Prohibition hilft

17. November 2006
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Als Tiger gestartet, als Bettvorleger gelandet: Der deutsche Versuch der Anti-Rauch-Gesetzgebung ist eher mäßig bissig ausgefallen. Einige neue Studien zum Erfolg von Schutzmaßnahmen in anderen Ländern könnten den einen oder anderen Parlamentarier noch einmal zum Nachdenken bringen.

Abgesehen von den Mitarbeitern in PR-Abteilungen der Tabakindustriesind Parlamentarier des Deutschen Bundestags so langsam die einzigegesellschaftliche Gruppe, die mehrheitlich strenge Anti-Rauch-Gesetzeablehnt. Nicht einmal eine Mehrheit der Raucher scheint noch gegen einRauchverbot in Gaststätten zu sein. Wie auch immer man dazu steht,Ärzte und Wissenschaftler haben in den letzten Wochen ihr Möglichstesgetan, um die Debatte mit mehreren Publikationen und öffentlichenVerlautbarungen am Laufen zu halten. Gegner der Raucherei finden hierreichlich Munition für künftige Streitgespräche. Verbotsskeptikerlernen zumindest die Argumente kennen, auf die sie demnächst reagierenmüssen.

An Zufall zu glauben wird langsam schwierig

Am sicher eindrucksvollsten ist eine Studie, die die Folgen des italienischenRauchverbots in der Region Piemont untersucht hat. Sie wurde vonFrancesco Barone-Adesi von der Universität Turin im EuropeanHeart Journal publiziert. In Piemont wie anderswo im Landegilt seit Anfang 2005 in der Gastronomie, aber auch am Arbeitsplatz undin öffentlichen Gebäuden, ein striktes Rauchverbot, das im Großen undGanzen eingehalten wird. Barone-Adesi und seine Kollegen haben sich nuneinfach Klinikstatistiken angesehen und ermittelt, wie vieleKrankenhausaufnahmen es wegen Herzinfarkten in den ersten fünf Monatennach Inkrafttreten des neuen Gesetzes gab. Es waren 832, mehr als zehnProzent weniger als im gleichen Vorjahreszeitraum. Nun geht dieHerzinfarktrate in der westlichen Welt derzeit überall zurück, aberzehn Prozent in einem Jahr sprengt doch den groben Rahmen, den dieserTrend vorgibt. Barone-Adesi sieht das auch so: “Es gibt ganz klar auchsehr kurzfristig einen Nutzen von Rauchverboten”, lautet seine lapidareZusammenfassung der Studienergebnisse. Als einmaliger Ausreißer lässtsich die Beobachtung der Italiener jedenfalls nicht abqualifizieren.Denn Barone-Adesi ist nicht der erste, der einen Zusammenhang zwischender Einführung von Anti-Rauch-Gesetzen und einer Verringerung derHäufigkeit von Herzinfarkten gefunden hat. Schon im Jahre 2004publizierten Wissenschaftler um den Arzt Richard Sargent von derUniversität San Francisco im British Medical Journal eine Studie, die die Herzinfarkte im einzigenKrankenhaus des Städtchens Helena im US-Bundesstaat Montana untersuchthat. Dieser Fall ist besonders interessant, weil hier in der Zeitzwischen Juni 2002 und Dezember 2002 ein striktes Rauchverbot galt, dasdann gerichtlich wieder kassiert wurde. In den Jahren bis 2001 und dannwieder im Jahr 2003 gab es in Helena pro Jahr jeweils rund vierzigHerzinfarktpatienten. Im Jahr 2002 waren es dagegen nur 24. In denumliegenden Städtchen gab es keinen derartigen Knick. Auch das magZufall sein, aber zusammen mit den Erfahrungen in Piemont wäre das danndoch schon zweimal Zufall.

Zeig mir deinen Atem und ich sag' dir wo du wohnst…

Professor Helmut Gohlke von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologienutzte die jüngsten Studienergebnisse, um auf der Herbsttagung seinesVerbands in Nürnberg noch einmal die unmissverständliche Position derdeutschen Herzmediziner klar zu machen: “Der deutsche Gesetzgeberschützt als einer der letzten in Europa die Bevölkerung nicht vor denGefahren des Passivrauchens”, so Gohlke. “Öffentliche Gebäude undGaststätten müssen endlich auch in Deutschland rauchfrei werden.” Außerdem Herzen konnte Gohlke in seinem Plädoyer in Nürnberg auch die Lungeund das Auge als Zeugen aufrufen. Die waren nämlich Gegenstand einerweiteren Studie, die gerade im Journal of the AmericanMedical Association publiziert wurde. Im Mittelpunkt desInteresses der Wissenschaftler von der Universität Dundee standen hierdie Mitarbeiter von Pubs und Bars in Schottland. Der Untersuchungzufolge gingen die subjektiv angegebene Beschwerden wieAtemwegsprobleme, brennende Augen und Halsschmerzen innerhalb von nureinem Monat nach Inkrafttreten des britischen Rauchverbots von knappachtzig auf etwa 54 Prozent zurück und sanken dann weiter auf 47Prozent in den nächsten beiden Monaten. Auch objektive Parameterveränderten sich zum Besseren. Unter anderem stieg dieEinsekundenkapazität an, die Leukozytenzahl im Blut sank und der Anteilvon Stickstoffmonoxid in der Ausatemluft von asthmatischen Patientenfiel ab. Passionierte Nichtraucher werden das alles nicht besondersüberraschend finden, aber immerhin ist es jetzt dokumentiert.

Über die langfristigen Folgen der Rauchverbote kann sich derzeitfreilich noch niemand äußern. “Das werden wir erst in einigen Jahrenermessen können”, unterstreicht auch Francesco Barone-Adesi. Schonjetzt aber ist klar, dass in praktisch allen Ländern mit Rauchverbotendie Bevölkerung diese Maßnahme mit überwältigender Mehrheit gut heißt.Besonders deutlich drehte sich die Stimmung in Neuseeland, womittlerweile zwei Drittel der Raucher und über neunzig Prozent derNichtraucher dafür sind. Ähnliches berichten auch Italien undGroßbritannien.

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