher, nichts für ALLE Kinder diesbzgl. tun zu müssen.

#13 |
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Herzlichen Gruß an Frau Karin Luther und Dank für Ihren treffenden Kommentar. Die peinlichen, gewollt- lustigen und doch völlig unprofessionellen Überschriften sind inzwischen nur noch reißerisch und unter Bild-Niveau. So manches Mal und zunehmend hält mein Ärger über die Überschrift mich vom Lesen der Artikel ab.
Meine Kritik habe ich vor Längerem per Mail schriftlich kundgetan, darauf wurde mir geantwortet, dass viele Leser diese Überschriften anregend finden und gut bewerten.
Witzeleien über Fachliches sind toll bei Rippenspreizer-Comics, aber meines Erachtens in dieser Art hier fehl am Platze.

#12 |
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Heilpraktikerin

Ich finde die Überschrift treffend. Jedenfalls konnte ich mir gleich vorstellen, in welche Richtung die Informationen in dem Artikel weisen. Der Inhalt mag nicht schreiend neu sein, aber geht es in der Forschung nicht auch darum, Dinge zu bestätigen (zu versuchen), von denen man schon länger meint, dass sie ‘so sein’ könnten? Wenn man mal genau liest, haben sich die Herren Schulze und Stefan ja mit Studienergebnissen befasst, die teilweise ca. 15 Jahre zurückreichen. Also haben natürlich die ursprünglichen Autoren vor 15 Jahren ihre Erkenntnisse publik gemacht. Woher soll also die absolute Neuigkeit kommen? Aber die Umordnung der Ergebnisse nach neuen Kriterien finde ich schon interessant.
Und mit selbst einem BMI von >40 erlaube ich mir anzumerken, dass es nicht möglich ist, einen fröhlichen Kommentar über Adipositas zu machen, ohne dabei ein kleines bißchen frech zu werden. Und das liegt mal wirklich an der Gesellschaft an sich.
Wer die Artikel nicht leiden kann, sollte vielleicht aufhören sie zu lesen. Oder selbst bessere schreiben. Oder die Originalpublikationen lesen, denn es steht ja jedem frei, sich derselben Quellen zu bedienen wie der Autor.

Ich persönlich danke bei dieser Gelegenheit dem Team von DocCheck dafür, das mir diese Arbeit abgenommen wird und ich trotzdem über Themen, die mein Fachgebiet betreffen auf dem laufenden bleiben bzw. nach Bedarf vertiefen kann.

In diesem Sinne eine schöne Adventszeit!

#11 |
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Melanie Weber
Melanie Weber

Bedeutet dass , dass Lipödemler weniger Sorge haben müssen? Das fände ich mal interessant, weil die ja viel Fett habne, aber ist das nun günsutig verteilt um metabolisch gesund zu sein?

#10 |
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Gast
Gast

“Population-wide weight loss and regain in relation to diabetes burden and cardiovascular mortality in Cuba 1980-2010: repeated cross sectional surveys and ecological comparison of secular trends.” (BMJ. 2013 Apr 9, Franco M, Bilal U, Orduñez P, Benet M, Morejón A, Caballero B, Kennelly JF, Cooper RS)

Referenzen:
1) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23571838
2) http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/54005/Kuba-Wirtschaftskrise-senkte-Diabetes-Rate (“In der „Período especial en tiempo de paz“ (Sonderperiode in Friedenszeiten) von 1991 bis 1995 nahm das durchschnittliche Körpergewicht der erwachsenen Kubaner um 4 bis 5 kg ab, was etwa der Reduktion entspricht die in Präventionsstudien die Rate von Neuerkrankungen am Typ 2-Diabetes halbiert hat.”)
3) https://de.wikipedia.org/wiki/Sonderperiode_in_Kuba
4) http://www.theguardian.com/world/2013/apr/09/hard-times-heart-disease-diabetes-cuba

#9 |
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Information zur original Publikation erbeten.

#8 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Entscheidend ist der Zustand des Chef-Stoffwechselorgans, der Muskulatur. Wer nichts dafür tut, verliert ab 25 vorwiegend weiße Muskelmasse, also diejenigen mit vorwiegend glykolytischer, zuckerverbrauchender Energiegewinnung. Das ist anscheinend immer noch weit außerhalb der Betrachtung der Diabetologen. Vermutung: sie selbst verweigern sich dieser Einsicht, denn sie würde eigene “Anstrengungen” implizieren.
Experimente wie das mit den “Myo-Mäusen” der Forschergruppe um Kenneth Walsh (Diabetes ging allein durch Muskelwachstum weg, bei sogar gleichbleibend ungesunder Ernährung!), aber auch mit Menschen sprechen Bände. Es gibt in der Tat genügend Literatur.
Die alleinige Beschränkung auf die Ernährungsfrage bedient offensichtlich das Denken, dass man, auf dem Sofa liegend, sich nur das Richtige “einwerfen” muss, um gesund zu bleiben.
Jack Lalanne sagte, dass “Bewegung” der König sei, Ernährung die Königin, und dass man mit beiden gemeinsam ein Königreich gewinne. Ein schönes Bild!

@6: Die glykämische Last ist in unserer Kultur viel zu hoch, und sowas fördert die DGE auch noch. Dass die menschliche Ernährung “ausschließlich auf KH” basiere, ist wohl ein Schreibfehler, oder?

Ein gutes Kriterium ist immer noch die Evolution: Wovon lebte der Mensch seit 2 oder 4 Mio Jahren? Wie lange hat er schon Getreide? Wie viele Generationen haben eine Fülle von Zucker in der Nahrung? Ein bisschen darüber nachzudenken erleichtert das Verständnis ungemein!

#7 |
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Diätassistent

Die menschliche Ernährung basiert ausschließlich auf Kohlenhydraten.
Die Definition sollte nicht lauten „auf Kohlenhydrate zu verzichten“ sondern auf industriell veränderte Kohlenhydrate wie beispielsweise Weißmehl und Zucker.

Besonders günstig wirkt sich der weitestgehende Verzicht auf alle veränderten und erhitzten Lebensmittel aus.

#6 |
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@ Herrn Pawslowski: Ich stimme Ihnen weitestgehend zu. Einzig hinsichtlich Ihrer “LowCarb+Ketogen-Empfehlung” mahne ich zur Vorsicht. Ausreichend “gute”, komplexe Kohlenhydrate gehören auf jeden gesunden Speiseplan. KH-Mangel behindert den vollständigen Fettsäureabbau, was zur Ketose führt. Die damit verbundene Acidose bremst den Energiestoffwechsel aus. Gewicht runter -Stoffwechsel aus dem Ruder – das ist kein gesundes Abnehmen. Der Weg zur Gewichtsreduktion führt letztlich immer nur über eine negative Energiebilanz.
@2-4: Liebe Mitdiskutanten, ich möchte den Autor, Herrn Braun, doch etwas in Schutz nehmen. Natürlich ist nicht alles brandneu und allumfassend dargestellt. Aber als informativer Übersichtsartikel verdient er m.E. nicht Ihre scharfe Kritik – zumal auch zahlreiche “Nicht-Experten” an diesem Forum teilnehmen. In Bezug auf die wirklich despektierlichen Überschriften schließe ich mich aber der Meinung von Frau Luther an. Solch reißerisch verletzende Titel ärgern mich schon in der Boulevardpresse und gehören nicht auf diese Plattform.

#5 |
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Karin Luther
Karin Luther

Ich frage mich, warum in letzter Zeit die Artikel immer weniger Niveau haben? Und weiter frage ich mich: welcher respektlose “Spaßvogel” darf eigentlich die Überschriften erstellen?

#4 |
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Das soll neu sein? Es wurde bisher insbesondere von der DGE abgewehrt. Z.B. finden sich in dem lesenswerten Buch “Menschenstopfleber” (N.Worm) 100te Literaturhinweise aus den letzten Jahren.

#3 |
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Toni Maria Nürmberger-Ergünoglu
Toni Maria Nürmberger-Ergünoglu

Sehr geehrter Herr Braun, liebe Redaktion,
diese Informationen sind doch nun wirklich nicht neu. Ich empfehlen Ihnen die Ergebnisse zur Adipositasforschung von Prof. Dr. Achim Peters über den Zusammenhang zwischen Stressreaktion (selfish brain theory) und metabolischem Syndrom, außerdem die Hinweise aus der Epigenetik zur Stoffwechselanpassung von Embryonen.
Mit freundlichen Grüßen und guten Wünschen zum Nikolaustag.

#2 |
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Ernst Pawlowsky
Ernst Pawlowsky

Es sollte wesentlich mehr über die Lebensstilfaktoren geforscht werden!
Doch da die Industrie ( Pharma- und Lebensmittel- ) an einer veränderten, gesünderen Ernährung und an mehr Bewegung nicht verdienen kann, stellen beide kein Geld dafür zur Verfügung. Wenn die Forschung aber auf “Dritt”-Mittel angewiesen ist, woher soll sie dann das Geld für eine Forschung nehmen, die zwar der Volksgesundheit dient, aber nicht den Konzernen?
Doch für alle diejenigen, die eigenverantwortlich sind und ihr Übergewicht reduzieren wollen, gibt es inzwischen genügend Literatur, die zeigt, wie man seinen Lebensstil ändern kann um gesünder zu leben => low carb oder ketogen, plus Bewegung ergeben Vitalität und Lebensfreude

#1 |
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