Zwiespalt und Fortschritt: Der Psychiater

29. September 2006
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Kaum eine Facharzt-Richtung ist in der öffentlichen Wahrnehmung von solch extremen Gegensätzlichkeiten gekennzeichnet, wie der Psychiater. Oft wird ein eher zweifelhaftes Bild auf diesen wirklich höchst interessanten Facharzt-Bereich geworfen. Wir wollen den zwiespältigen Ruf rehabilitieren!

Der Begriff "Psychiatrie" wurde 1808 vom Arzt Johann Christian Reil in Halle geprägt. Etymologisch aus griechisch Psyche – "die Seele" – und iatrós – "der Arzt" – zusammengesetzt, bedeutet "Psychiatrie" wörtlich übersetzt etwa "Seelenheilkunde". Das Gebiet Psychiatrie und Psychotherapie umfasst die Vorbeugung, Erkennung und somatotherapeutische, psychotherapeutische sowie sozial-psychiatrische Behandlung und Rehabilitation primärer psychischer Erkrankungen und Störungen in Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen und toxischen Schädigungen einschließlich ihrer sozialen Anteile, psychosomatischen Bezüge und forensischen Aspekte.

Interview:
Das Interview führten wir mit dem angehenden Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Herrn Stefan Kumm. Herr Kumm befindet sich derzeit in der Facharztausbildung in Emmendingen bei Freiburg.
(Herr Kumm = Stefan Kumm / MS = medizinstudent.de)

MS: Stefan…zunächst einmal vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, uns Rede und Antwort zu stehen. Unsere erste Frage an Dich: Warum hast Du Dir gerade dieses Fachgebiet ausgesucht?
HERR KUMM: Während meines Studiums hatte ich in der Vorklinik, ob in der Anatomie, der Physiologie oder der Biochemie den eigenen Interessenschwerpunkt meist auf die Struktur und Arbeitsweise des Nervensystems gelegt. Nach dem klinischen Studium und dem praktischen Jahr akzentuierte sich mein Interesse hauptsächlich zur Arbeitsweise des Zentralnervensystems. So entschied ich mich primär dafür, die psychiatrische Ausbildung als Grundlage zu wählen. Neben der psychologischen Seite dominiert der Stoffwechsel des Gehirns, die (psycho)pharmazeutische Behandlung, und damit einhergehend auch die Beeinflussung und Behandlung der Entstehung verschiedener Psychosen.

MS: Was ist denn für Dich das primär Spannende an Deinem Fachgebiet?
HERR KUMM: Die Genese und Heilungsmöglichkeiten schwerster Erkrankungen, die unbehandelt hohe Mortalität und frühzeitige Berentung mit konsekutiver sozialer Belastung aufweisen würden.

MS: Sieht Deine tägliche Arbeit in der Klinik mit den Patienten und Kollegen denn genau so aus, wie Du Dir das vorgestellt oder vielleicht erhofft hast?
HERR KUMM: Ja. (lacht)

MS: Vielen Dank für diese erschöpfende Äußerung Herr Kumm! (allgemeines Gelächter)
Worauf sollte man denn Deiner Einschätzung nach während der Ausbildungszeit – sei es Uni oder Klinik – besonders achten?
HERR KUMM: Möglichst viel Motivation in die Klinik und spätere Arbeit zu retten. Es gibt wirklich wenige Studienfächer und – Gebiete, bei denen man mehr sinnloses Zeug stumpf auswendig lernen muss! Davon nicht abschrecken lassen!

MS: Wie siehst Du die Weiterbildungsmöglichkeiten in Deinem Fachgebiet?
HERR KUMM: Recht unbegrenzt. Im letzten Jahrzehnt sind in wirklich nur sehr wenigen Disziplinen soviel Neuerung zu verspüren, wie in der Psychiatrie. Der Altersstruktur wegen ist davon auszugehen, dass nahezu jeder zweite über 80-jährige dement wird. Durch Multiinfarktdemenzen, bei steigender Inzidenz von cerebrovaren Zwischenfällen, sind immer mehr Menschen Pflegestufe III. Ob bei der Vulnerabilität der Nervenzellen Hypoxie wie z.B. bei Diabetes mellitus, Nikotinmissbrauch oder einer Stoffwechselstörung des Gehirns wegen Schizophrenie, Depressionen etc. zugrunde liegt, muss verstanden und behandelt werden – u.a. durch Änderung der Lebensgewohnheiten und dem Erlangen des Verständnis der eigenen psychischen Störung. In den Medien vergehen zudem nur wenige Tage, bis wieder ein neues Forschungsergebnis gezeigt wird, das die Behandlung und Genese schwerer Erkrankungen betrifft.

MS: Stefan…wir danken Dir sehr für das informative Gespräch und wünschen Dir noch viel Spaß und Erfolg bei Deiner Arbeit!

Allgemeine Informationen:

Ausrichtungen/
Schwerpunkte der Ausbildung

Erwerb von Kenntnissen und Fertigkeiten in:

  • der psychiatrischen Anamnese und Befunderhebung
  • der allgemeinen und speziellen Psychopathologie
  • psychodiagnostischen Testverfahren
  • den Entstehungsbedingungen, Verlaufsformen und der Behandlung psychischer Erkrankungen und Störungen
  • Krankheitsverhütung, Früherkennung, Rückfallverhütung und Verhütung unerwünschter Therapieeffekte (primäre, sekundäre, tertiäre und quartäre Prävention) unter Einbeziehung von Familienberatung, Krisenintervention, Sucht- und Suizidprophylaxe
  • Erkennung und Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter
  • der Erkennung und Behandlung von Suchterkrankungen einschließlich Intoxikationen und Entgiftungen, Motivationsbehandlung und Substitutionstherapie bei Opiatabhängigkeit sowie Indikationsstellung zur Langzeitbehandlung
  • der praktischen Anwendung von wissenschaftlich anerkannten Psychotherapie-Verfahren

Aufbau der Ausbildung 60 Monate bei einem Weiterbildungsbefugten an einer Weiterbildungsstätte – davon:

  • 24 Monate in der stationären psychiatrischen und psychotherapeutischen Patientenversorgung und
  • mind. 12 Monate in der Neurologie

Dauer der Ausbildung 5 Jahre
Arbeitsplätze/ Arbeitgeber

  • Kliniken
  • Praxen
  • Wissenschaftliche Institute
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Allgemein

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