Zähneklappern und Heulen

13. Oktober 2006
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"Gejammer" über McZahn versteht Werner Brandenbusch nicht. Schließlich, findet der Vorstandsvorsitzende und Gründer der Dental-Discounter AG, entlaste das Konzept die Geldbörse der Verbraucher. Ein zu Unrecht gescholtener Gutmensch? Oder McZahn als Trend zur Ent-Medizinisierung? DocCheck fragte Kritiker und Fürsprecher.

Zur Erinnerung: Das McZahn-Konzept

Franchising in der Wirtschaft ist bekannt, in der Zahnmedizin istdieses Geschäftsmodell bislang nicht sonderlich verbreitet: EinFranchise-Geber, die McZahn AGvergibt eine Lizenz an einen Zahnarzt – als erster wagte der KrefelderZahnarzt Oliver Desch das Experiment – dieser erhält im Gegenzug einekomplett eingerichtete Praxis im Corporate Design (McZahn Logo) undvertreibt Produkte und Dienstleistungen im Sinne des Franchise-Gebers(Zahnersatz, optional aus China). Bei allen Franchise-Nehmern herrschendie gleichen Arbeitsbedingungen (bei McZahn von 7 bis 21 Uhr), dieMitarbeiter werden geschult und erhalten einheitliche Kleidung (McZahnT-Shirts). Der Franchise-Nehmer hat zu Beginn eine Franchise-Gebühr zuzahlen (bei McZahn 35.000 Euro). Läuft der Laden, kann derFranchise-Geber weitere Filialen öffnen. Brandenbusch plant bis 2009mehrere hundert Praxen deutschlandweit. Das Lockelement amMcZahn-Konzept: Der Patient soll “Zahnersatz zum Nulltarif” erhalten -zumindest bei Regelleistungen. Bestellt er eine Standardkrone, wirddiese günstig in China gefertigt, so dass der befundorientierteZuschuss der Krankenkasse zum Zahnersatz ausreichen soll, um alleKosten zu decken. Der Patient ist fein raus, denn er zahlt nicht hinzu.

Die Skeptiker: “Gewisses Grummeln im Brauch”

“Grundsätzlich sehen wir die Entwicklung zwar gelassen”, räumt Dr.Reiner Kern gegenüber DocCheck ein. Allerdings enthält derMustervertrag, den Zahnärzte als Franchise-Nehmer von McZahn zuunterschreiben haben, auch “kritische Elemente”, so der Sprecher der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung(KZBV). Der Kern des Anstoßes: gemäß der Musterberufsordnung muss einZahnarzt frei selbständig tätig sein können, auch als Franchise-Nehmer.Diese Selbständigkeit erlaube der Mustervertrag dem Zahnarzt jedoch nurbedingt. Hiernach hat der Zahnarzt im vierten Jahr 45 Prozent desUmsatzes an die McZahn AG abzuführen. Diese Vorschrift, befürchtet dieKZBV, führe zu einer “Mengenideologie” des Zahnarztes, sprich: je mehran den “Kunden Patient verkauft” wird, desto besser. Bei diesenKonditionen überwiegend Behandlung zum Nulltarif anzubieten – denPatienten also nicht von der teureren Variante überzeugen zu wollen -hält Kern für schwierig. “Da hab ich doch ein gewisses Grummeln imBauch.”

Das hat auch Dr. Dietmar Oesterreich. Der Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer(BZÄK) erklärt, dass Franchise-Konzepte entsprechend der Berufsordnungzwar durchaus eine Form der gemeinsamen Berufsausübung sein können,aber die Eigenverantwortlichkeit und medizinische Unabhängigkeit nichtbeeinträchtigt sein darf. Die hohe Umsatzbeteiligung der McZahn AG”könnte den Zahnarzt aber in allen Bereichen knebeln”. Schließlich habeder Arzt nicht nur diesen Umsatz zu entrichten, sondern auch die 35.000Euro für die Praxisübernahme zuzüglich der laufendenbetriebswirtschaftlichen Kosten. Daher sei das Versprechen, “zumNulltarif” zu behandeln, nur in seltenen Fällen zu halten. “Ich gehedavon aus, da von Mischkalkulation gesprochen wurde,dass nur einkleiner Teil der Leistungen echte Regelleistungen sein werden”, glaubtOesterreich. Der Patient laufe durch den immensen Kostendruck Gefahr,zu wenig beraten zu werden.

Die Kritiker: “Wir leiden unter einem moralischen Defizit”

Solche ökonomischen Zwänge, urteilt Dr. Celina Schätze, führten zum”falschen Verständnis von zahnmedizinischer Behandlung”. “Ich werfeallen Zahnärzten, die sich auf das McZahn-Konzept einlassen, einmoralisches Defizit vor”, kritisiert die stellvertretende Vorsitzendedes Deutschen Arbeitskreises für Zahnheilkunde(DAZ). Schätze ist fest davon überzeugt, dass der explodierende Druckauf die Zahnärzte den Betreuungsgedanken mehr und mehr ausblendet, die”End-Medizinisierung” ihren Lauf nimmt. Um diesem Trend wenigstensetwas entgegenzusetzen, setzt der DAZ auf Qualitätssicherung.Entspricht eine Praxis am Patienten orientierten Anforderungen, erhältsie vom DAZ ein Qualitätssiegel.

Die Fürsprecher: “Wir brauchen Leute, die Märkte aufbrechen”

Prof. Dr. oec. Volker Amelung betrachtet das McZahn-Konzept durch dieBrille eines Ökonomen. Auf dem “Gesundheitsmarkt”, so der Professor fürGesundheitssystemforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover,werden unterschiedliche Angebote nachgefragt, also bedürfe es auchunterschiedlicher Strukturen. Sobald etwas Neues auf den Markt käme,entstünden – wie im Fall DocMorris – Scheingefechte, bei denen esletztlich um Besitzstandwahrung ginge. Dabei “brauchen wir Leute, dieMärkte aufbrechen”, findet das Vorstandsmitglied im BundesverbandManaged Care. Zudem sei Franchise ein gutes Instrument, um dieWahlentscheidung von Patienten zu beeinflussen.
Den Vorwurf, der Arzt stehe bei McZahn unter einem erheblichenökonomischen Druck, da er – dem Mustervertrag zufolge – einen großenBatzen seines Umsatzes an die McZahn AG zu zahlen hat, hält Amelung fürein “Schreckgespenst”. Schließlich stehe der Zahnarzt als Freiberuflerauch mit eigener Praxis unter ökonomischem Druck. Nicht zuletzt kann erden “ethischen Zeigefinger”, der von vielen erhoben wird, nichtnachvollziehen. Es sei doch gerade ethisch, wenn McZahn auch nichtvermögenden Bevölkerungsschichten Zahnersatz ermögliche, ohne zuzahlenzu müssen.

Der McZahn-Vorstand: “Arbeitslose Zahntechniker gab es auch vor uns”

Das findet auch Brandenbusch – deshalb findet der Unternehmer die ganzeAufregung um seine Geschäftsidee überflüssig. Er hält viele Zahnärztefür scheinheilig, deren Standesorganisationen ebenso. Nach außen hinübten sie Kritik. Hintenrum meldeten viele Interesse an. Allein ausBerlin gebe es 51 Anfragen von dortigen Zahnärzten, von Patientenseitean die 800. Die erste Filiale in Krefeld, die Ende September öffnete,sei bis Ende März 2007 ausgebucht. Auch der Wirbel um dieUmsatzbeteiligung lässt den Unternehmer kalt. Schließlich blieben 55Prozent beim Betreiber, “in regulären Zahnarztpraxen sind das nachAngaben der KZBV nur 29 bis 33 Prozent”, sagt Brandenbusch gegenüberDocCheck.
Was die Kritik der Zahntechniker betrifft, die sich durch dieVerlagerung der Produktion ins Ausland bedroht fühlen (und auchBrandenbusch bedrohen), schüttelt der McZahn Vorstandsvorsitzende nurverständnislos den Kopf: “Es gibt 22.000 arbeitslose Zahntechniker. Diegab es auch schon vor McZahn.”

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Zahnmedizin

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