Rückschlag für Fischköpfe

20. Oktober 2006
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Gerne gekauft, hoch gelobt: Präparate, die Omega-3-Fettsäuren enthalten, gehen flott und viel über den Apothekentresen. Doch die Zweifel am breiten Nutzen der Fischpräparate wachsen. Die Studiendaten sind nicht eindeutig. Und die Experten zoffen sich.

So einfach lassen sich die Fische nicht das Wasser abgraben: “In derGesamtschau deutet die verfügbare Evidenz auf eine sehr wichtige Rolleder Omega-3-Fettsäuren aus Fischöl in der kardiovaskulärenSekundärprävention”, polterte Professor Terry Jacobson von derMedizinischen Hochschule in Atlanta im US_Bundesstaat Georgia kürzlichin der Fachzeitschrift American Journal of Cardiology. Es sprecheviel dafür, dass diese Variante der ungesättigten Fettsäuren sowohlgünstig auf den Herzrhythmus als auch stabilisierend aufarteriosklerotische Plaques wirke.

Irgendwas an der Fischhypothese ist faul.

Jacobson ritt seine Attacke nicht ohne Anlass: Den von einigen schonfast als Schlüssel zur Unsterblichkeit gehandelten Omega-3-Fettsäuren,wichtiger Bestandteil von Fischöl, bläst seit einiger Zeit ein kühlerSeewind ins Gesicht. Zweifel am Nutzen werden längst nicht mehr nurhinter vorgehaltener Hand artikuliert. Die Debatte ist nicht nurmedizinisch, sondern auch kommerziell relevant. Weil im 21. Jahrhundertniemand mehr Lebertran schlürfen möchte, haben die Hersteller vonNahrungsergänzungspräparaten eine ganze Batterie von nicht ganzpreisgünstigen Fischölkapseln auf den Markt geworfen. Sie wandern unteranderem in Apotheken munter über den Tresen. Das Problem: Diekardiovaskuläre Sekundärprävention, also die Einnahme nach einemHerzinfarkt, ist dabei längst nicht das zentrale Thema. In derkommerziellen Realität werden Eicosapentaensäure- undDocosapentaensäure-Präparate zum Jungbrunnen stilisiert, ob mit oderohne vorgeschädigtem Herzen, ob mit oder ohne kardiovaskulärenRisikofaktoren.

Der wissenschaftlich am besten untermauerte Rundumschlag gegen dieOmega-3-Fettsäuren hat diese verschiedenen Szenarien deswegen auchnicht getrennt behandelt. Der Epidemiologe Lee Hooper von der AbteilungHealth Policy and Practice der medizinischen Hochschule in Norwich,England, hat in seiner Metaanalyse, die er im British MedicalJournal publizierte, immerhin 89 Studien mitFischölpräparaten berücksichtigt. Darunter waren 48randomisiert-kontrollierte Studien und 41 Kohortenstudien. Jede Studiehatte eine Behandlungs- und eine Kontrollgruppe und untersuchte dieEinnahme von Omega-3-Fettsäuren über mindestens sechs Monate. In dengepoolten Daten zeigte sich kein Einfluss dieser Präventivstrategie aufdie Gesamtmortalität oder auf das Auftreten von kardiovaskulärenEreignissen. Auch wenn die besonders langkettigen Omega-3-Fettsäurenseparat ausgewertet wurden, gab es keinen Effekt auf Sterblichkeit undkardiovaskuläre Ereignisse.

Nach Herzinfarkt gilt der Nutzen von Fischöl als ziemlich sicher.

Kritikern wie dem Amerikaner Jacobson ist diese Metaanalyse viel zuundifferenziert. Sie verweisen auf Studien wie die schon legendäreGISSI-prevenzione, an der über 11.000 Patienten nach einemMyokardinfarkt teilgenommen hatten. Durch Einnahme einer Mischung ausEicosa- und Docosapetaen-Säure zusätzlich zur üblichen Behandlungkonnte die Sterblichkeit signifikant gesenkt werden, vor allem weilsich die Zahl plötzlicher Herztode fast halbierte. Dies könnte auf eineden Herzrhythmus stabilisierende Wirkung der Fettsäuren hindeuten.Trotz GISSI-prevenzione allerdings fiel Hookers Metaanalyse negativaus. Das lag im Wesentlichen an einer anderen Studie, die von der British HeartFoundation unterstützt und im European Journal of Clinical Nutritionpubliziert wurde. 3114 Männer mit Angina pectoris -Symptomatik erhieltenhier zusätzlich zur regulären Behandlung entweder Standardkost oderaber eine Fischdiät beziehungsweise Fischölkapseln – mit erschreckendemErgebnis. Die kardiale Sterblichkeit in den Fischgruppen war umsignifikante 26 Prozent, die Gefahr eines plötzlichen Herztodes sogarum hochsignifikante 54 Prozent erhöht.

Zu viele Fische verderben die Statistik.

Könnte es also sein, dass Omega-3-Fettsäuren Patienten nach einemHerzinfarkt nutzen, weil sie deren Herzrhythmus stabilisieren, nichtaber Menschen, die nur Angina pectoris-Symptomatik haben? Und dass siebei diesen sogar, so paradox es klingen mag, Rhythmusstörungenauslösen? Die Frage wurde auch durch die bislang letzte großeprospektive Studie nicht befriedigend beantwortet. Bei der in Japanangesiedelten und bisher noch nicht publizierten JELIS-Studie erhieltenüber 18.000 Japaner mit hohen Cholesterinwerten zusätzlich zu einemCholesterinsenker Eicosapentaensäure. Die Rate kardialer Ereignisseließ sich dadurch von 3,5 auf 2,8 Prozent, also um signifikante 19Prozent, reduzieren. Aber: Die Signifikanz wurde vor allem deswegenerreicht, weil die Patienten mit koronarer Herzerkrankung profitierten,nicht jedoch jene ohne bekanntes Herzleiden. Ergo: Wer ohne bekanntesHerzleiden massenweise Fischöl, in welcher Darreichungsform auch immer,in sich hinein wirft, kann sich derzeit nicht auf die medizinischeWissenschaft berufen. Er könnte seiner Gesundheit unter Umständen sogareinen Bärendienst erweisen. Wer dasselbe nach einem Herzinfarkt tut,hat dagegen gute Argumente auf seiner Seite. Die Differenzialbegründungfür dieses Tohuwabohu muss die Forschung erst noch liefern.

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