bvmd-Mitgliederversammlung: Back to Basis

27. November 2013
Teilen

Anfang November fand die Mitgliederversammlung der bmvd in Münster statt. Wir waren dabei und führten ein Interview mit Christian Kraef - ab dem 01.01.2014 neuer Präsident der bvmd - über die Bundesvertretung, Verantwortung und studentisches Engagement.

Freitag, 23:30 Uhr – Die Letzten der 200 Delegierten aus 32 Lokalvertretungen der medizinischen Fakultäten Deutschlands erreichen den medizinischen Campus der Fahrradstadt Münster, ich bin einer davon. Trotz widrigster Umstände wie Zugausfälle, randalierende Hooligans oder aggressive Radfahrer habe ich es endlich auf die dritte ordentliche bvmd-Mitgliederversammlung dieses Jahres geschafft.

Ich bin müde und hungrig, werde aber sogleich von partywütigen Medizinstudierenden in das Institut für Ausbildung und Studienangelegenheiten, unseren Tagungsort, geschleift. Dort treffe ich bei lauter Musik meine sechs Leipziger Kommilitonen und erobere die Reste des Abendbrots. Weil wir alle nach der langen Reise (beziehungsweise einem ausgiebigem Social-Programm für die pünktlich Angereisten) müde sind, entschließen wir uns, die Schlafgemächer aufzusuchen. In der Unterkunft – einer Turnhalle – sind wir darauf bedacht, auf keinen anderen Studenten zu treten und suchen uns eine dunkle Ecke, um unsere Schlafsäcke auszubreiten.

Ein Pakt mit dem Teufel?

Samstag, 09:17 Uhr – Nach einer kurzen, kalten Nacht und einem umfangreichen Frühstück beginnt das erste Plenum dieser MV. Zusammen mit internationalen Gästen aus Japan, Belgien, den Niederlanden und Österreich diskutieren ich und 200 weitere Medizinstudierende 3 Stunden lang über Satzungsänderungen und  über den neuen Kooperationsvertrag mit der Deutschen Ärztefinanz (DÄF). Die Kooperation mit der DÄF ist innerhalb der bvmd nicht unumstritten. Kritisiert wird vor allem die Abhängigkeit zur DÄF als alleinigem Hauptsponsor und das manchmal aggressive Auftreten von deren Vertretern gegenüber den Studierenden. Auch in meiner Lokalvertretung sind wir zunächst uneins. Schließlich stimmen wir aber zusammen mit der Mehrheit der anderen Lokalvertretungen für den Vertragsschluss.

Info: Kooperation DÄF / bvmd
Die Deutsche Ärztefinanz (DÄF) hat seit 2010 einen Kooperationsvertrag mit der bvmd. Als Gegenleistung für ihre finanzielle Unterstützung darf sich die DÄF auf nationalen Veranstaltungen der bvmd präsentieren und mit Erlaubnis der bvmd deren Logo verwenden. Weiterhin muss die bvmd auf Werbematerialien zum Austauschprogramm sowie den Projekten „Mit Sicherheit verliebt“ und „Weltaidstag“ das Logo der DÄF verwenden. Zudem kann die DÄF zu lokalen Veranstaltungen der bvmd eingeladen werden, welche sie dann ebenfalls finanziell unterstützt. Die DÄF darf sich nicht in die inhaltliche Arbeit der bvmd einmischen. Der Vertrag ist exklusiv und für 2 Jahre angelegt.

Vor Vielfalt erblasst

12:09 Uhr – Ich finde mich in einem Seminarraum mit etwa 35 anderen Studierenden wieder. Es ist AG-Zeit. In der AG Medizinische Ausbildung werde ich schnell neidisch auf die Lehrinnovationen, die andere Fakultäten hervorgebracht haben: In Impulsvorträgen höre ich vom Kölner Studipat-Programm, bei welchem man einen multimorbiden Patienten über sein gesamtes Studium betreut. Von als Cluster zusammengestellten Wahlpflichtveranstaltungen aus Aachen, welche eine Schwerpunktsetzung schon im Studium ermöglichen sollen. Oder aber von fest ins Curriculum etablierten Freisemestern, die den Studierenden die Zeit für eine Doktorarbeit, einen Auslandsaufenthalt oder ein Forschungspraktikum ohne Verzögerung der Regelstudienzeit geben. Neben diesen spannenden Ideen diskutieren wir auch über das Tagesgeschäft: 2014 soll der nationale kompetenzbasierte Lernzielkatalog der Medizin (NKLM) verabschiedet werden. Dieser soll dann Grundlage für die Curricula an den deutschen Fakultäten sein und die medizinische Ausbildung vereinheitlichen.

Ring frei für Runde zwei

17:40 Uhr – Die zweite Plenarsitzung beginnt. Diesmal auf der Tagesordnung: Vorstellung der Kandidaten. Über 3 Stunden nehmen sich die bvmd’ler Zeit für eine intensive Befragung der Kandidaten für die Wahlämter. Schließlich geht es  um einiges: Neben den Vizepräsidenten, dem Finanzer und dem Pressesprecher wird auf dieser MV auch der Präsident gewählt. Hierfür ist Christian Kraef der einzige Bewerber. Seine wichtigsten Ziele beschreibt er bei seiner Vorstellung so:

„Ich möchte drei Schwerpunkte setzen: 1. Externe Repräsentation der bvmd strategisch planen. Wir müssen uns konkret fragen, was sind unsere wichtigsten Ziele und wie können wir diese erreichen. Die bmvd wird oft zu vielen gesundheitspolitischen Themen von der Politik befragt – hier müssen wir eine klare Strategie haben, wie wir das zur Verwirklichung unserer Ziele nutzen.

Das zweite Thema ist für mich eine Herzensangelegenheit: Die Verknüpfung mit der Basis, den Fachschaften. Dabei ist zum einen die Frage, wie die bvmd aus dem Pool an Fachschaftsmitgliedern Nachwuchs generieren kann und inhaltlichen Input aus den Fachschaften bekommt. Gleichzeitig muss sich die bvmd auch als Dienstleister für die Fachschaften verstehen. Zudem ist es natürlich wichtig, die Studierenden außerhalb der Fachschaftsräte zu erreichen.

Mein dritter Punkt ist die Nachhaltigkeit. In studentischen Vereinen gibt es ein hohes Turn-over. Ich möchte sicherstellen, dass die Erfahrung, Ideen und Ziele auch langfristig über mehre Amtsperioden des Vorstands bestehen bleiben. Dies ist zum Beispiel möglich, indem man sich fragt: Wo soll die bmvd in drei Jahren stehen? Diese Idee geht natürlich mit der Stärkung der Alumni-Arbeit einher, die ich ebenfalls in Angriff nehmen möchte.“

1348_Kraef_block

Christian Kraef bei seiner Vorstellung als Präsidentschaftskandidat © Bild: Tim Vogel

Drei Club Mate sind ein Tofu

22:43 Uhr – Mittlerweile habe ich mir, begleitet von dem Hinweis eines Kollegen, dass drei Club Mate ja auch einem Tofu entsprächen, ein weiteres koffeinhaltiges Hipstergetränk geöffnet. Das Plenum befasst sich gerade mit dem Positionspapier “Beeinflussung der Freiheit der Lehre”. Darin fordert die bvmd Richtlinien an medizinischen Fakultäten, um den Einfluss von Interessenkonflikten auf die Lehre zu minimieren. Zudem möchte sie ein Bewertungssystem für die Vermeidung der Interessenkonflikte etablieren und sich für curriculäre Lehrveranstaltungen  einsetzen, die ein Problembewusstsein bei den Studierenden erzeugen.

Neben dieser Position haben die 32 anwesenden Lokalvertretungen auch noch folgende Papiere beschlossen:

  • Finanzierung der Hochschulen

Die bvmd lehnt die (Teil-)Schließung von medizinischen Fakultäten im Kontext des landesweiten Ärztemangels ab und fordert die Bundesbildungspolitik zu einer stärkeren Finanzierung der Hochschulen auf.

  • Gremienpolitik

Die bvmd fordert eine gerechtere Zusammensetzung der hochschulpolitischen Gremien. Zudem sollen auch Studierende den Vorsitz über eine Kommission haben können.

  • Weibliche Genitalverstümmlung

Die bvmd verurteilt die in vielen Ländern praktizierte weibliche Genitalverstümmelung als Verletzung des Menschenrechts auf körperliche Unversehrtheit. Des Weiteren fordert sie, dass die weibliche Genitalverstümmelung in der medizinischen Ausbildung thematisiert wird, um Studierende dafür zu sensibilisieren.

Party rock is in the house tonight

Sonntag, 01:34 Uhr – Endlich ist es geschafft. Wir haben uns durch die Tagesordnung gearbeitet und das Plenum ist zu Ende. Dennoch ist an Schlafengehen noch nicht zu denken. Im Foyer des Instituts startet eine große Party. Vergessen sind unterschiedlichste Positionen und Schlachten mit Geschäftsordnungsanträgen. In einem Meer aus Seifenblasen und bei steigendem Alkoholkonsum wird jetzt nur noch gefeiert. Es sind eben doch Studenten, die hier zusammen kommen. Dass es am nächsten Morgen um 9 Uhr weiter geht, stört niemanden. So machen einige Delegierte die Nacht durch, um am nächsten Morgen zur letzten großen Sitzung dieser Mitgliederversammlung der bvmd bereit zu sein und sich die besten Plätze im Hörsaal zu sichern.

Die Qual der Wahl

Sonntag, 9:15 Uhr – Zwar ist niemand so wirklich ausgeschlafen, dennoch sind alle Studierenden noch wach genug für die anstehenden Wahlen. Bei einigen Posten stehen Kampfkandidaturen an, sodass man hier besonders gespannt auf das Ergebnis ist. Trotz fehlendem Gegenkandidaten ist auch Christian Kraef ein wenig aufgeregt. Er bewirbt sich auf das höchste Amt der bvmd. Um 11 Uhr ist dann aber klar: Christian wird mit großer Mehrheit zum neuen Präsidenten der bvmd gewählt. Ich habe die Chance genutzt, um mit ihm das erste präsidiale Interview zu führen.

Christian Kraef

  • 23 Jahre alt, studiert im 8. Semester Humanmedizin in Münster

  • Seit Januar 2010 hochschulpolitisch aktiv, unter anderem als Referent für Hochschulpolitik, im Fachschaftsrat und als Senator der Uni Münster

  • Seit Juni 2010 in der bvmd aktiv: zunächst stellvertretend, später als Bundeskoordinator für Gesundheitspolitik

  • 2012 Doktorarbeit in Lambaréné, Gabun(Afrika)

DocCheck: Herzlichen Glückwunsch zum Wahlerfolg. Was überwiegt nun? Freude über die große Zustimmung oder die Last der Verantwortung?
Christian Kraef: Ich bin zunächst sehr dankbar, dass mir das Plenum ein so großes Vertrauen ausgesprochen hat. Aber mit dem Vertrauen kommt natürlich die Verantwortung. Diesen Vorschusslorbeeren muss ich jetzt gerecht werden. Ich freue mich nun auf die kommende Amtszeit mit einem tollen Team im neu gewählten geschäftsführenden Vorstand.

DocCheck: Du vertrittst als Präsident der bvmd 80.000 Medizinstudierende. Ist das für einen einzelnen Studenten zu viel Verantwortung?
Kraef: Ich denke, das muss man relativieren: Sicher haben wir den Anspruch, alle deutschen Medizinstudierenden zu vertreten, aber die bvmd ist ja zunächst der Dachverband der medizinischen Fachschaftsräte. Zusammen mit dem Plenum der Lokalvertretungen leisten sie die eigentliche inhaltliche Arbeit, sodass die Verantwortung von vielen Schultern getragen wird. Natürlich muss ich mir als Präsident bei meiner Arbeit immer wieder bewusst machen, wie das Plenum oder die Lokalvertretung handeln würde und meine eigene Meinung eventuell zurückhalten.

DocCheck: In deiner Arbeit siehst Du Dich oft mit Berufspolitikern, Lobbyisten und Vertretern von Berufsverbänden konfrontiert. Ist es fair, dass eine Studierendenvertretung niemals hauptamtlich, sondern immer neben dem Studium läuft?
Kraef: Als Medizinstudierende haben wir natürlich eine spannende Rolle. Anders als berufspolitische Verbände können wir auch über unsere eigenen Interessen hinausdenken. Was eine gesundheitspoltische Entscheidung nicht nur für uns als Studierende, sondern auch für die Patienten und die Gesellschaft bedeutet, können wir uns nur fragen, weil wir keine monetären Interessen verfolgen. Wir können immer ein bisschen progressiver sein.

DocCheck: Was motiviert Studierende, sich zu engagieren?
Kraef: Ich glaube, Hauptfaktor ist der Spaß an der Sache und etwas für sich mitzunehmen. Gerade unter Medizinstudierenden gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Möglichkeiten, sich zu engagieren. In diesem breiten Feld findet sich für jeden etwas.

DocCheck: Welche Voraussetzung müsste man schaffen, um das studentische Engagement zu steigern?
Kraef: Das Wichtigste ist die Wertschätzung des Engagements. Strukturell liegt der Ball vor allem bei den Fakultäten: Sie sollten mehr Freiräume für studentisches Engagement schaffen und es häufiger honorieren. Zum Beispiel könnte man die Arbeit im Fachschaftsrat als Wahlfach anerkennen lassen. Weiter könnte man engagierte Studierende durch flexiblere Stundenpläne oder Freisemester unterstützen.

DocCheck: Im Ausland werden Fachschaftsräte teilweise finanziell entlohnt. Was hältst du davon?
Kraef: Grundsätzlich muss man zwischen Aufwandsentschädigung und Lohn unterscheiden. Letzteren betrachte ich kritisch, da die Arbeit in der studentischen Selbstverwaltung ein Ehrenamt bleiben sollte. In der bvmd haben wir keine Aufwandsentschädigung. Das sorgt natürlich gleichzeitig dafür, dass hier eine soziale Selektion stattfindet. Nur die, die es sich auch leisten können, nicht nebenbei zu arbeiten, engagieren sich in den zeitintensiven Ämtern. Man muss sich natürlich fragen, ob das fair ist und wie man das gerechter gestalten kann.

1348_bvmdversammlung_block

Alle auf einen Blick: Ein Gruppenfoto der anwesenden Lokalvertretungen. © Bild: Tim Vogel

Letzte Worte

Als ich mich nach insgesamt 18 Stunden Plenum mit der Leipziger Delegation wieder auf den Weg nach Hause mache, gehen mir Christians letzte Worte zur MV durch den Kopf: „Sicher hätte man auch bei dieser MV noch effizienter arbeiten können, aber das ist fast immer so.“ Mit der Erfahrung von 10 Mitgliederversammlungen muss er es wohl wissen. Grundsätzlich hat mich das Wochenende unheimlich inspiriert und mir neue Motivation für die Arbeit im Fachschaftsrat gegeben. Dennoch freue ich mich auf mein gemütliches Bett, um den Schlaf des vergangenen Wochenendes aufzuholen. Bis zur nächsten MV im Januar – dann geht es nach Berlin!

17 Wertungen (4.88 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: