Pssst – Ekelthemen in der Medizin

12. September 2012
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Es gibt Dinge, über die redet man nicht, die hat man einfach. Geld? Schön wäre es. Nein: Hämorrhoiden, Mundgeruch oder Feigwarzen zum Beispiel. Dabei wäre da ein bisschen weniger Verklemmtheit als Patient meistens wirklich besser.

Niemand stört sich daran, wenn jemand im Wartezimmer seine Blutdruckwerte zum Besten gibt. Keiner rümpft die Nase, wenn von Bandscheibenproblemen die Rede ist. Männer, die sich auf dem Fußballplatz das Sprunggelenk verrenken, können sich sogar der Bewunderung anderer sicher sein. Doch wehe, jemand käme auf die Idee, sich in geselliger Runde über seine Blähungen auszulassen oder sein Gegenüber zu fragen: „Ach übrigens, wie geht es denn deinem Vaginalpilz?“ Von solchen Krankheiten will keiner etwas hören. Oder noch weniger will man darüber reden. Solche Themen sind einfach tabu. Auch sind solche Themen bei Arztbesuchen sehr unangenehm und werden oft peinlichst vermieden. Viele Patienten verzichten wegen solcher Krankheiten sogar gleich ganz auf den Arztbesuch. Aber auch Krankheiten, die unangenehm oder peinlich sind, müssen behandelt oder sich zumindest von einem Arzt angeschaut werden.

Selbst heute in unserem modernen Zeitalter halten sich einige Tabus beharrlich, vor allem aus Angst vor den Reaktionen des Umfelds. Tabus sind für viele Menschen ungeschriebene gesellschaftliche Gesetze. Zwar droht bei einem Tabubruch kein Strafzettel wie bei einer Ordnungswidrigkeit, dafür droht den Betroffenen eine andere Bestrafung: Wer unliebsame Leiden ungebeten offenbart, stößt in der Regel auf peinlich berührtes Schweigen, pikiertes Hüsteln, Ablehnung oder sogar Stigmatisierung.

Die Hand im Spiel

Dabei unterliegen die Tabukrankheiten wie alles andere, dem Wandel der Zeit. Im antiken Griechenland sagte man psychisch kranken Patienten eine besondere Beziehung zu Göttern nach. Der zunehmende Einfluss des Christentums machte mit dieser Vorstellung Schluss. Nun war es der Teufel, der seine Hände im Spiel hatte. Auch heutzutage sind nicht alle Vorurteile verschwunden. Dass sich psychische Störungen beispielsweise nicht im Labor oder im Kernspin nachweisen lassen, passt nicht in das Bild unserer technikfixierten Zeit. Und so stehen Menschen mit Depressionen schnell unter dem Verdacht, disziplinlos oder gar arbeitsscheue und faule Drückeberger zu sein, welche um Ausreden nicht verlegen sind. Um der ganzen Stigmatisierung und Vorverurteilung zu entgehen, halten viele ihr Leiden unter dem Deckel. Sie scheuen sogar den hilfreichen Gang zum Arzt, da sie Angst haben, dort den gleichen Vorurteilen zu begegnen. Und so wird das Leiden der Patienten nur noch schlimmer.

Vor allem Männer scheuen den Gang zum Arzt. Das tun sie selbst dann, wenn es um organische Beschwerden geht. Schwächeln kratzt am Bild vom starken Geschlecht. Gerade Leiden, die mit körperlichem, sexuellem oder geistigem Potenzialverlust einhergehen, stehen für Männer auf der Tabuliste ganz oben.

Bloß kein Kontrollverlust

Das gilt genauso für Krankheiten, die eng in Verbindung mit den menschlichen Sekreten stehen, wie etwa Harninkontinenz. Zwar haben etwa fünf Millionen Betroffene in Deutschland damit Probleme, doch die wenigsten Menschen reden darüber. Das mag noch in Ordnung gehen, wenn es um Freunde oder Bekannte geht. Aber angeblich traut sich jede zweite Frau noch nicht einmal, wegen solcher Beschwerden zum Arzt zu gehen. Dabei könnte der Arzt wahrscheinlich helfen, diese Beschwerden zu lindern. Unfreiwillige Ausscheidungen sind nämlich in der Wahrnehmung vieler Menschen ein Zeichen von Kontrollverlust. Wer sich daher selbst nicht mehr unter Kontrolle hat, befindet sich in den eigenen Augen auf dem absteigenden Ast und fühlt sich beschämt. Zu beschämt, um sich helfen zu lassen.

Genau dies erschwert es Frauen auch, sich zum Klimakterium zu bekennen. Nimmt man die Wechseljahre wörtlich, so wechselt mit deren Einsetzen die Frau in einen anderen Status. Schuld daran ist das Östrogen, welches sich wie so vieles andere verflüchtigt. Angereichert ist das Ganze mit Symptomen wie Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen und vielen anderen Beschwerden. Kurz gesagt, nichts, worüber man als Frau gerne so nebenbei plaudert. Auch nicht vor einem Arzt.

Das nötige Feingefühl

Doch diese Tabuthemen können zu einem ganz großen Problem in der Medizin heranwachsen. Denn es gibt ansteckende Tabu-Krankheiten. Und etwas, das totgeschwiegen wird, kann man nicht bekämpfen. Da traditionell alle Krankheiten, welche den Intimbereich betreffen, als peinlich gelten, sind Geschlechtskrankheiten mittlerweile wieder vermehrt auf dem Vormarsch. Während von 1995 bis 2000 jährlich etwa 1.150 Syphilisfälle in Deutschland registriert wurden, verzeichnete man im Jahr 2009 über 2.700 Meldungen von Syphiliserkrankungen. Dadurch, dass solche Geschlechtskrankheiten ungern angesprochen werden und jeder Betroffene damit nicht unbedingt zum Arzt möchte, steigt die Gefahr, dass Infizierte andere Menschen damit anstecken und sich das Ganze wie eine Epidemie ausbreitet. Wichtig wäre hier, diese Scham zu überwinden und an die eigene und natürlich auch an die Gesundheit der Mitmenschen zu denken. An erster Stelle stehen natürlich auch absolutes Feingefühl und die Verschwiegenheit von Seiten des Arztes.

Nicht leicht haben es auch Betroffene mit Mundgeruch, Blähungen und Hämorrhoiden. Diese Dinge sind zwar nicht ansteckend, aber für den Betroffenen selbst sehr unangenehm und peinlich. Dasselbe gilt auch für Hyperhidrosis-Geplagte. Während schweißgebadete Schwerstarbeiter oder Sportler entschuldigt sind, stoßen scheinbar grundlos transpirierende Menschen auf Ablehnung. Feuchte Hände will niemand drücken. Kleidung, die am Körper klebt, will niemand sehen. Daher wollen die Betroffenen die Krankheit verbergen. Und sie wird ebenfalls totgeschwiegen.

Keine zu hohe Experimentierfreudigkeit

Immerhin durchbricht die Werbung immer häufiger die Mauer des Schweigens. Auch wenn die Gründe dafür sicherlich wirtschaftlicher Natur sind, schadet eine solche voranschreitende Enttabuisierung den Erkrankten nicht. Promis mit Blähbauch outen sich, Frauen jenseits der 50 Jahre hüpfen munter übers Tanzparkett und Männer mit Glatze machen Werbung für Koffein-Shampoos. Aber dadurch ist die Gefahr auch hoch, dass sich die Patienten selbst behandeln. Und gerade das soll vermieden werden, da die Betroffenen statt Arztbesuchen gefährliche Selbstexperimente im stillen Kämmerlein durchführen.

Unbehandelt treiben viele schambesetzte Leiden die Patienten immer mehr in die soziale Isolation. Wird der Arztbesuch schließlich unumgänglich, ist die Krankheit oft unnötig weit fortgeschritten, das belegen auch viele Studien. Dabei liegt die Heilung oft ganz nah, wenn man sich rechtzeitig helfen lässt. Ihr als angehende Ärzte solltet Euch der Tatsache bewusst sein, das Ihr stets ein offenes Ohr für alle – noch so peinlichen – Probleme Eurer Patienten haben solltet. Vertrauen aufbauen ist das Motto. Auch ist es wichtig, dem Patienten das Gefühl zu geben, dass er mit jedem Problem in das Behandlungszimmer kommen kann. Gerade in der Medizin müssten Schamgrenzen zwischen Arzt und Patient verschwinden und durch Gespräche und Ehrlichkeit ersetzt werden.

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1 Kommentar:

Marcus Meißner
Marcus Meißner

Ich sehe das ähnlich wie die Autorin, allerdings sollte es gerade als Arzt unsere Pflicht sein zum einen dem Patienten die Hemmung zu nehmen über diese “peinlichen” Themen mit uns zu sprechen und zum anderen sollte man selbst bei der klinischen Untersuchung nicht aus Peinlichkeit oder Ekel diverse Untersuchungen weglassen. So manches Condylom wird nie erkannt wenn jeder Untersucher auf die rektale Untersuchung verzichtet.
Im übrigen ist es nach meiner Erfahrung wie mit der Sexualanamnese in der Psychiatrie, am Anfang ist es einem selber peinlich diese Fragen zu stellen aber irgendwann merkt man, wenn man ein gewisses Maß an Empathie an den Tag legt, dass viele Patienten froh sind endlich einmal darüber reden zu können und eventuell sogar Hilfe zu erfahren.

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