Die große Verdünnung

10. November 2006
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Da vielen Patienten die reine Schulmedizin nicht weiterhilft, versuchen sie es auf anderem Weg: über alternative und komplementäre Heilverfahren. Dabei werden oftmals nicht nur die Arzneimittel verdünnt, sondern auch die einzelnen Begriffe zur Unterscheidung verwässert. Die Frage, was von wem wie ausgeübt wird - und ob es hilft - sorgt für Verwirrung.

Eine bunte Mischung aus zusätzlichen Möglichkeiten

Von “anderer Medizin” ist häufig die Rede, wenn es um alternative und komplementäre Heilverfahren geht. Was damit gemeint ist, beschreibt Dr. Christian Ullmann in seinem Buch “Fakten zur anderen Medizin”: Der aus dem angelsächsischen stammende Oberbegriff “CAM” – Complementary and Alternative Medicine – umfasst dem Wissenschaftler zufolge eine “Anzahl von unterschiedlichen Systemen, Verfahren und Produkten der Medizin und der Gesundheitsvorsorge, die gegenwärtig nicht zur konventionellen Medizin gezählt werden”. Dabei meint alternativ all diejenigen Verfahren, die jemand anstelle der Schulmedizin einsetzt, komplementäre Verfahren dagegen werden begleitend zur Schulmedizin angewandt.

Was eigentlich ganz logisch klingt, sorgt in Deutschland dennoch “für völliges Chaos”, findet Autor Ullmann. Dazu führe nicht nur der “Pluralismus innerhalb der Medizin”, glaubt die Vorsitzende des Bayerischen Heilpraktikerverbands Ursula Hilperg-Mühlig. Unsicherheiten entstünden auch deshalb, weil sowohl Ärzte als auch Heilpraktiker alternative und komplementäre Heilverfahren anbieten – und beide Gruppen zum Teil in Konkurrenz zueinander stehen. Zwar behandeln beispielsweise Ärzte mit Zusatzbezeichnung Homöopathie einen Patienten ähnlich wie ein Heilpraktiker, der homöopathisch tätig ist. Während jedoch manche Ärzte glauben, aufgrund ihres schulmedizinischen Wissens “tiefergehend” diagnostizieren zu können als ein Heilpraktiker, sind viele Heilpraktiker der Ansicht, Homöopathie bedürfe keines umfassenden schulmedizinischen Wissens.

Wer macht was: Ärzte und Heilpraktiker

Die meisten alternativen und komplementären Heilverfahren bieten entweder Ärzte oder Heilpraktiker an. So gibt es nach Angaben des Deutschen Zentralvereins Homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) rund 5.500 Ärzte mit Zusatzbezeichnung Homöopathie, etwa 14.000 mit Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren und 1.200 Ärzte mit Zusatzbezeichnung Anthroposophische Medizin. Sie alle sind approbiert und haben sich in Ergänzung zu ihrer Facharztkompetenz weitergebildet. Die Inhalte der Weiterbildung sind entweder in der (Muster)-Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer geregelt. Oder sie sind, wie bei der Zusatzbezeichnung Anthroposophische Medizin, fachgebietsanhängig und werden von der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte (GAÄD) vorgegeben. Dem Heilpraktiker ist es dagegen freigestellt, wie er zu seinem Wissen kommt, denn es ist kein staatlicher geregelter Ausbildungsberuf. Das Wissen, das gemäß dem Heilpraktikergesetz für die Ausübung der Naturheilkunde erforderlich ist, kann an Heilpraktikerschulen, in Seminaren oder durch eigenständiges Lernen erworben werden. Die abschließende Prüfung erfolgt über das Gesundheitsamt. In Deutschland gibt es etwa 18.000 bei den Gesundheitsämtern registrierte Heilpraktiker, davon praktizieren rund 10.0000. Nennt sich ein Heilpraktiker Homöopath, hat er sich in berufsbegleitenden Fortbildungen auf dieses Verfahren spezialisiert.

Prinzipien, Verfahren, Arzneimittel

Heilpraktiker wenden grundsätzlich Verfahren an, die die Selbstheilungskräfte des Menschen stärken. Das können sanfte Reiztherapien, beispielsweise über manuelle Verfahren, das können aber auch Therapien sein, die dem Ordnungsgedanken folgen. “Ist der innere Rhythmus durch Stress, falsche Ernährung oder Mangelbewegung aus dem Gleichgewicht geraten, kommt es zu Beschwerden”, sagt Hilperg-Mühlig. Dieses Chaos gilt es zu beseitigen. Heilpraktiker verwenden für ihre Therapien pflanzliche, anthroposophische oder homöopathische Arzneimittel, alles Arzneimittel der “besonderen Therapierichtung”. Weder werden sie über die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) erstattet, noch sind sie verschreibungspflichtig, allerdings können Patienten einen Großteil dieser Mittel nur in der Apotheke erwerben.
Homöopathen, seien es Ärzte mit Zusatzbezeichnung oder Heilpraktiker, behandeln mit homöopathischen Arzneimitteln, die aufgrund individueller Krankheitszeichen als Einzelmittel nach dem Ähnlichkeitsprinzip angewendet werden. Deutschlandweit gibt es nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfarM) rund 2.000 homöopathische Arzneimittel, die registriert sind, durchschnittlich verwendet, weiß DZVhÄ-Sprecher Christoph Trapp, werden aber nur etwa 400.

Bei der anthroposophischen Medizin steht der Mensch als ganzes, als Autonom, im Vordergrund, dessen Erkrankung als Verwandlung und Entwicklung hin zu einer neuen Stufe gesehen wird, erklärt der Vorstandsvorsitzende des Dachverbands Anthroposophische Medizin (DAMiD) Dr. Matthias Girke. Hierbei gehen Ärzte, die anthroposophisch arbeiten, meist integrativ vor, das heißt, sie wenden anthroposophische Arzneimittel (Naturarzneimitteln wie Mistel und oder Calendula und mineralische Arzneimittel wie Schwefel oder Kalk) zusätzlich zur Schulmedizin an. Daneben gibt es noch rund 1.200 Therapeuten der Anthroposophischen Therapie, die mit künstlerischen Therapieformen, Heileurythmie oder Rhythmischer Massage arbeiten.

Ärzte mit Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren glauben in Ergänzung zu ihrer fachärztlichen Kompetenzen an körpereigene Ordnungs- und Heilkräfte, die insbesondere dadurch gestärkt werden, dass der Patient nebenwirkungsarme oder -freie natürliche Mittel verwendet. Aber auch durch Entspannungstechniken, richtige Ernährung oder Thermotherapien soll einer Krankheit vorgebeugt werden.

Was hilft wirklich – die Studienlage

Das (anhaltende) Problem von CAM: Die Studienlage. “Hierbei kommt es auf die Fragestellung an”, differenziert Dr. med. Claudia Witt vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité, Berlin. Lege man ausschließlich den so genannten Goldstandard für den Wirksamkeitsnachweis einer Therapie oder eines Arzneimittels zu Grunde – also eine prospektive, randomisierte, kontrollierte Doppel-Blind-Studie möglichst mit Placebo-Vergleich – gebe es, beispielsweise für die Homöopathie, noch keine klare Evidenz. Dabei, kritisiert Autor Ullmann, “ist praktisch alles belegt”. Doch durch die “Borniertheit schulmedizinischer tätiger Ärzte” würden die meisten CAM-Studien nicht wahrgenommen. Dabei, ergänzt Girke vom DAMiD, sei der Goldstandard für viele Bereiche einfach nicht passend und es oftmals unmöglich, alle Aspekte zu berücksichtigen. Zudem, sagt Witt, hänge der Umfang einer Studie auch vom Geldgeber ab.

Ausblick: CAM als Alleinstellungsmerkmal einzelner Krankenkassen?

Die Frage der Wirksamkeit stellt sich für die Gmünder Ersatzkasse (GEK) nicht. Wichtig, so Michael Hübner, Leiter des Bereichs Produktentwicklung und Vertragsgestaltung bei der Krankenkasse, sei das Interesse der Versicherten an alternativen und komplementären Verfahren. Da die Versicherten großes Interesse zeigen, schloss die Kasse vor wenigen Wochen gemeinsam mit der KV Rheinland-Pfalz und der KV Niedersachsen sowie zwei weiteren Ersatzkassen eine “Vereinbarung zur Förderung der Qualität in der homöopathischen Behandlung” ab. Seit Oktober erhalten Ärzte mit Zusatzbezeichnung Homöopathie Geld für Erst- und Folgeanamnese, der Patient spart.

Der wachsenden Nachfrage nach CAM werden auch zunehmend. Betriebskrankenkassen gerecht: seit Mitte 2005 haben insgesamt 75 der knapp 200 BKK mit dem DZVhÄ und dem Deutschen Apothekerverband Integrationsverträge (IV) abgeschlossen. Auch hierbei werden die Erst- und Folgeanamnese besonders vergütet. “Wir wollen die sprechende Medizin fördern”, sagt BKK-Bundesverband Sprecherin Lydia Krüger. Wenn einzelne BKK Integrationsverträge mit klassischer Homöopathie nutzen, um sich von anderen Kassen abzugrenzen, spreche nichts dagegen.

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