Kalorienverbrauch: „Sport-Hormon“ infrage gestellt

27. November 2013
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Vor knapp zwei Jahren glaubten Forscher, mit Irisin ein „Sport-Hormon“ gefunden zu haben, das bei körperlicher Aktivität den Kalorienverbrauch erhöht und auch im Ruhezustand den Fettabbau vorantreibt. Nun stellten Sportmediziner diesen hohen Einfluss von Irisin infrage.

Die Saarbrücker Sportmediziner forschen daran, wie sich durch sportliche Aktivitäten der Stoffwechsel im Körper verändert. Nachdem vor einem Jahr die Erfolgsmeldung der amerikanischen Elite-Universität Harvard kam, dass man einen neuen Botenstoff entdeckt habe, nahmen auch die Saarbrücker Wissenschaftler dieses Hormon ins Visier. „Der Botenstoff Irisin wurde von den US-Kollegen in hohem Maß für den Nachbrenneffekt verantwortlich gemacht. Damit meint man das Phänomen, dass der Körper auch nach einer sportlichen Betätigung Energie verbraucht und im Ruhezustand zusätzliche Kalorien verbrennt“, erläutert Dr. Anne Hecksteden, Wissenschaftlerin am Institut für Sport- und Präventivmedizin der Saar-Uni.

Man habe Irisin daraufhin als neues „Sport-Hormon“ gefeiert, das eines Tages möglicherweise als Wirkstoff eingesetzt werden könnte, um Menschen auch ohne Sportprogramm vor Fettleibigkeit und Diabetes zu schützen. „Diese Erkenntnisse basierten aber vor allem auf Experimenten an Mäusen und lebenden Zellen im Reagenzglas. Eine Untersuchung mit Testpersonen, die in dem Nature-Artikel der US-Forscher auch zitiert wurde, war wegen der geringen Teilnehmerzahl und der fehlenden Kontrollgruppe weniger überzeugend“, ergänzt Hecksteden.

Überprüfung der Ergebnisse

Um die Ergebnisse der amerikanischen Forscher zu überprüfen, konnten die Saarbrücker Sportmediziner auf eine breit angelegte Trainingsstudie zurückgreifen, die vor einem Jahr mit über 250 Versuchspersonen im Saarland durchgeführt wurde. Bei der „Saarländischen Ausdauer-Etappe“, kurz Sause genannt, haben die trainierenden Teilnehmer ein halbjähriges Trainingsprogramm absolviert und wurden anschließend mit einer zufällig ausgewählten Kontrollgruppe verglichen, die ihren vorherigen Lebensstil beibehalten hatte. Erhoben wurden verschiedene Messwerte, die Aufschluss geben über gesundheitliche Effekte, etwa die körperliche Leistungsfähigkeit, der Blutdruck und die Blutfette.

„Wir haben anhand dieser Daten aus der Sause-Studie nachweisen können, dass sich der Botenstoff Irisin durch sportliche Aktivitäten längst nicht so eindeutig erhöht wie es die amerikanischen Forscher behauptet haben. Ihre Ergebnisse aus Versuchen an Zellkulturen und Mäusen lassen sich nicht direkt auf den Menschen übertragen“, betont die Sportmedizinerin. Die höheren Werte, die bei den Versuchspersonen der US-Wissenschaftler nach sportlicher Betätigung aufgetreten waren, führt Anne Hecksteden auf Veränderungen in den gelagerten Blutproben zurück. „Irisin ist in den Serumproben nicht stabil. Das mussten auch wir bei unseren Auswertungen feststellen. Wenn Blut längere Zeit im Gefrierschrank gelagert wird, verändert sich dieses, so dass man bei der Auswertung der Proben genau darauf achten muss, ob es zwischen Eingangs- und Abschlusstest einen Unterschied in der Lagerungsdauer gegeben hat“, erläutert die Sportmedizinerin.

 „Sport-Pille“ statt regelmäßiger Bewegung?

Das US-Team um Bruce Spiegelman vom Dana-Farber Cancer Institute in Boston hatte in dem Nature-Artikel dargelegt, dass Irisin auf die Fettzellen im Körper einwirkt und deren Stoffwechsel so beeinflusst, dass sogenannte weiße Fettzellen in braune Fettzellen verwandelt werden. Diese bauen das Fett ab und wandeln die zuvor gespeicherten Kalorien in Wärme um. „Dies wirkt sich auch günstig auf den Blutzuckerspiegel aus, was bei den US-Forschern die Hoffnung weckte, dass man mit Irisin übergewichtige Menschen und Diabetes-Patienten behandeln könnte, ohne ihnen übermäßige Bewegung zuzumuten“, erläutert Hecksteden. Die Saarbrücker Sportmediziner um Professor Tim Meyer gehen jedoch davon aus, dass der Stoffwechsel im menschlichen Körper viel komplexer ist und regelmäßige Bewegung auch in absehbarer Zukunft wohl nicht durch eine „Sport-Pille“ zu ersetzen sein wird.

Originalpublikation:

Irisin and exercise training in humans – Results from a randomized controlled training trial
Anne Hecksteden et al.; BMC Medicine, doi: 10.1186/1741-7015-11-235; 2013

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4 Kommentare:

Gast
Gast

Ich habe nur “Irrsinn” gelesen und das ist es wohl auch.

#4 |
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Rolf Hedderich
Rolf Hedderich

@Gast
Warum das Gegenteil der Fall seien soll geht aus Ihrem Statement nicht hervor.
Ich beziehe meine Aussage auch nicht auf inaktive “frühere” Leistungssportler, sondern auf jetzt aktive Menschen oder Sportler.
Das epfohlene Kardiotraining soll auch nur den Tag einläuten, später am Nachmittag folgt dann ein Kraft- Muskeltraining mehrmals die Woche.
Die letzten Zeilen Ihrer Aussage bestätigen ja im Grunde meine Erfahrungen und Empfehlungen.
Ich kann nur sagen, Theorie beiseite und aktiv werden!

#3 |
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Gast
Gast

@Rolf Hedderich, Einspruch,
eher das Gegenteil ist der Fall!
Denn Sport ökonomisiert praktisch alles, was dabei trainiert wird, nicht nur den Kalorienverbrauch, so dass auch in Ruhe der Stoffwechsel, Puls, etc. stärker zurückgeht als beim übergewichtigen Untrainierten.
Gerade inaktive frühere Leistungssportler neigen zu Übergewicht.
Allerdings trägt jede Zelle zum Grundumsatz bei,
das bedeutet, dass insbesondere muskelstarke Sportler auch in Ruhe einen entsprechend höheren Grundumsatz haben.
Die ominöse “Fettverbrennung” wird insbesondere durch einen erhöhten Insulinspiegel (ein anaboles Hormon) blockiert,
also genau die von Laien (Psychologen) immer wieder empfohlenen kleinen KH-Zwischenmahlzeiten verhindern die Fettverbrennung.

mfG

#2 |
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Rolf Hedderich
Rolf Hedderich

Irisin hin und theoretische Forschungsergebnisse her…

Ich kann jedenfalls bestätigen (bin seit über 30 Jahren aktiv im Fitnessbereich tätig), dass es in der Praxis tatsächlich einen “Nachbrenneffekt” gibt.
Regelmäßig trainierende Menschen können deutlich mehr Kalorien zu sich nehmen ohne gleich an Körperfett zuzunehmen. Das gilt auch dann, wenn die vermehrte Kalorienaufnahme sich überproportional zum eigentlichen Trainingsverbrauch verhält. Das habe ich an mir selbst feststellen können und auch bei vielen anderen Sportlern.
Um mit Hilfe von umfangreicher Bewegung oder sportlicher Betätigung dauerhaft Körperfett sogar abzubauen, kann ich die immer wieder erfolgreich getestete Empfehlung aussprechen: vor dem Frühstück ein 30 min. Kardiotraining durchführen.
Das erhöht definitiv den Grundumsatz für den ganzen Tag und unterstütz auch noch weitere sportliche Betätigung im Laufe des Tages.
Grundsätzlich kann auch empfohlen werden: gelegentlich intensives Training auf hungrigen Magen macht schlank; nach dem Training ist das Hungergefühl geringer wie vorher und man freut sich auf eine normale gesunde Mahlzeit.

Ausprobieren macht schlank, ich wünsche viel Erfolg.

#1 |
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