Orthopäden als Blutsauger

9. November 2006
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Raus aus den Dämmerstuben der alternativen Heilkunst und rein in den Kanon der Schulmedizin? Mit Eigenblut und Kügelchen machen plötzlich auch gestandene Orthopäden auf sich aufmerksam. Um Gelenke zu schützen, wird der Schulmediziner zum Vampir.

“Blut ist ein besonderer Saft”: Was Graf Dracula schon immer wusste,ist plötzlich Thema in der Orthopädenzunft. Hintergrund ist eineErkrankung, die Medizinern und Gesundheitsökonomen angesichts dersteigenden Lebenserwartung immer mehr Kopfzerbrechen bereitet, nämlichdie Arthrose. Daten aus der neuesten Ausgabe derGesundheitsberichterstattung des Bundes belegen das. “25,2 MilliardenEuro im Jahr kosten chronische muskuloskelettale Erkrankungen dieKostenträger”, sagt Dr. Carsten Dreinhöfer von der Universität Ulm. DieZahl der Klinikbehandlungen wegen Erkrankungen aus diesem Formenkreisstieg seit Mitte der neunziger Jahre um vierzig Prozent an. Insgesamtnahmen die Klinikbehandlungen dagegen nur um 18 Prozent zu. Rund dieHälfte dieser Klinikaufenthalte entfällt auf Gelenkerkrankungen. Undhier stehen degenerative Gelenkerkrankungen und damit die Arthrose ganzvorn an.

Einfache Gleichung: Entzündungshemmung = Blut + Kügelchen

Die Therapie der Wahl bei Arthrose sind Schmerzmittel. Reichen dienicht mehr aus, folgt irgendwann ganz am Ende einer oft langenKrankheitskarriere zumindest an Knie- und Hüftgelenken derendoprothetische Gelenkersatz. Zwischen diesen beiden Extremen gibt eseine ganz Batterie von Verfahren, mit denenversucht wird, auf die geschundenen Gelenke Einfluss zu nehmen, denSchmerz zu lindern, die Funktion zu verbessern und eventuellstrukturelle Gelenkveränderungen aufzuhalten. Genauso bekannt wieumstritten ist beispielsweise die Viskosupplementation mitHyaluronsäure , die in Deutschland von der gesetzlichenKrankenversicherung in der Regel nicht erstattet wird. Andere Optionensind Kortisoninjektionen oder diverse Bestrahlungs- undBelichtungsverfahren. Wie gut die Evidenzbasis bei diesen Verfahrenist, hängt wesentlich davon ab, ob sich Orthopäden oder Rheumatologendazu äußern. Die Erfahrungen sind jedenfalls nicht so gut, dass nichtnach Alternativen gesucht würde. Anleihen beim Vampir nimmt dieInjektion von autologem, konditioniertem Serum, kurz ACS genannt. DasVerfahren wurde jetzt in einer dreiarmigen, randomisierten, placebo-und verumkontrollierten Studie untersucht, die von Orthopäden derUniversität Düsseldorf gemacht wurde. Wie der Name ACS schon sagt,kommt dabei autologes Serum, der Laie würde sagen Eigenblut, zumEinsatz. Das wird per venöser Blutentnahme gewonnen und dann mitklitzekleinen Glaskügelchen versetzt. Diese Kügelchen sollen die weißenBlutzellen in dem entnommenen Serum so sehr verwirren, dass sie währendeiner Inkubationsphase anfangen, körpereigene entzündungshemmendeZytokine, vor allem Interleukin 1, zu produzieren. Der stimulierteSerumcocktail wird dann zentrifugiert und das Serum (natürlich ohneGlaskügelchen) in das betroffene Gelenk injiziert, gewissermaßen einezwar autologe, aber deutlich heterotope Serumtransplantation.

Sieg nach Punkten gegen Placebo und Hyaluron

Dass diese ganze Sache ein wenig abenteuerlich klingt, gibt auchPrivatdozent Axel Baltzer vom Zentrum fürmolekulare Orthopädie in Düsseldorf zu. Er berichtetekürzlich auf dem Berliner Orthopädenkongress über die Ergebnisse der Studie. Insgesamt nahmen 399Patienten mit symptomatischer und in der Röntgenuntersuchungbestätigter Arthrose des Kniegelenks an der Untersuchung teil.Behandelt wurde entweder mit dem neuen ACS-Verfahren, mitintraartikulären Hyaluronsäureinjektionen oder mit Kochsalzinjektionen,also Placebo. “Die mit ACS therapierten Patienten zeigten nach sieben,13 und 26 Wochen die größte Verbesserung in den Scores fürGelenkschmerz, Funktion und Steifigkeit sowie die beste Lebensqualitätund Patientenzufriedenheit”, sagte Baltzer. So verringerten sichbeispielsweise bei 71 Prozent der Patienten die Schmerzen um mindestensdie Hälfte. Das waren etwa doppelt so viele wie in der Placebogruppe,aber auch etwa doppelt so viele wie in der Hyaluronsäuregruppe. “Dasswir zwischen Hyaluronsäure und Placebo keinen signifikanten Unterschiedfanden, hat uns selbst etwas überrascht”, sagte Baltzer.

In der Tat hat ein vor einigen Monaten publizierter Cochrane-Review der Hyaluronsäure eintendenziell positives Zeugnis ausgestellt. Es wurde jedoch bemängelt,dass es kaum Vergleichsstudien zwischen den diversen Präparaten gebe.Das wiederum könnte einem natürlich auch zu denken geben. DieDüsseldorfer Ärzte jedenfalls haben mit ihrer Studie zum ACS-Verfahrenjetzt erstmal Daten geschaffen, die günstig für ACS und ungünstig fürdie Viskosupplementation aussehen. In weiteren Studien soll jetztausgelotet werden, ob der therapeutische Vampir auch die Gelenkstrukturgünstig beeinflussen kann.

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