Antibiotika beim Apoplex

29. September 2006
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Der Schlaganfall, eine Infektionskrankheit? Nicht wirklich. Aber trotzdem haben Keime beim Schlaganfall ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. So gewichtig, dass Berliner Ärzte jetzt prophylaktisch Antibiotika geben, um mehr Schlaganfallpatienten das Leben zu retten.

Nur wenige der 165.000 Menschen, die gemäß den Zahlen der Schlaganfallregister in Deutschland pro Jahreinen Schlaganfall erleiden, sind sofort tot. Aber die Aussichten nacheinem Schlaganfall sind alles andere als rosig: Vier von zehn Patientensterben innerhalb eines Jahres, die allermeisten davon in den erstenvier Wochen. Von denen, die es schaffen, sind 15 Prozent so schwerbehindert, dass sie schließlich ins Pflegeheim kommen.

Immunologisch gesehen geht ein Schlaganfall auf die Lunge

Es sind dabei längst nicht immer das Gehirn beziehungsweise dieverschlossenen Gehirngefäße, die unmittelbar zum Tod führen: “DreißigProzent all jener, die in den ersten dreißig Tagen nach einemSchlaganfall sterben, sterben an den Folgen einer Pneumonie”, sagtAndreas Meisel, Neurologe an der CharitéBerlin. Intuitiv haben Medizin sich dieses im Prinzipbekannte Problem bisher damit erklärt, dass Schlaganfallpatienten dazuneigen, zu aspirieren. Das wiederum könnte die Grundlage vonAspirationspneumonien sein, die letztlich den fatalen Ausgangverursachen. “Nicht grundsätzlich falsch”, meint Meisel, der auf demDeutschen Ärztekongress in Berlin einen Vortrag zum Thema hielt. Nichtfalsch, aber doch grob unvollständig. Denn zumindest am Mausmodellkonnten Meisel und seine Kollegen zeigen, dass Tiere nach einem akutenVerschluss von Hirnarterien sehr viel leichter eineAspirationspneumonie entwickelten als gesunde Tiere. Zum Teil reichteneinige wenige aspirierte Keime aus, während bei den gesunden Tierenzehntausende davon nötig waren, um überhaupt irgendeinepneumonieähnliche Situation hervorzurufen. “Es gibt ganz offensichtlicheine schlaganfallspezifische Verringerung der Immunkompetenz, die beianderen schweren Erkrankungen so nicht auftritt”, lautet MeiselsInterpretation der Beobachtungen.

Das Problem scheint bei den Monozyten zu liegen

Aber gilt das auch für den Menschen? Die Berliner Ärzte zumindest sinddieser Auffassung. Sie haben deswegen eine Studie aufgesetzt, derenerste Ergebnisse jetzt vorliegen. In der Pantheris-Studie konnten sie bei achtzigSchlaganfallpatienten ganz ähnliche Veränderungen am Immunsystemnachweisen, wie sie auch bei Mäusen zu beobachten waren. Innerhalbkurzer Zeit entwickelte sich eine ausgeprägte Lymphopenie und spezielleine Fehlfunktion der Monozyten. Monozyten sind jene Zellen , die imRahmen der spezifischen Abwehr Funktionen bei der Antigenpräsentationhaben und unspezifisch als Gewebemakrophagen obendrein für diePhagozytose zuständig sind.
Richtig spannend aber sind die klinischen Ergebnisse derPantheris-Studie. Es wurden nämlich nicht nur Zellen betrachtet,sondern es wurde auch echte Medizin gemacht. Nach Randomisierungerhielten jeweils vierzig Patienten entweder die nach einemSchlaganfall auf den Stroke Units der Charité üblicheStandardbehandlung oder aber zusätzlich prophylaktisch einAntibiotikum, in diesem Fall 400 Milligramm Moxifloxazin pro Tag.Natürlich erhielten auch die Patienten in der KontrollgruppeAntibiotika, sobald sich Infektionen andeuteten, aber eben erst dann,und nicht schon prophylaktisch von Anfang an.

Schützt der Schutz vor Pneumonie auch vor dem Tod?

Das Resultat war so eindrucksvoll, dass auf die Pantheris-Studie, einePhase II-Studie, schon bald eine echte Phase III-Studie folgen soll.Innerhalb der ersten elf Tage nach dem Schlaganfall entwickelte jederfünfte Patient in der Placebogruppe eine Pneumonie. Bei den Patienten,die Moxifloxazin erhalten hatten, waren es zwei Drittel weniger. Ob diePatienten eine Pneumonie entwickelten oder nicht, war für dieSterblichkeit der wesentliche Faktor: “55 Prozent der Patienten, dieeine frühe Pneumonie entwickelten, starben in den ersten sechsMonaten”, so Meisel in Berlin. Bei den Patienten, bei denen keinePneumonien auftraten, waren es dagegen nur etwa zwanzig Prozent.Statistisch gesehen war dieser Unterschied hoch signifikant. Trotz dervielversprechenden Ergebnisse möchten sich die Berliner zum jetzigenZeitpunkt aber noch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, nicht bevordie Ergebnisse der Phase III-Studie vorlegen. “Was wir versuchen, istin keiner Weise schon medizinischer Standard”, so Meisel mit Nachdruck.

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