Opa im Goldfischglas

3. November 2006
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Was machen wir nur mit den ganzen Babyboomern, wenn sie mal alt werden? Wir packen sie in ein durchgestyltes Wohnprojekt und beobachten sie per Internet. "Smarter Living", heißt das Stichwort. Wie das geht, macht ein Altenheim an der Westküste der USA vor. Dort gibt es mehr Bewegungssensoren als Bewohner.

Spätestens seit FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher seine Midlife-Krisepublikumswirksam in Büchern auslebt, hat auch der letzte Babyboomerbegriffen, dass er irgendwann mal alt wird. Was hier auf dieGesellschaft zukommt, ist die erste deutsche Rentnergeneration, diemehrheitlich an ein komfortables Leben mit allen möglichen Gadgetsgewöhnt ist. Es ist ferner eine Generation, in der zumindest sehr vieleMenschen sehr viel Kleingeld haben. Sie sollten damit in der Lage sein,ihr vertrautes Wohnumfeld so weit den sich ändernden Bedürfnissenanzupassen, dass es auch dann eine Alternative zum Pflegeheimdarstellt, wenn keine Großfamilie in der unmittelbaren Nachbarschaftwohnt.

“Alles in Ordnung. Omi macht gerade ihren Spaziergang mit Hubert.”

Wieso etwas aussehen kann, davon berichtete die aus Nürnberg in die USAemigrierte Lydia Lundberg, Chefin des Unternehmens Elite CareTechnologies, kürzlich in Berlin auf der Messe eHome 2006. Was Lundberg und ihr Mann an derUS-Westküste in der Nähe von Portland/Oregon unter dem Namen OatfieldEstates aufgebaut haben, ist kein Pflegeheim im eigentlichenSinne, sondern eine großzügig angelegte und natürlich nicht ganzbillige Seniorenresidenz, in der die Bewohner weitgehend autonom lebenkönnen. Über tausend Bewegungssensoren überwachen das Gelände, und zwarnicht nur in den Gemeinschaftsräumen und Parkanlagen, sondern auch inden Appartements. Jeder Bewohner ist mit einem individuellen Funkchipausgerüstet, so dass das Pflegepersonal in der Überwachungszentralejederzeit weiß, wo sich die einzelnen Bewohner gerade befinden. DieÜberwachung geht bis ins Schlafzimmer hinein: So sind beispielsweisedie Matratzen mit Sensoren ausgestattet, die mitteilen, wann derjeweilige Bewohner das Bett verlässt beziehungsweise aus dem Bettfällt. Bei Menschen, die zum Beispiel aufgrund einer Demenz besondersgerne weglaufen, können Alarmfunktionen aktiviert werden, dieanspringen, sobald sich die Person einem der Ausgänge der Parkanlagenähert. Schlimmstenfalls sprintet ein Pfleger dann los und sieht nachdem Rechten.
Das ist noch lange nicht alles. Mit Einverständnis der Bewohner könnensich die Angehörigen in Oatfield Estates nämlich über ein Familienportalper Internet in die Anlageeinwählen. “Dank Funkchip können die Familienmitglieder so aufGrundrissen in jedem Augenblick nachsehen, wo sich ihr Angehörigergerade befindet”, erläuterte Lundberg. Fragt sich nur, ob diese Formder Anteilnahme Opas Herz genau so erwärmt, wie ein Spaziergang mit denEnkeln.

Skeptikern erklärt sie diesesWerkzeug auch per Videostream. Egal ob Mittagessen,Nachmittagspaziergang oder Nickerchen, wer will, kann von seinemArbeitsplatz oder von zuhause aus per Internet live an Omis oder OpasLeben teilhaben. Lundberg gibt durchaus zu, dass das ein etwasgewöhnungsbedürftiger Gedanke ist. Aber das Angebot wird genutzt: “Wirhaben Angehörige in Florida und sogar in Neuseeland, für die ist dasideal.” Wenn die Großfamilie nicht mehr im gemeinschaftlichen Anwesenlebt, sondern über die ganze Welt verstreut ist, dann findetFamilienleben im 21. Jahrhundert eben im Internet statt.

IT-Anbieter und Wohnungswirtschaft wittern Morgenluft

Nun isteine Seniorenresidenz, und sei sie noch so schick, für viele nur diezweitbeste Lösung. Viel attraktiver könnte es sein, wenn die ganzeTechnik so ins vertraute Heim transportiert wird, dass der Babyboomerdort bleiben kann, auch wenn Kopf und Körper nicht mehr ganz so wollen.Genau das versucht das Fachgebiet “Smart Living” zu erreichen, dessenAnhänger sich irgendwo im Grenzbereich zwischen Medizin, Architekturund Ingenieurswesen tummeln. Das Ziel: Die Wohnung oder das Haus sollmit Hilfe von moderner Kommunikationstechnik altengerecht gemachtwerden. Das beinhaltet Angebote zur medizinischen Überwachung, genausoaber Dienste und Systeme, die Unfälle verhindern, im Bedarfsfall Hilfeorganisieren oder einfach nur das Leben leichter machen. “Wir stellenuns dabei eine Mischkalkulation vor, bei der Kosten für dieintelligente Haustechnik über die Miete abgerechnet werden und Kostenfür Telemetrie über Pflegekassen und Krankenkassen. Dazu könnte es dannnoch eine Selbstbeteiligung geben”, sagt Rainer Beckers vom Zentrum für Telematik imGesundheitswesen (ztg). Das ztg rüstet zusammen mit derCaritas und mit IT-Unternehmen gerade 16 Wohnungen in Essenentsprechend aus. Im Angesicht der vollen Taschen derBabyboomer-Generation wittert die Industrie Morgenluft und investiertkräftig in die Forschung. So hat das Unternehmen Philips Ende Oktobersein CareLab in Eindhoven eröffnet. DieBandbreite reicht von telemedizinischer Betreuung per Fernseher überVerpflegung auf Knopfdruck bis hin zu Notrufsystemen. Auch diesseitsdes Rheins entsteht gerade ein Hausprojekt für die künftigenGenerationen 70 plus. In Duisburg gibt die Fraunhofer-Gesellschaftdemnächst den Startschuss für das über 3500 Quadratmeter große inHaus-2. Dem Babyboomer kann geholfenwerden.

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