Samenspender aus dem Internet

3. November 2006
Teilen

Sie zählt zu den weltweit renommiertesten Online-Adressen, doch kaum ein Laie hat von ihr gehört. Wer sich als Frau im Internet bei der seit 1982 existierenden "Sperm Bank of California " umsieht, sucht keine Möglichkeit der Geldanlage, sondern die geeigneten Spermien für den ersehnten Nachwuchs - aus dem Internet.

Das in New York angesiedelte Reproduktionsmedizin-Unternehmen ist keinEinzelfall, wenn es um den Online-Handel mit Spermienzellen geht. Galtdas Internet bisher als Oase für den schnellen Online-Sex, mausert essich nun zum Medium der Wahl für all jene, die “auf der Suche nach Sperma”sind, wie das angesehene Web-Kultmagazin “Wired ” konstatierte. Rund 200Dollar pro Charge Sperma berappen die Käuferinnen und Käufer vorab,zehn und mehr Sperma-gefüllte Röhrchen sind oft nötig, um endlich zumWunschkind zu gelangen. Wie groß der globale Bedarf an net-erkauftemSamen wirklich ist, weiß niemand. Die Erfolge indes sind spektakulär.

Männer unerwünscht

In Großbritannien beispielsweise sorgte im Sommer 2003 einlesbisches Paar für Aufsehen, als es Nachwuchs bekam. Die Frauen hattensich über das Internet bei ManNotIncluded.com den geeignetenSamenspender ausgesucht. Alles weitere erfolgtemedizinisch-technisch-emotionslos. Mit Hilfe des so genannten homeinsemination kit nahmen die Frauen die Befruchtung zu Hause selber vor.Unternehmen wie ManNotIncluded.com setzen vor allem auf daswirtschaftliche Potenzial ihrer Klientinnen. Alleinstehende oderlesbische Frauen, die sich Kinder wünschen, sind bereit, für diese Artder Befruchtung gut zu bezahlen. Rund 1800 Euro kostete die Suche undder Bezug der ersehnten Fracht beim britischen Online-Samenhändler.Allerdings bleibt das Geschäft riskant. Im Dezember 2004 musste diegeschockte Online-Community erfahren, dass ManNotIncluded pleite war.In den Kassen des Unternehmens klaffte eine Lücke von mehr als 300.000britischen Pfund.

Doch das große Bizz geht trotz solcher Rückschläge ungebremst weiter,auch in Deutschland. Rund zwei Millionen ungewollt Kinderlose lebenhierzulande, die meisten davon gehören zur Generation Web: Sie sind mitden Weiten und Möglichkeiten des Internets bestens vertraut, eine Scheuvor dem Spender aus dem Netz der Netze existiert kaum.

Online suchen, online finden

Hinzu kommt: Das Prinzip der Samenbeschaffung aus dem Web istdenkbar einfach. Die reproduktionsmedizinischen Online-Shops stellenihren Kunden Listen mit anonymisierten Daten verschiedener Spender zurVerfügung. Ausschließlich positive Eigenschaften der Spender stechenhervor – und suggerieren auf diese Weise eine potenzielle Unfehlbarkeitdes kommenden Nachwuchses. So erfährt die Mutter in spe bei einem deramerikanischen Anbieter, dass ein Donor im April 1974 das Licht derWelt erblickte und bereits heute über einen Doktortitel verfügt.Angaben über Augen-, Haut-, und Haarfarbe sind ebenso online abrufbarwie Informationen über die ausgeübte Religion oder die ethnischeHerkunft des Spenders. Zudem garantieren genetische Untersuchungen desSamenguts dessen medizinische Unbedenklichkeit. Schwere, meist erblichbedingte Erkrankungen lassen sich somit von Anfang an ausschließen,behaupten die Händler.

Ist die Entscheidung für den “optimalen” Spender gefällt, kommt dasOnline-Rad ins Rollen. Die Angabe einer gültigen Kreditkartennummer und- je nach Land – eines Arztes als Kontaktperson ermöglicht dasEintreffen der Nachwuchs-versprechenden Fracht. In eigens dazuhergestellten Thermosbehältern und bei rund 170 Grad unter Nulltiefgekühlt gelangen die Sperma-Röhrchen ans Ziel, mitunter überKurierdienste versandt, wie eine US-Samenbank betont. Zwischen zehn und20 Millionen aktiver Spermien warten dann darauf, ihren Weg zur Eizelleder Kundin zu finden. Eine davon wird es vielleicht schaffen, diese zubefruchten. Nur wie?

Hierzu muss die Flüssigkeit lediglich aufgetaut und auf eine nadelfreieKunststoffspritze aufgezogen werden. Nach Ansicht der amerikanischenSelbsthilfeorganisation “FertilityPlus ” reicht die Einführung derSpritze in die Vagina aus, um schwanger zu werden. Weil die Erfolgsratetrotz Spermien “erster Wahl” lediglich bei rund 15 Prozent liegt, ratendie Expertinnen zur Masturbation. Ein während der Samenübertragungausgelöster, heftiger Orgasmus erhöhe dieBefruchtungs-Wahrscheinlichkeit deutlich, da die kontrahierendeGebärmutter mehr Spermienzellen “ansaugen” kann.

Rechtliche Hürden in Deutschland

Ganz so freizügig wie jenseits des Atlantiks läuft es hierzulande nicht – aus juristischen Gründen.

In Deutschland regeln nämlich gleich zwei Werke – dasEmbryonenschutzgesetz in seiner Fassung von 1991 und die Richtliniender Bundesärztekammer – praktisch alle Belange zur künstlichenBefruchtung. Während das Embryonenschutzgesetz die strafrechtlichenRegelungen beinhaltet, legen die Richtlinien der Bundesärztekammerfest, über welche Qualifikationen der ausführende Arzt verfügen muss -es handelt sich also um eine standesrechtliche Regelung. Das aberbedeutet auch: Wer gegen diese Regelungen verstößt, wird vor allem alsArzt strafrechtlich belangt. Eltern mit Kinderwunsch hingegen können,so die Überlegungen des Gesetzgebers, die Richtlinien nicht kennen. DerArzt muss demnach hierzulande nicht nur für die medizinische Umsetzungsorgen, er ist sogar verpflichtet, zu beraten.

Wie komplex die Lage ist, zeigt das Beispiel der In-vitro-Fertilisation(IVF). Laut Embryonenschutzgesetz können auch unverheiratete Paarediese Methode nutzen, um ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Doch dieBundesärztekammer spricht sich dagegen aus. Aus dieser Zwickmühle kannsich der Arzt nur befreien, indem er den Fall bei der Ärztekammer voneiner eingerichteten Kommission beraten lässt. Nur wenn Arzt undKommission erkennen, dass das Paar in einer stabilen Lebensgemeinschaftlebt, kommt es zur IVF.

Beim Samenspender aus dem Internet sieht es wiederum ganzanders aus. In diesem Fall der Insemination mit einem fremden Sperma(heterologe künstliche Befruchtung) muss in erster Linie dasAnonymitätsgebot gewahrt bleiben. Auf der anderen Seite tendiert dieRechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes zu einemAnonymitätsverbot des Samenspenders. Richtig durchblicken vermag hierkaum ein deutscher Arzt – und noch weniger die angehenden Mütter. Klardefiniert jedoch sind andere Aspekte. So dürfen die Samenzellen Verstorbener nicht zum Einsatz kommen, ebenso verboten ist dieSelektion der Samenzellen nach Geschlecht. Auch die gezielte genetischeAuswahl der Samen bleibt in Deutschland untersagt.

Doch den komplizierten Vorgaben dürften die meisten deutschen Frauenentgehen, indem sie beispielsweise in die Niederlande reisen. Dortkönnen sie sich das online bestellte Samengut völlig legal undunabhängig vom ehelichen Status einführen lassen – oder es einfachselbst tun. Noch mehr Möglichkeiten bietet womöglich dieOnline-Suche während eines USA-Besuchs. Denn in SachenOnline-Samenspender bleibt Amerika das Land der unbegrenztenMöglichkeiten: Dort können Kunden nicht nur die Stimme des Spenders ausdem Internet downloaden und anschließend abhören. Auch ein beigefügtesBabyfoto des gläsernen Samendonors lässt werdende Eltern vermuten, wieder potenzielle Nachwuchs aussehen könnte – falls er dem Netz-Papaähnelt.

3 Wertungen (3.33 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

Copyright © 2016 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: